Deutschland im Jahr 2020 (24.8.2005)

Dieser Text wurde von mir bereits im ersten (inzwischen gelöschten) Deutschland-Forum veröffentlicht. Da jedoch viele Leser des Prangers dort nicht hineinschauen, möchte ich ihn hier noch einmal in aktualisierter Form einstellen. Im folgenden werden sechs Szenarien entwickelt, wie Deutschland im Jahr 2020 aussehen könnte. Bei den ersten drei Szenarien gehe ich davon aus, daß die Lage in Europa friedlich bleibt, es also nicht zu einem Krieg in Europa oder gar zu einem Weltkrieg kommt. Bei den letzten drei Szenarien findet genau dieser Weltkrieg statt.

Wieso Weltkrieg? In Prophezeiungen und Zukunftsschauen von der Bibel über Nostradamus bis Irlmaier - um nur einige bekannte Namen zu nennen - wird immer wieder von einem dritten Weltkrieg berichtet, einem Überfall Rußlands auf Westeuropa, der jedoch mit einem Sieg der Europäer enden soll. Ob nun tatsächlich ein Krieg stattfindet oder eine andere Katastrophe - von der Pandemie bis zum Einschlag eines Asteroiden ist alles denkbar - es kommt zu einem zeitweiligen Zusammenbruch der Zivilisation und einem Neuanfang, wie in jenen Szenarien geschildert.

Die Auswirkungen für den Einzelnen werden am Beispiel von fünf Personen geschildert, die natürlich den Umbruch überleben müssen, um auch 2020 noch als Beispiel zu dienen. Die Wahrscheinlichkeiten sind meine eigenen Schätzungen.

Keine umwälzenden Katastrophen:

Szenario 1: Goldenes Zeitalter (Wahrscheinlichkeit: 10 %)

Die Maßnahmen der Bundesregierung greifen. Technische Entwicklungen lösen unsere Probleme, eine Art Thatcher-Effekt erneuert Deutschland.

Szenario 2: Winselndes Ende (Wahrscheinlichkeit: 60 %)

Es geht weiter bergab. Die politische Führung erweist sich als unfähig, jedoch bleibt der große Knall aus. Deutschland geht vor die Hunde.

Szenario 3: Revolution (Wahrscheinlichkeit: 30 %)

Im verzweifelten Versuch, das Ruder herumzureißen, bricht in Deutschland eine Revolution aus. Die Revolution wird niedergeschlagen.

Deutschland nach einer Weltkatastrophe:

Natürlich gehen die Szenarien davon aus, daß die genannten Städte nicht durch strategische Atomschläge oder "kosmische Bomben" vollständig vernichtet wurden. Eine kleine Anmerkung: Es geht in diesen Szenarien nicht darum, möglichst exakt alle Schauungen und Vorhersagen einzuarbeiten. Das Anliegen ist die Beschreibung der Lebensumstände "danach", im Jahr 2020.

Szenario 4: Rasche Erholung (Wahrscheinlichkeit: 20 %)

Nach dem Zusammenbruch wird relativ rasch wieder Ordnung geschaffen. Das technische Niveau von heute kann gehalten werden.

Szenario 5: 50er Jahre (Wahrscheinlichkeit: 50 %)

Die Globalisierung ist zu Ende. Deutschland wird auf sich selbst zurückgeworfen, internationale Beziehungen sind auf ein Minimum beschränkt.

Szenario 6: Rückkehr ins Jahr 1800 (Wahrscheinlichkeit: 30 %)

Die technische Zivilisation ist zerstört. Fossile Brennstoffe sind nicht zu beschaffen, auch Kohle und Eisen aus den zerstörten Bergwerken bleiben Mangelware.

Zwei weitere Möglichkeiten werden hier nicht weiter ausgebreitet. Zum einen der "atomare Winter", bei dem es kaum Überlebende gibt, zum anderen ein Eingreifen der "Reichsflugscheiben", was wohl dazu führen würde, daß die Entwicklungen des "goldenen Zeitalters" noch übertroffen werden.

Wie leben unsere künftigen Freunde im Jahr 2005?

Anton

Anton ist 32 Jahre alt und Informatiker in München. Er verdient 4.800,- Euro/Monat bei einer mittelgroßen Softwarefirma (100 Angestellte). Er ist ledig mit wechselnden Lebensabschnittspartnerinnen. Er wurde zwar katholisch erzogen, trat aber aus der Kirche aus, um die Kirchensteuern zu sparen. Er fliegt zweimal im Jahr in den Urlaub und verbringt die Winterwochenenden in den Alpen, auf Skiern und Snowboard. Aus Steuergründen besitzt er eine Eigentumswohnung, die er komplett fremd finanziert hat. Er fährt einen Sportwagen und in den Sommermonaten ein schweres Motorrad.

Berthold

Berthold arbeitet bei den Ford-Werken im Köln, sozusagen "am Band", wobei es richtige Fließbänder nicht mehr gibt. Berthold ist 35 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder. Er verdient 3.200,- Euro im Monat. Er ist katholisch, besucht Gottesdienste jedoch nur an hohen Feiertagen und gelegentlich mit seinen Kindern. Für den Urlaub mietet er sich einen Wohnwagen, den er mit seinem großen, mit Firmenrabatt erworbenen Kombi zu preiswerten Campingplätzen zieht.

