Die spirituelle Welt

Probekapitel

Tot – und nun?

Reden wir nicht lange herum: Sie sind gerade eben gestorben. Zu Ihrer Beruhigung: das ist nicht Hollywood, also gibt es keine Explosion, keinen zerfetzten Körper. Es ist ein sauberer Herztod, und Sie müssen sich auch keine Sorgen wegen der Nachbarn machen, Sie werden in einer halben Stunde gefunden und ganz hygienisch abtransportiert. Es war zudem ganz schmerzlos, ich bin ja kein Unmensch... also fast, wenigstens. Das Stechen in der Brust kann ich Ihnen nicht ersparen, auch nicht das verzweifelte Ringen um Atem, aber das waren nur ein paar Sekunden. So, jetzt wissen Sie, daß Sie tot sind. Außerdem liegt da noch Ihr bisheriger Körper ziemlich nutzlos herum.

Ja, und jetzt? Wäre ein Notarzt hier, würde der natürlich alles versuchen, von der Herzmassage über eine Injektion bis hin zu den fernsehwirksamen Elektroschocks. Leider ist keiner hier, also bleiben Sie tot. Laufen Sie bitte nicht als Leichnam herum, außer ein paar Satanisten mag niemand wirklich Zombies.

Wenn Sie wollen, können Sie jetzt ohne Körper ein wenig herumgeistern. Das ist zwar Zeitverschwendung, aber Sie haben es nicht mehr eilig, oder? Sie können zum Beispiel nachschauen, was Ihre Kinder jetzt so treiben. Ein einziger Gedanke, ein intensiver Wunsch trägt Sie dort hin. Ohne trägen Körper ist das ganz einfach. Wenn Sie wollen, verabschieden Sie sich in Ruhe von Ihren Verwandten. Hören und Sehen können die Sie zwar nicht, aber Sie können ihnen noch ein paar gute Wünsche zudenken. Sie können gerne mal nachschauen, was in der Sauna Bar 2000 so passiert... Nur haben Sie von diesem Voyeurismus nichts mehr, weil Ihnen die Hormone und die Organe dazu fehlen.

Was Ihnen außerdem fehlt, ist der Sinn für Ihr weiteres Verweilen. Sie kennen die Erde doch schon, also, warum wollen Sie noch ausgiebig herumgeistern? Ändern können Sie sowieso nichts mehr. Sie werden außerdem vor Gericht erwartet, vor dem Seelengericht. Dort geht es weder um ein Strafmandat wegen Parkens in zweiter Reihe vor der Feuerwehrausfahrt, noch darum, wie oft Sie am Sonntag in der Kirche gewesen waren, sondern um die wirklich wichtigen Dinge – Ihr ganzes Leben und wie Sie zu diesem Leben stehen.

Danach werden Sie abgeholt. Falls Sie nicht selber lauthals rufen, schickt Ihnen das Jenseits von sich aus einen Boten. Das kann ein guter Freund sein, Ihre Großmutter, Ihre Schwester... Es gibt Leute, die wollen von Abraham, Jesus Christus oder Buddha persönlich empfangen werden. Oh ja, das geht. Zumindest sieht der Bote so aus, wie Sie sich Ihren persönlichen Superstar vorstellen. Es ist die Person, der Sie am meisten Vertrauen entgegenbringen. Politiker werden übrigens ganz selten verlangt.

Aber ehe sich mein Verlag beschwert, lasse ich Sie lieber ins Leben zurückkehren. Wenn meine Leser gleich auf der ersten Seite sterben, verkaufe ich zu wenige Bücher, deshalb ist es dem Verlag lieber, wenn ich Herrn Hans Meier umbringe, der noch nie ein Buch von mir gekauft hat und es nicht einmal in Zukunft tun möchte. Nein, nein, das ist nicht der Hans Meier, den Sie kennen, sondern ein völlig Anderer. Ehrlich.

Hans Meier hatte ein erfülltes Leben gehabt. Wäre er ein Politiker, hätte er problemlos eine 3.000-seitige Autobiographie über sich schreiben lassen können. Da stünde zwar nur drinnen, daß Freund Hans immer recht gehabt und alles besser gewußt hatte, während die Anderen alle Deppen sind, das ist bei Prominenten-Biographien so üblich.

