Das Gefangenen-Dilemma (4.5.2005)

Zwei Verbrecher wurden festgenommen und der Staatsanwalt eröffnet ihnen: "Meine Herren, wir haben genug Beweise, um Sie beide jeweils zwei Jahre einzubuchten. Aber da wären noch ein paar Dinge, die wir Ihnen bisher nicht nachweisen können. Ich würde die Fälle gerne abschließen und biete Ihnen ein Geschäft an: Wenn sich einer von Ihnen als Kronzeuge zur Verfügung stellt und gegen den anderen aussagt, kommt der Zeuge nach einem Jahr frei und der andere wandert für fünf Jahre in den Knast. Wenn Sie allerdings beide aussagen, heißt das vier Jahre Gefängnis für jeden von Ihnen."

Danach wandern die beiden in getrennte Haftzellen und sehen sich erst bei der Verhandlung wieder. Der Staatsanwalt verhört sie nur noch einzeln und sagt nichts über das Verhalten des Mithäftlings aus. Erst bei der Verhandlung erfahren die Gefangenen, wie sich der andere verhalten hat.

Das Angebot des Staatsanwaltes ist nicht gerade fair, verspricht er doch Vorteile für Verrat. Um das Dilemma genauer zu analysieren, stelle ich es als Tabelle dar:

Verhalten
Haft für A
Haft für B
Aufsummierte Haftstrafe
Beide halten dicht
2 Jahre
2 Jahre
4 Jahre
A sagt aus, B schweigt
1 Jahr
5 Jahre
6 Jahre
Beide sagen aus
4 Jahre
4 Jahre
8 Jahre

Da sich der Fall "A sagt aus, B schweigt" nicht von "B sagt aus, A schweigt" unterscheidet, habe ich ihn weggelassen.

Aus der Tabelle lassen sich folgende Lehren entnehmen:
- Handeln beide Gefangenen ehrenvoll und schweigen, so ist die Gesamtstrafe am geringsten.
- Verrät nur einer den anderen, kommt er am besten weg, der andere hingegen wird richtig hineingeritten.
- Verraten sich beide gegenseitig, ist es für alle am schlechtesten und die Haftstrafe in der Summe am höchsten.
- Egal, was der andere tut, der Verrat erspart ein Jahr Gefängnis.

Das Gefangenen-Dilemma ist ein Sinnbild für viele Abläufe in der heutigen Gesellschaft, deshalb habe ich es ohne Einleitung vorangestellt. Sehr oft wird bei der Analyse jedoch die vierte Lehre übersehen, wonach der Verräter in jedem Fall profitiert.

Setzen wir das Gefangenen-Dilemma um: Die Taschenlampen der Firmen "Aurora" und "Bellalux" unterscheiden sich hauptsächlich im Design. Beide Firmen produzieren im Hochlohnland Demokratien und haben den Markt unter sich aufgeteilt. Die wichtigsten Umsatzbringer sind die Standard-Modelle zu 9,95 Taler.

Eines Tages erscheint ein Abgesandter aus Charma beim Chef von Aurora und bietet an, die Aurora-Standard-Lampe doch in Charma fertigen zu lassen. Die Produktionskosten würden dort nicht 6,80 Taler, sondern nur 1,80 Taler betragen, mit Transport, Zoll und allem Drum und Dran kämen die Taschenlampen für 2,30 Taler ins Lager der Firma Aurora.

Jetzt kommt der Chef ins Grübeln. Gewiß, er müßte 1.000 Leute entlassen, wenn er die Produktion nach Charma verlagert, aber zugleich könnte er seine Spanne von bisher 3,15 Taler pro Lampe auf 7,65 Taler steigern. Oder seine Lampen für 8,95 Taler anbieten und so Bellalux Marktanteile abjagen, bei immer noch mehr als dem doppelten Gewinn. Er will schon unterschreiben, als er durch Zufall erfährt, daß der Herr aus Charma sich nach dem Weg erkundigt hat - dem Weg zum Sitz von Bellalux.

Und damit steckt Aurora in der Klemme! Wenn Aurora sich für die Arbeitsplätze in Demokratien entscheidet, Bellalux hingegen in Charma fertigen läßt, könnte Bellalux seine Lampen unter dem Fertigungspreis von Aurora anbieten und würde dabei sogar noch satte Gewinne einfahren. Nicht unterschreiben gefährdet somit die Existenz der Firma.

Anders als die Gefangenen können sich Aurora und Bellalux absprechen. Sie können vereinbaren, in Treue fest zu Demokratien und ihren hiesigen Arbeitern zu stehen. Doch sie können sich nie ganz sicher sein, daß sich die andere Seite daran hält. Jede Aktion des anderen wird argwöhnisch beobachtet, ob dieser nicht doch mittlerweile in Charma produzieren läßt.