Cäsar

Cäsar ist 26 und lebt in Leipzig. An die DDR hat er kaum noch Erinnerungen, nur ein paar alte Fotos von den "jungen Pionieren". Er gehörte nie einer Religionsgemeinschaft an. Er bezieht Waren billig aus China und verscherbelt diese via EBay im Internet. Seine Einkünfte schwanken stark, aber im Mittel bleiben ihm 2.800,- Euro im Monat zum Leben. Seine feste Freundin ist derzeit im Mutterschaftsurlaub, wegen eines "Fehltrittes" von Cäsar. Sobald seine Tochter alt genug für die Kindertagesstätte ist, wird sie wieder als Verkäuferin arbeiten. Urlaub kann er sich nicht leisten. Für gelegentliche Wochenendausflüge reicht ihm ein gebrauchter Opel.

David

David arbeitet bei einem Autozulieferer auf der Schwäbischen Alb. Dort verdient er 2.900,- Euro/Monat. Von seinen Eltern geerbt hat er 3,7 Hektar Ackerland und 1,6 Hektar Wald, die er nebenberuflich bewirtschaftet. Die Stallungen neben seinem Bauernhof stehen leer, aber als sturer Albler hält er sie in Ordnung. David ist evangelisch und besucht den Gottesdienst etwa einmal im Monat. Mit seinen 36 Jahren ist David immer noch ledig, weil keine Frau bereit war, als halbe Bäuerin zu arbeiten. Im Urlaub erledigt er liegengebliebene Arbeiten auf dem Hof. Als konservativer Mensch fährt er einen alten Mercedes Diesel.

Erwin

Erwin hatte ursprünglich Bergmann gelernt, doch nach wenigen Jahren im Beruf wurde seine Zeche geschlossen. Nach einer Umschulung durch das Arbeitsamt kam er als Bauinstallateur unter. Als die Firma aufhören mußte, arbeitete er einige Zeit auf Montage, doch schließlich wurde er entlassen. Mit 46 Jahren findet er keinen Arbeitsplatz mehr, aber zum Glück sind seine beiden Kinder bereits erwachsen und aus dem Haus. Seine Frau geht putzen (nicht angemeldet), er selbst hat seit einem Monat einen Ein-Euro-Job. Ansonsten lebt er von Hartz IV. Seinen 14 Jahre alten Golf würde er gerne abstoßen, aber dafür bekommt er nichts mehr. Da Steuern und Versicherung für dieses Jahr bezahlt sind, schiebt er die Entscheidung, den Wagen zu verschrotten, vor sich her. An Urlaub wagt Erwin gar nicht zu denken.

Szenario 1: Goldenes Zeitalter

Bei den Bundestagswahlen 2005 gewinnt die Union und scheitert nur knapp an der absoluten Mehrheit. Unter Angela Merkel kommt es zu einer Koalition mit der FDP. Der stärkste Mann im Kabinett ist Wirtschaftsminister Stoiber. Gestützt auf eine komfortable Regierungsmehrheit werden knallharte Reformen durchgezogen, die das Land an den Rand des Generalstreiks bringen. Auf dem Höhepunkt der Krise wird Angela Merkel durch Robert Koch ersetzt. 2009 wechselt Bundeskanzler Koch in eine Koalition mit der in den Wahlen weiter geschwächten SPD, 2013 erntet er die Früchte seiner Reformen durch eine absolute Mehrheit. 2017 erringt Koch einen erneuten Wahlsieg, muß aber mit der FDP koalieren. In der Union beginnen erste Spekulationen über die Nachfolge des Bundeskanzlers.

2006 erreichte der Ölpreis in Folge des dritten Golfkrieges mit 112,50 Dollar pro Barrel den Höhepunkt. Die Araber nutzten die Schwäche der USA dazu, die Öllieferungen künftig auf der Basis von Edelmetallen abzuwickeln. In Folge dieser Umstellung stürzte der Dollarkurs ins Bodenlose. Ein militärisches Eingreifen der USA wurde durch eine chinesische Drohung verhindert, doch auch China und Japan wurden von der Dollar-Krise schwer getroffen. Die Krise wurde verschärft, als die USA die dort gelagerten Goldvorräte ihrer Verbündeten de facto beschlagnahmten, um damit eine neue, goldgedeckte Währung zu schaffen, um die internationale Finanzkrise zu lösen.

Rußland fiel dank seiner Rohstoffe eine Schlüsselrolle zu. Deutschland wurde durch den Verlust seiner Goldvorräte am schwersten getroffen. Jedoch konnte es auf alte Gebräuche aus DDR/Sowjetzeiten zurückgreifen und mit Rußland auf der Basis von Tauschhandel Geschäfte abwickeln. So kam es zu einer engen Kooperation zwischen Rußland und Deutschland.

Hungeraufstände brachten China dazu, sich die Ölvorräte Arabiens mit Gewalt zu verschaffen. In der Folge kam es zu einem Schlagabtausch zwischen den USA und China. Außer Großbritannien versagten die durch den Goldraub verprellten Verbündeten den USA die Unterstützung. Deutschland bekam dabei Rückendeckung durch Rußland und konnte sich so aus dem Krieg heraushalten.

Unter dem Eindruck der Krise wurden sämtliche bürokratischen Hindernisse für die Entfaltung von Wissenschaft und Wirtschaft abgeschafft. Deutsche Technologie befruchtete Rußland, russische Rohstoffe förderten die Entwicklung in Deutschland. Während sich der Rest der Welt um die letzten Ölvorräte bekriegte, wurde in Deutschland die Zukunft entwickelt.