Die Seele des Herrn Meier steht jetzt ein wenig verschüchtert herum und fragt sich, warum nach so vielen Jahrzehnten treuen Dienstes dieser Körper nicht mehr bereit ist, ihn zu beherbergen. Er fragt sich das solange, bis er das helle Licht bemerkt. Dieses Licht ist so grell, daß alle anderen Wahrnehmungen dagegen verblassen, aber es ist weder aufdringlich noch schmerzhaft, sondern warm und verlockend.

Hans Meier steht vor dem Seelengericht, er wird jetzt durch sein Leben geführt. Es läuft beschleunigt vor ihm ab, die wichtigen Ereignisse dringen in sein Bewußtsein. Und Sie bekommen selbst davon nur eine kleine Auswahl dargeboten. Oder wollen Sie wirklich 3.000 Seiten aus dem Leben eines völlig Unbekannten lesen?

* * *

Herr Meier wundert sich, daß die Umgebung um ihn herum verblaßt. Er findet sich in einer neuen Umgebung wieder, hält den Goldhamster aus Kindertagen in der Hand, steckt ihn als lebenden Motor in ein gebasteltes Fahrzeug. Hans Meier steckt mitten in der Szene, sieht sich selbst handeln, fühlt das kleine Tierchen in seiner Hand, das Fell, die Körperwärme... und er fühlt die Angst und die Verunsicherung, die der kleine Hamster dabei empfindet.

Hans Meier empfindet Mitleid mit dem Tier. (0,00 => +0,03)

Herr Meier erlebt sich auf dem Nachhauseweg von der Schule. Er steckt mitten in der Handlung, ist aber doch passiv, kann den Ablauf nicht verändern. Sein Mitschüler Michael Beck hat auf ihn gewartet, die gegenseitigen Beleidigungen sind schnell ausgetauscht, dann fliegen die Fäuste. Hans gewinnt die Oberhand, sitzt auf Michael, schlägt ihm immer wieder ins Gesicht, bis der Unterlegene zu weinen anfängt. Hans spürt nicht nur die körperlichen Schmerzen, die er dem Anderen zufügt, sondern auch die Demütigung, die dieser dabei empfindet.

Diese Abreibung war schon lange fällig! (0,16 => 0,07)

Carmen Deisler, der Trostpreis... Hans hatte sich mit ihr nur getroffen, weil Monika Sarow ihn abgewiesen hatte. Sogar, als er mit Carmen geschlafen hatte, mußte er an Monika denken. Und jetzt, jetzt war er endlich bei Monika gelandet! Er sieht Carmen stehen, bekommt mit, wie sie neidisch und entrüstet zu ihnen herüberblickt. Er spürt ihre Seelenpein, die Trauer, die Niedergeschlagenheit.

Dumme Kuh, sie hätte wissen müssen, daß sie nur der Trostpreis ist – war sie schließlich immer. (-0,27 => -0,44)

„Hans, du wirst... Wir bekommen ein Kind!“

„Ein Kind? Aber...“ Die Gedanken von Hans Meier überschlagen sich. Hundert Vor- und Nachteile drängen sich gleichzeitig in sein Bewußtsein. Er schafft es nicht einen klaren Gedanken zu fassen.

„Du... du freust dich gar nicht?“

Hans spürt die Angst in Jutta, die Sorge um die Zukunft. Er atmet tief durch. „Dann werden wir heiraten, damit mein Sohn in einer ordentlichen Familie aufwächst!“

Jutta seufzt erleichtert und umarmt Hans. Der beobachtende Hans spürt ihren Körper in seinen Armen, atmet den Duft ihrer Haut und empfindet die Erleichterung und das Glück, die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.

Die Entscheidung hatte Hans nie bereut, obwohl er damals mit dem Geständnis überfallen worden war. Jutta... Er genießt die glücklichen Empfindungen.
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Hans Meier erlebt seine Meisterfeier. Der prüfende Obermeister gratuliert ihm und überreicht ihm den Meisterbrief.

Hans empfindet Stolz. Er hatte sich mit seinem Meisterstück abgemüht und das Beste gegeben, zu dem er fähig gewesen war. (0,08 => 0,08)

Schreinermeister Meier stellt eine Rechnung aus. Ganz selbstverständlich schlägt er zweimal eine halbe Stunde zusätzlich auf. Er spürt zwar den Ärger seiner Kunden über die erhöhte Rechnung, aber gleichzeitig deren Abneigung, wegen dieses relativ geringen Betrags einen Sachverständigen oder einen Anwalt einzuschalten.