Wie die Sache ausgeht? Nun, Aurora und Bellalux verlagern ihre Produktion nach Charma. Im nachfolgenden harten Preiskampf brechen ihre Gewinne ein. Schließlich kündigen die Charmanesen die Verträge und sowohl Aurora als auch Bellalux stehen ohne Produktion da. Aber auf Taschenlampen muß Demokratien nicht verzichten. Die werden ab jetzt von Charma Light Industries geliefert und sehen den früheren Modellen von Aurora und Bellalux zum Verwechseln ähnlich. Klagen wegen Plagiat laufen ins Leere, da Charma Light Industries nachweisen kann, daß weder Aurora noch Bellalux in den letzten Jahren solche Taschenlampen gefertigt haben.

Ja, so läuft es in der Wirtschaft. Wenn ALLE Schlachthöfe ehrlich spielen und nur deutsche Arbeiter beschäftigen, geht es allen Schlachthöfen gut und die deutschen Schlachter haben Arbeit. Wenn aber der erste Schlachthof polnische Schlachter-Kolonnen einsetzt und damit billiger produziert als seine Konkurrenz, beginnt ein gnadenloser Preiskampf und zuletzt arbeiten alle mit Polen. Schön billig, aber die Familien der arbeitslosen deutschen Schlachter können sich weniger Fleisch leisten und damit haben die Schlachthöfe nicht nur in Geld, sondern auch in Menge weniger Umsatz als zuvor.

Damit wirkt sich die vierte Lehre katastrophal aus: Jeder einzelne Schlachthof hat die für sich beste Entscheidung getroffen, aber weil es alle getan haben, ist diese Entscheidung falsch gewesen.

Ein anderes Beispiel sind Kinder. Kinder in die Welt zu setzen ist ein ganz kurzer Lustgewinn, der mit Jahrzehnten der persönlichen Einschränkung bezahlt wird. Kinder kosten Geld und erfordern eine intensive Betreuung, man ist durch sie gebunden. Zumindest in Einkommensschichten, in denen die Familie "Nachkommen" hat, keine "Erben". (Ja, ich weiß, daß man Kinder auch ganz anders einschätzen kann, aber das ist nicht das Thema dieses Textes.)

Rein wirtschaftlich ist der Verzicht auf Kinder für den Einzelnen ein Vorteil. Gesamtwirtschaftlich aber sind fehlende Kinder der Untergang. Wieder gilt: Wenn jeder Einzelne sich für seine Belange optimal verhält, geht das System zu Grunde.

Adam Smith, der in seinem Buch "Wealth of Nations" die theoretischen Grundlagen des modernen Kapitalismus' geschaffen hat, kannte leider das Gefangenen-Dilemma nicht. Er postuliert: Wenn jeder das tut, was für ihn selbst am besten ist, dient dies ganz von selbst dem Staat am besten und dieser profitiert am meisten.

Leider ist dem nicht so.

In alten Zeiten, also jenen, welche die heute regierenden 68er nicht verstanden haben, sprach man von Verpflichtung oder gar Hingabe dem Volk oder dem Staat gegenüber. Ich würde auch gerne darüber reden, aber damit befinde ICH mich im Gefangenen-Dilemma.

Hingabe an einen Staat, dessen Vertreter vor allem dadurch auffallen, daß sie sich hemmungslos die eigenen Taschen füllen? Die weder Anstand noch Moral verkörpern, sondern trotz aller Verfehlungen bis zuletzt an ihren Posten kleben? Die Bedürftige mit Hartz IV einschränken, aber an ihrer eigenen Besoldung ganz und gar nicht rütteln? Die sich oft sogar zu schade sind, ihre Parteibeiträge zu bezahlen, welche aber von der armen Witwe jederzeit eingetrieben werden?

Verpflichtung einem Staat gegenüber, der mir mit Paragraph 130 StGB vorschreibt, was ich zu denken habe? Ein Staat, der mir Schuld für Ereignisse aufbürdet, die lange vor meiner Geburt stattgefunden haben? Ein Staat, der abweichende Meinungen schlimmer zensiert, als einstmals die Reichskulturkammer? Ein Staat, der meine Steuergelder verschwendet, sie ins Ausland transferiert und mir einredet, das geschähe alles im Namen des Friedens und der freien Weltwirtschaft?

Oh ja, ich weiß, es wäre besser, wenn wir alle mehr für diesen, unseren Staat tun würden. Wenn wir uns alle ehrenhaft verhalten würden. Aber ich bekomme täglich vorgeführt, um wieviel besser es jenen geht, die das nicht tun. Dank dieses Vorbildes weiß ich, daß ich es nicht aufnehmen muß, damit anzufangen. Es hätte nämlich keinen Sinn.

Wie lange es so weitergehen wird, kann ich nicht abschätzen. Ich weiß nicht einmal, ob das Ende mit einem Krach kommen wird oder mit einem Winseln. Aber ich hoffe, daß wir danach unsere Lektion gelernt haben. Die Lehre ist einfach, die Synthese aus Adam Smith und dem Gefangenen-Dilemma:

Verhalte Dich so, wie es für die Allgemeinheit am besten ist, dann ist es letztlich zu Deinem eigenen Besten!

© Michael Winkler