Wie sieht das Leben im Jahr 2020 im Szenario1 aus?

Anton ist seit zwei Jahren Projektkoordinator. Das bedeutet, er ist der Vorgesetzte mehrerer Projektleiter und verwaltet die Ressourcen, die jene anfordern. Früher hätte man ihn Abteilungsleiter genannt. Sein Einkommen ist auf 12.400 Euro/Monat gestiegen. Anton ist mittlerweile verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Firma (600 Mitarbeiter) ist gut im Geschäft. Sie ist eines von 18 Unternehmen, die direkt mit der Deutschen Akademie der Wissenschaften zusammenarbeiten. Die Familie besitzt zwei Autos, beide mit Wasserstoffantrieb. Durch die Klimaerwärmung wurde Wintersport in den Alpen zu einem exklusiven Vergnügen, das auch Anton sich nur für ein verlängertes Wochenende im Jahr gönnen kann. Dafür fährt er jedes Jahr mehrere Wochen an den ungarischen Plattensee.

Hinter Berthold liegen harte Zeiten. Von 2006 bis 2010 hatte er noch Kurzarbeit, danach war er 12 Monate arbeitslos, als die Ford-Werke Deutschland auf die neuen Wasserstoffautos umstellten. Danach wurde er wieder eingestellt, seit 2012 arbeitete er wieder Vollzeit. Sein Gehalt stieg langsam, aber stetig, mittlerweile verdient er 4.000,- Euro im Monat. Er kann sich wieder ein kleines Auto leisten, zwei seiner Kinder studieren mit staatlichen Stipendien. Zum Urlaub fährt die Familie in die Eifel oder in den Taunus.

Nach dem Ende des Welthandels bekam Cäsar keine Handelsgüter mehr und sein Geschäft brach zusammen. Seine Freundin nahm das Kind und verließ ihn. Cäsar schlug sich einige Jahre mit Gelegenheitsjobs durch, bevor er in die Sozialhilfe absank. Diese wurde ab 2010 als Bundesarbeitsdienst organisiert. Cäsar wurde dort an regelmäßige Arbeit gewöhnt und bekam eine solide Ausbildung. Mit staatlicher Förderung wurden aus dem Arbeitsdienst heraus Firmen gegründet. Cäsar fand dort eine Anstellung und arbeitete sich zum Geschäftsführer hoch. Er verdient heute 3.800 Euro/Monat und kann sich ein Motorrad mit Dieselantrieb leisten. Von Frauen hat er die Nase voll und lebt als Junggeselle. Den Urlaub verbringt er als Motorradtour bevorzugt in der Sächsischen Schweiz.

Der Autozulieferer, in dem David noch 2005 gearbeitet hatte, brach in der Ölkrise zusammen. David pachtete mehrere Äcker und begann mit einer Schweinezucht. So avancierte er zu einer guten Partie und heiratete 2008. Er bekam vier Kinder und schlug sich bis 2013 als Vollzeit-Landwirt durch. Inzwischen arbeitet er wieder Teilzeit im Gebäude seiner alten Firma, die jedoch unter neuen Eigentümern Windkraftanlagen fabriziert. Auch seine Frau arbeitet halbtags. Zusammen verdienen sie 2.500 Euro/Monat. Ein ähnlich hohes Einkommen beziehen sie zusätzlich durch den Anbau von einer neuen, durch genetische Veredelung gezüchteten Rapssorte. Die Schweinezucht führt David weiter, jedoch hauptsächlich für den Eigenbedarf.

Erwin ist weiterhin arbeitslos, jedoch in der Variante des Jahres 2020. Er arbeitet in einer staatlichen Beschäftigungsgesellschaft und hat sein Auskommen. Mit 61 ist er für ausgegründete Firmen nicht mehr interessant. Er bekommt 1.800 Euro im Monat und einen Mietzuschuß. Mit 65 darf er in Teilzeit gehen und dank seiner Kinder kann er mit 73 statt mit 75 endgültig in Rente. Alle zwei Jahre bekommt er 14 Tage Urlaub in einem Arbeiterheim an der Ostsee zugeteilt.

Szenario 2: Winselndes Ende

Bei den Bundestagswahlen 2005 gewinnt zwar die Union, jedoch reicht es für keinen der beiden Blöcke zur Regierung. Unter Angela Merkel kommt es zu einer großen Koalition. Wolfgang Clement, nach dem Rückzug von Gerhard Schröder der starke Mann der SPD, bleibt Wirtschaftsminister. Die Bundeskanzlerin moderiert die Grabenkämpfe im Kabinett, anstatt mit starker Hand Reformen in die Wege zu leiten. 2009 ziehen die Republikaner und die PDS mit nie gekannter Stärke in den Bundestag. Bundeskanzlerin Merkel nimmt die FDP und die Grünen in die große Koalition auf. 2013 fällt sie einem Attentat zum Opfer und im ganzen Land brechen Unruhen aus. Die Bundeswehr wird eingesetzt, um Aufstände niederzuschlagen. Der neue Bundeskanzler Peter Müller regiert mittels der Notstandsgesetze. Die Wahlen 2013 werden auf 2014 verschoben, die Wahlperiode wird auf fünf Jahre verlängert. Bei den Wahlen 2014 gibt es eine klare Mehrheit für Union und SPD, was sofort den Verdacht von gefälschten Auszählungen aufwirft. Wieder kommt es zu Unruhen und Ausschreitungen. Bei den Wahlen 2019 werden deshalb internationale Beobachter eingesetzt. In den neuen Bundestag ziehen zehn Parteien und 31 unabhängige Direktkandidaten ein. Bundeskanzler Heiko Maas steht einer Sechs-Parteien-Koalition vor, die das gesamte linke Spektrum bis zur Mitte abdeckt.