Das machen doch alle. Wenn ich nicht ein klein wenig trickse, frißt mich die Steuer auf. (0,01 => -0,09)

¯

Sein ganzes Leben rauscht an Hans Meier vorbei. Er erlebt jede einzelne Szene, und in ihr nicht nur das, was er selbst dabei gedacht und mit seinen Sinnen verspürt hatte, sondern auch alles, was jene Menschen oder Lebewesen dabei gefühlt hatten, die von seinen Handlungen betroffen wurden. Jetzt, oft Jahrzehnte später, denkt er über manche Dinge anders. Was damals unglaublich wichtig erschienen war, ist heute, mit der Weisheit des Alters und dem zeitlichen Abstand, oft völlig nebensächlich. Aber vieles würde er heute wieder genauso machen, mit der gleichen Überzeugung wie damals, als er tatsächlich so entschieden hatte.

Ja, das war sein Leben, das Leben des Hans Meier. Er steht dazu und bedauert nur wenig. Sein Leben geht zu Ende, er erlebt sich selbst beim Sterben. Ja, Hans Meier ist tot, oder besser, der Mensch, der Hans Meier gewesen war. Das Leben, seine Existenz, geht weiter, hier, an diesem seltsamen Ort.

Herr Meier findet sich im Licht wieder und erkennt schemenhaft eine Gestalt, die ihm bekannt vorkommt. Er empfindet das erste Mal in seinem Leben eine umhüllende Liebe, ein körperliches Willkommensein. Er geht näher heran und erkennt in dieser Gestalt seine eigene Mutter, nicht so alt und abgehärmt, wie er sie auf dem Totenbett gesehen hatte, sondern als die starke, liebende Frau, die sie in seiner Kindheit gewesen war. Ja, mehr noch, schön und makellos, bar jeder Blessuren, die das Leben damals schon hinterlassen hatte.

Die Mutter heißt Hans willkommen, es ist eine private Begrüßung, die den Sohn überzeugt, daß er wirklich seiner Mutter gegenüber steht.

Herr Meier hat natürlich eine Menge Fragen, von denen seine Mutter viele beantwortet und sich im Gegenzug nach den Verhältnissen in der Familie und in ihrem Bekanntenkreis erkundigt.

Schließlich stellt er die wichtigste Frage: „Was passiert jetzt?“

„Hans, du hast das Seelengericht bereits durchlaufen – es scheint endlos zu dauern, aber es waren nur ein paar Sekunden. Du hast es erfolgreich abgeschlossen und darfst mit mir kommen. Ich hatte ein wenig befürchtet... Du warst schließlich nicht immer nur mein lieber kleiner Junge.“

„Das Seelengericht?“ Die Gedanken von Herrn Meier überschlagen sich. „Aber dann... Komme ich in den Himmel, die Hölle oder das Fegefeuer?“

Seine Mutter umarmt ihn. „Nein, mein Junge. Oh, diese Orte gibt es hier tatsächlich, aber du gehst mit mir nach Eleulorien, nach Neustadt. Du bekommst dort ein Haus und eine neue Werkstatt...“

„Eleulorien? Was ist das für ein Land? Und wieso Werkstatt? Muß ich hier etwa arbeiten? Ich bin doch tot, oder?“

Seine Mutter lächelt wissend. In dieser Sekunde verändert sich die Umgebung. Sie beide stehen jetzt vor einem Einfamilienhaus, wie man in jedem deutschen Dorf oder jeder Vorstadt Dutzende gefunden hätte.

„Eleulorien ist das Mittelreich hier im Jenseits, gleich weit von Himmel und Hölle entfernt. Du mußt nicht arbeiten, aber es hilft, dich hier einzugewöhnen. Es ist fast so, wie auf der Erde.“

„Ja, aber... aber...“

Seine Mutter legt ihm die Finger auf den Mund. „Laß uns erst einmal hineingehen, ja? Du hast natürlich viele Fragen, bestimmt mehr, als ich beantworten kann. Gewöhne dich erst einmal ein, dann kannst du mit dem Rabbi sprechen.“

„Mit dem Rabbi?“, staunt Herr Meier, dem das Haus immer vertrauter vorkommt, weil es immer mehr dem gleicht, das er auf der Erde besessen hatte.

„Bisher hat es kein katholischer Priester nach Neustadt geschafft. Vielleicht kommen die alle auf eine höhere Ebene? Einmal im Jahr kommt der Bischof aus Bielefeld zu uns...“

„Bielefeld hat einen Bischof?“, staunt Herr Meier.

„Unseres hier schon“, antwortet seine Mutter.

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