2006 erreichte der Ölpreis in Folge des dritten Golfkrieges mit 112,50 Dollar pro Barrel den Höhepunkt. Die Araber nutzten die Schwäche der USA dazu, die Öllieferungen künftig auf der Basis von Edelmetallen abzuwickeln. In Folge dieser Umstellung stürzte der Dollarkurs ins Bodenlose. Ein militärisches Eingreifen der USA wurde durch eine chinesische Drohung verhindert, doch auch China und Japan wurden von der Dollar-Krise schwer getroffen. Die Krise wurde verschärft, als die USA die dort gelagerten Goldvorräte ihrer Verbündeten de facto beschlagnahmten, um damit eine neue, goldgedeckte Währung zu schaffen, um die internationale Finanzkrise zu lösen.

Die innenpolitisch angeschlagene Bundeskanzlerin stellte sich sofort auf die amerikanische Seite. Deutsche Soldaten wurden im 3. Golfkrieg eingesetzt. Nach dem Austausch einiger Atombomben, der sich jedoch auf die USA und China beschränkte, drohte Rußland mit dem Eingreifen, falls der Krieg nicht sofort beendet werden würde. Das Ergebnis war ein Kompromiß, der keine Seite völlig zufriedenstellte und für weltweite Energieknappheit sorgte.

Wie sieht das Leben im Jahr 2020 im Szenario 2 aus?

Anton ist mit dem Fahrrad durch München unterwegs. Die Werkzeuge und diverse Programme für seinen Computer-Notdienst hat er in den Satteltaschen dabei. 2008 hatte er sich über das Großprojekt gefreut, an dem er mitarbeiten sollte. Es würde seine Anstellung für mindestens vier Jahre sichern. Tatsächlich war er bis 2012 so voll ausgelastet, daß er gar nicht mitbekam, daß er nicht mehr zu Lehrgängen und Weiterbildungen geschickt wurde. Nach Ende des Projekts hatte Anton das Pech, daß er als Lediger durch das soziale Raster fiel und entlassen wurde. Mit 39 und veraltetem Computerwissen tat er sich auf dem Arbeitsmarkt schwer, doch zunächst kam er in einem kleineren Betrieb als Systemadministrator unter, allerdings für deutlich weniger Geld. 2015 ging dieser Betrieb in Konkurs und Anton stand endgültig auf der Straße. Als nach sechs Monaten das Arbeitslosengeld auslief, meldete er Privat-Insolvenz an, da er die Hypothek für seine Eigentumswohnung nicht mehr bedienen konnte. Die Bank versteigerte sie deutlich unter dem Einstiegspreis, an den verbliebenen Schulden zahlt Anton heute noch. Ihm blieb nur noch die Selbständigkeit, da für Junggesellen die Sozialhilfe auf das absolute Existenzminimum gekürzt worden war. Von den etwa 1.500 Euro, die er durchschnittlich im Monat einnimmt, bezahlt er 250 Euro an die Bank, der Rest reicht ihm gerade so zum Überleben.

Seit die Ford-Werke geschlossen haben, ist Berthold ohne Arbeit. 2011 beteiligte er sich an einer Demonstration gegen den weiteren Abbau des Sozialstaates und kam dafür 30 Tage ins Gefängnis. Da er danach auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr hatte, blieb ihm nur noch der Weg in die Kriminalität, um seine Familie zu ernähren. Nach mehreren Autoaufbrüchen wurde er gefaßt und saß diesmal zwei Jahre im Gefängnis. Seine Frau ließ sich von ihm scheiden, weil sie nur so ihr Anrecht auf staatliche Unterstützung sichern konnte. In den Unruhen nach der Wahl 2015 war Berthold einer der Rädelsführer und wanderte wieder ins Gefängnis. Kürzlich wurde er entlassen und ist derzeit obdachlos und ohne Einkommen.

Cäsar schaffte es, trotz des stark eingeschränkten Welthandels, gewisse Quellen zu erschließen. Er kann alles besorgen, ob legal oder illegal, er handelt mit allem. Seine Freundin versorgt die drei Kinder und erledigt die auch in diesem Geschäft nötige Buchhaltung. Zwar werfen die Behörden gelegentlich einen Blick auf Cäsars Unternehmungen, doch mittels einiger kleiner "Geschenke" hält Cäsar die Sanktionen in Grenzen. Er betrachtet sich als Gewinner in diesen schweren Zeiten - und da er seine Geschäfte zumeist in bar abwickelt, merkt die Behörde wenig von den 6.500,- Euro, die er im Monat durchschnittlich einnimmt.

David verlor seinen Arbeitsplatz, als seine Firma schloß. Anders als seine Nachbarn nützte er seine Ersparnisse, um ein paar Äcker dazu zu kaufen. Als Vollerwerbs-Landwirt erweiterte er seinen Betrieb um eine Schweinezucht. Sehr bald fand er eine Frau, doch mehr als ein Kind wollte er sich nicht leisten. Da die EU keine Möglichkeit mehr hatte, Nahrungsmittel zu importieren oder zu subventionieren, blieb sein Einkommen gering, doch er konnte sich und seine Familie problemlos ernähren. Als die Erzeugerpreise wieder anzogen, verbesserte sich seine Lage. Heute bedauert er, daß er nur ein Kind hat, aber er fühlt sich zu alt, um das noch zu ändern.

Erwin lebt heute in einem staatlichen Arbeitshaus. Jene Einrichtungen wurden in zwangsversteigerten oder gepfändeten Häusern eingerichtet, sie bieten ihren Bewohnern spärlichen Komfort in kleinen Zellen, Gemeinschaftsverpflegung und gemeinnützige Arbeit. Es ist die unterste Stufe der sozialen Versorgung, aber Erwin hat sich darin eingerichtet.

Szenario 3: Revolution

Bei den Bundestagswahlen 2005 gewinnt zwar die Union, jedoch reicht es für keinen der beiden Blöcke zur Regierung. Unter Angela Merkel kommt es zu einer großen Koalition. Jedoch blockiert sich diese Koalition im Versuch, die gegenseitigen Vorstellungen durchzusetzen. Der Koalitionsvertrag enthält nur Minimal-Lösungen. Es werden zahlreiche Kommissionen eingesetzt, die zwar wenige Ideen, aber dafür sehr viel Papier erzeugen. Das Volk verarmt, während die Politik handlungsunfähig die Zeit vertändelt. Der Funke wird ins Pulverfaß geworfen, als Vizekanzler Schröder in einer Talkshow ausgiebig begründet, wieso Regierung und Parlament die Zahl ihrer Dienstfahrzeuge nicht signifikant verringern können. Am nächsten Tag marschieren Demonstrationen durch alle größeren Städte, in denen die Bevölkerung ihren Unmut über diese Verschwendung zum Ausdruck bringt. Als es bei den Demonstrationen zu Ausschreitungen kommt, verhängt die Regierung harte Maßnahmen, wie Ausgangssperren und ständige Polizeikontrollen. Der Bundesgrenzschutz erhält Urlaubssperre.

Für einige Tage bleibt es ruhig, dann wird die Limousine des Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Joschka Fischer, von Demonstranten aufgehalten. Auf Anweisung des Politikers bahnt sich der schwere Wagen den Weg durch die Menge und überfährt mehrere Demonstranten. Fischer entkommt, doch bald fordert eine wütende Menge vor dem Reichstag seinen Kopf. Die Bundeskanzlerin läßt die Menge zerstreuen, es fallen Schüsse. Mehrere Polizisten und zahlreiche Demonstranten sterben. Am nächsten Tag werden einige Abgeordnete an Laternenpfählen aufgehängt. Der Bundestag tritt zusammen und beschließt eine Verfassungsänderung, die den Einsatz der Bundeswehr im Inland erlaubt. Bundespräsident Köhler muß per Hubschrauber eingeflogen werden, um die Änderung abzuzeichnen.

Als dies bekannt wird, kommt es zum Sturm auf den Reichstag und das Kanzleramt. Abgeordnete und Minister werden gelyncht. Auch Landesparlamente werden angegriffen. Die Revolution endet erst, als NATO-Truppen Deutschland besetzen und den Aufstand blutig niederschlagen.

2006 erreichte der Ölpreis in Folge des dritten Golfkrieges mit 112,50 Dollar pro Barrel den Höhepunkt. Die Araber nutzten die Schwäche der USA dazu, die Öllieferungen künftig auf der Basis von Edelmetallen abzuwickeln. In Folge dieser Umstellung stürzte der Dollarkurs ins Bodenlose. Ein militärisches Eingreifen der USA wurde durch eine chinesische Drohung verhindert, doch auch China und Japan wurden von der Dollar-Krise schwer getroffen. Die Krise wurde verschärft, als die USA die dort gelagerten Goldvorräte ihrer Verbündeten de facto beschlagnahmten, um damit eine neue, goldgedeckte Währung zu schaffen, um die internationale Finanzkrise zu lösen.

Die Unruhen in Deutschland binden NATO-Kräfte, was China zum militärischen Einschreiten im Nahen Osten nutzt. Die USA, die nicht in einen Bodenkrieg verwickelt werden wollen, antworten mit einem Ultimatum und schließlich mit einem Atomschlag. Zwar kann China in begrenztem Umfang antworten, doch nach dem zweiten Schlag sind die großen Industriestädte Chinas zerstört und ca. 100 Millionen Menschen gestorben. Die Chinesen ziehen sich aus dem Nahen Osten zurück, jedoch zerstören sie dort die Öl-Infrastruktur. Die Wirtschaftstätigkeit der Welt wird damit sehr stark beeinträchtigt.

Wie sieht das Leben im Jahr 2020 im Szenario 3 aus?

Anton hat einen Job bei der internationalen Militärverwaltung von München gefunden. Er darf jedoch nur den zivilen Teil des Computernetzes administrieren. Sein Gehalt ist mit 1.400 Euro/Monat mäßig, aber immerhin muß er nicht zur Armenspeisung. An Ehe und Freundin ist bei diesen Verhältnissen nicht zu denken, der Urlaub besteht aus Nachmittagen im Englischen Garten.

Berthold hatte das Glück, weder erschossen zu werden, noch ins Gefängnis zu wandern. Auf Empfehlung der Kirche ergatterte er einen Job als Automechaniker bei den internationalen Verwaltungstruppen. Mit 1.800 Euro pro Monat zählt er zu den Reichen in Köln. Natürlich ist er mittlerweile regelmäßiger Kirchgänger, schon um seinen Arbeitgeber von seiner friedlichen Gesinnung zu überzeugen. Im Sommer erhält er von seinem Vorgesetzten gelegentlich ein Auto, um mit seiner Familie Tagesausflüge in die Eifel und ins Sauerland zu unternehmen.

Cäsar wurde bei den Feindseligkeiten gegen China interniert. Er benötigte mehrere Monate, um sich vom Vorwurf der Kollaboration rein zu waschen. Da für Deutsche das Internet nicht mehr zugänglich ist, kann Cäsar seine bisherige Tätigkeit nicht wieder aufnehmen. Im Gefängnis konnte er jedoch wertvolle Kontakte knüpfen. Zunächst beschafft er "willige Mädchen" für die Besatzungstruppen, dann hilft er bei deren Versorgung mit. Nun als ehrlicher Geschäftsmann und parteipolitisch nicht vorbelastet, erscheint er den Besatzern als eine vernünftige Lösung. Cäsar wird schließlich zum Bürgermeister von Leipzig ernannt. Mit 5.500,- Euro im Monat geht es ihm sehr gut, außerdem genießt er Privilegien wie Auslandsreisen.

David hielt sich aus allen Revolutionen heraus und zog sich auf seinen Bauernhof zurück. Er kam mit den Besatzungstruppen ins Geschäft, doch er erregte damit den Zorn seiner Nachbarn. Seit ihm eine Scheune abbrannte, ist er nicht mehr in der Lage, an die internationalen Truppen zu liefern. Zwar verdient er so weniger Geld, aber sein Leben ist dadurch sicherer geworden. In den letzten Jahren hat er seine ehemalige Scheune als Schmiede wieder aufgebaut und verdient sich damit ein Zubrot.

Erwin wollte zur Erstürmung des Landtags nach Düsseldorf fahren, doch zu seinem Glück brach sein alter Golf noch in seiner Heimatstadt zusammen. Seine Begleiter halfen ihm, das Auto an den Straßenrand zu schieben, dann ertränkten sie ihre Trauer in der nächsten Kneipe. Mangels Gelegenheit galt Erwin in der Folgezeit als politisch zuverlässig. Er bekam schließlich eine Arbeit als Bürobote im Sozialamt. Heute lebt er von 1.250 Euro plus Mietzuschuß einigermaßen komfortabel.

Szenario 4: Rasche Erholung

2006 erreichte der Ölpreis in Folge des dritten Golfkrieges mit 112,50 Dollar pro Barrel den ersten Höhepunkt. Der Krieg im Iran und im Irak wurde für die USA zu kostspielig, da es durch die dauernden Partisanen-Überfälle nicht gelang, die Ölforderung dort wieder aufzubauen. Als es den Aufständischen gelang, einen amerikanischen Flugzeugträger in der Straße von Hormuz zu versenken, wurde die Ölversorgung der gesamten Welt schwer gestört. China nutzte die Schwäche der USA, um Taiwan zu annektieren. China brauchte diesen außenpolitischen Erfolg, um von seinen eigenen inneren Schwierigkeiten abzulenken.

Durch die Ölverknappung wurden in Europa harte Maßnahmen erforderlich. In Italien brach die Revolution zuerst aus, dann griff sie auf Frankreich und schließlich auf Spanien über. In Deutschland kam es zu schweren Unruhen, in deren Verlauf eine Anzahl Politiker gelyncht wurden, aber diese Unruhen ebbten wieder ab, vor allem dank russischer Zusagen über Öl- und Gaslieferungen.

Sein wahres Gesicht enthüllte Rußland einige Monate später, indem es mit drei Stoßkeilen über Europa herfiel. Der Krieg wurde zunächst konventionell geführt, bis die USA einen chemischen Todesstreifen vom Schwarzen Meer zur Ostsee zogen. Damit waren die russischen Stoßarmeen vom Nachschub abgeschnitten. Trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit brach der russische Angriff zusammen. In der letzten Phase des Krieges kam es zu mehreren Atomschlägen. Beendet wurde der Krieg durch einen Asteroiden-Einschlag auf Prag, der in Europa zu einer dreitägigen Finsternis führte. (Dieser Verlauf entspricht den Prophezeiungen.)

Kaiser Heinrich VI., vom Papst in Köln gekrönt, erließ eine strenge Rationierung der Lebensmittelvorräte. Die Versorgung der Bevölkerung mit dem Nötigsten hatte absoluten Vorrang. Der Winter nach dem Krieg wurde, hart, sehr hart, doch dann besserten sich die Verhältnisse. Schiffe brachten Lebensmittel und sonstige Versorgungsgüter ins Land, die Eisenbahn verteilte sie mit Dampflokomotiven, die man aus den Museen geholt hatte. Im Laufe des Sommers wurde die Elektrizitätsversorgung wiederhergestellt. Das Leben kehrte in die Städte zurück.

Wie sieht das Leben im Jahr 2020 im Szenario 4 aus?

Anton hatte es geschafft, im dritten Weltkrieg keinen einzigen Russen zu sehen. In München war es ruhig geblieben, bis die Kämpfe um die Lebensmittel begannen. Die ersten Soldaten, die in München einmarschierten, waren Deutsche gewesen. Es hatte Lebensmittelkarten gegeben, Hungerrationen. Damals hatte Anton darüber geflucht, doch heute begrüßte er den Gewichtsverlust. Als Lediger war er zu Aufräumarbeiten abkommandiert worden, in die Nähe von Ulm, wo die Russen gewütet hatten. Körperliche Arbeit, wie er sie nie zuvor im Leben verrichtet hatte. Bis eines Tages der Lagerkommandant ihn zu sich gerufen und nach einer Software befragt hatte. Zwei Tage später war er in Villingen-Schwenningen, um dort in einem Betrieb die EDV wieder zum Laufen zu bringen. Da hatte er begriffen, daß er wieder in seinem alten Beruf arbeiten würde. Heute führte er die Abteilung Betriebssysteme. Diese stammen jetzt aus Deutschland, die einstige Dominanz der Amerikaner ist gebrochen. Anton lebt noch immer in München. Die Stadt ist leerer als früher, denn es gilt, ein entvölkertes Land wieder zu besiedeln. Anton leistet seinen Beitrag: Er hatte geheiratet und seine Frau erwartet das vierte Kind. Noch etwas hatte sich geändert, in jener Zeit, als er im Keller gesessen und darauf gewartet hatte, daß eine Atomrakete einschlug: Anton war gläubig geworden.

Berthold hatte um sein Leben laufen müssen, als die Russen Köln beschossen. Zum Glück waren die Panzer, denen er entgegen gelaufen war, französische Truppen. Bei der Kaiserkrönung war er dabei, wenn auch so weit weg, daß er nur fingernagelgroße Gestalten gesehen hatte. Zunächst kam der Hunger, dann der Wiederaufbau. Berthold hatte auf dem Bau gearbeitet, doch als ihm nach zwei Jahren die Chance geboten wurde, Landwirt zu werden, hatte er mit Freuden zugegriffen. Jetzt lebt er auf seinem Hof. Sein Sohn war zu ihm gezogen und mittlerweile spielen drei Enkel draußen in der Sonne. Berthold genießt diese ruhigen Sonntage, nach der Kirche, wenn die Frauen in der Küche arbeiten und sein Sohn im Wirtshaus ein Bier trinkt. Dann sitzt er allein hier, auf der Bank, schaut hinaus auf die Felder, auf das blühende Leben. Ja, das ist weitaus besser als damals die Ford-Werke.

Cäsar hatte geflucht, als die Russen Leipzig eingenommen hatten. Warum hatte er sein Russisch nicht gepflegt? Warum fast alles vergessen? Doch die Zeit hätte nicht ausgereicht, um mit den Russen ins Geschäft zu kommen. In der Phase der Ratlosigkeit, was er jetzt tun sollte, hatte er die leuchtende Wolke über Prag stehen sehen. Er hatte das riesige Kreuz erblickt, die Wolke über dem Asteroiden-Einschlag, und danach war nichts mehr wie zuvor. Während der Finsternis, als er im Keller saß, hatte er im Kerzenschein die Bibel gelesen, jenes Buch, das ihm die göttliche Vorsehung in die Hand gelegt hatte. Nach der ersten Zeit des Wiederaufbaus war er in ein Kloster eingetreten. Dort hatte Latein gelernt und schließlich Theologie studiert. In Kürze würde er zum Priester geweiht. Kein Zweifel, er hat seinen Platz im Leben gefunden.

David hatte sich verkriechen können, als die Russen über die Schwäbische Alb marschiert sind. Danach hatte er seine Felder bestellt, als er mitbekommen hatte, daß der Krieg zu Ende war. Von Nachbarn, die weniger Glück gehabt hatten, holte er sich Rinder, um seinen Pflug zu ziehen. Auch Schweine bevölkerten seinen Stall, für die er mit einer Bestattung gezahlt hatte. Mit anderen Überlebenden organisierte er die Versorgung und brachte sie über den Winter. Nach dem Winter auf der Alb erschienen Leute, die seine Lebensmittel eintauschen wollten. Bald danach erhielt er eine staatliche Konzession, mußte zu festgelegten Preisen Lebensmittel liefern und bekam im Austausch dafür das Land überschrieben, das er bebaut hatte. Seit damals ist er Vollerwerbslandwirt. Das Einzige, was er vermißt, ist der evangelische Pfarrer. In dem Kirchensprengel, dem er jetzt angehört, gibt es nur einen Katholiken. Aber damit fand er sich ab. Besser ein katholische Messe als gar kein Gottesdienst.

Erwin erlebte das Kriegsende als Befreiung. Plötzlich wurde er gebraucht. Nicht nur zum Aufräumen in der Stadt, nein, am Bau - und schließlich, um eine Zeche wieder anzufahren. Plötzlich gab es Arbeit für jeden und sogar Erwin konnte sich aussuchen was er tun wollte. Nach ein paar Jahren unter Tage entschied er, wieder auf dem Bau zu arbeiten. Das tut er noch heute, glücklich und zufrieden.

Szenario 5: 50er Jahre

Bei den Wahlen 2005 in Deutschland errang keiner der beiden Blöcke eine Mehrheit. Die etablierten Parteien schritten zu der Lösung, die sie in diesem Fall immer ergreifen: eine große Koalition. Bundeskanzlerin Merkel mußte auf Vizekanzler Gabriel von der SPD Rücksicht nehmen und hielt deshalb deutsche Truppen aus dem dritten Golfkrieg heraus. Das Land steckte durch die hohen Ölpreise in einer tiefen Krise. Das russische Angebot, die Öl- und Gasversorgung der Bundesrepublik mittelfristig zu sichern, falls Deutschland sich auch weiterhin neutral verhalten würde, erschien ihr wie ein Geschenk des Himmels.

In anderen Staaten Europas, die den Amerikanern ihre Gefolgschaft nicht verweigert hatten, brachen 2007 schwere Unruhen aus, die in bürgerkriegsähnliche Zustände ausuferten. In Italien wurden Kirchen gestürmt und sogar der Vatikan angegriffen. Papst Benedikt XVI. entkam den Aufständischen, obwohl er dabei buchstäblich über die Leichen seiner Priester fliehen mußte.

Nach einem Hungeraufstand in China entschloß sich die Staatsführung, die Schwäche der USA zu nutzen und Taiwan zu annektieren. Außerdem entsandte China Schutztruppen in die Vereinigten Arabischen Emirate, um die eigene Ölversorgung zu sichern. Als zwischen chinesischen und amerikanischen Truppen die ersten Gefechte stattfanden, verkündete Rußland, daß es seine eigene Treibstoffversorgung aufstocken müsse, und drehte Europa den Ölhahn zu.

Damit griffen die Unruhen auch auf Deutschland über. Die Rationalisierungsmaßnahmen der Regierung führten dazu, daß einzelne Abgeordnete ergriffen und an der nächsten Straßenlaterne aufgehängt wurden. In Berlin schoß die Polizei scharf in die Menge, über der Stadt wurde der Ausnahmezustand verhängt. Trotzdem wurde das Kanzleramt gestürmt. Die Bundeskanzlerin und mehrere Regierungsmitglieder entkamen im Hubschrauber, zwei Minister hatten weniger Glück und wurden von der Meute gelyncht.

Dem Weltsicherheitsrat gelang es, in letzter Minute einen Waffenstillstand zwischen den USA und China auszuhandeln. Rußland kündigte die Wiederaufnahme der Öllieferungen nach Deutschland an. Nach russischer Vermittlung trat eine Friedenskonferenz in Budapest zusammen. Dort wurde der amerikanische Präsident von zwei Attentätern erdolcht. Als Urheber des Attentats wurde Nordkorea entlarvt. Zwei Tage später wurden die Kampfhandlungen am Golf wieder aufgenommen.

Gedeckt durch den Konflikt zwischen den USA und China marschierten russische Truppen in Polen und schließlich in Deutschland ein. Um sich Luft zu verschaffen, warfen die Amerikaner eine Atombombe auf Schanghai, außerdem wurde ein chemisches Geländegift zwischen dem Schwarzen Meer und der Ostsee ausgebracht, um den russischen Nachschub abzuschneiden. Rußland antwortete mit einem schweren Atomschlag gegen Westeuropa und die Ostküste der USA, um den eigenen Truppen Luft zu verschaffen. Auch China und die USA tauschten mehrere Atomschläge aus.

Trotz der Atombomben auf Europa war dem russischen Angriff durch den "gelben Strich" das Rückgrat gebrochen. Ohne Nachschub wurden die eingedrungenen Truppen niedergekämpft. In Rußland selbst brach nach der Zerstörung Moskaus eine Revolution aus. Der Weltkrieg endete durch einen Asteroiden-Einschlag auf Prag.

Um seiner deutschen Heimat zu helfen, reiste Papst Benedikt nach Köln, um dort mit Heinrich VI. einen Kaiser zu krönen. Tatsächlich wurde so eine Regierung geschaffen, welche die Verhältnisse in Deutschland ordnete und dem Land eine neue Perspektive gab.

Wie sieht das Leben im Jahr 2020 im Szenario 5 aus?

Anton trauert gelegentlich den alten Zeiten nach. Damals, als es Computer gab, vor dem Krieg. Als die Welt in Scherben fiel, galt es zunächst das eigene Überleben zu sichern. In der Folgezeit arbeitete er am Wiederaufbau mit. Pferdefuhrwerke und Ochsenkarren waren die ersten Transportmittel gewesen, bis schließlich wieder das Eisenbahnnetz in Betrieb genommen wurde. Doch die Zeit der automatischen Stellwerke war vorbei, Weichen wurden wieder von Hand bedient. Vor vier Jahren hatten zwei ehemalige Kollegen eine verrückte Idee gehabt. Sie hatten begonnen, von Hand die ersten Radio-Röhren zu fertigen, mit mundgeblasenen Glaskörpern. Anton hatte sich beteiligt und sie hatten es wirklich geschafft, ein Röhren-Radio zu entwickeln. Inzwischen gab es wieder überall Elektrizität, wenn auch zu einem hohen Preis. Doch die Leute kauften gerne die neuen Radio-Empfänger. Mittlerweile wurden die Röhren industriell gefertigt und in Antons Labor gab es erste Muster von Transistoren. Vielleicht, in 20 Jahren, würden hier Mikroprozessoren entwickelt werden. Und vielleicht würde er mit seinen Enkeln einmal am Computer spielen, so wie in seiner Jugendzeit. Aber bis dahin gab es noch sehr viel zu tun.

Berthold hatte sich im zerstörten Köln durchgeschlagen. Mit dem Kaiser hatte es neue Hoffnung gegeben. Die Hungertage nach dem Krieg lagen hinter Berthold. Er hatte zunächst den Schutt beiseite geräumt und geholfen, die zertrümmerten und einsturzgefährdeten Bauten auszuschlachten. Dann hatte er gehört, daß die Reichsbahn Mechaniker suchte. Er hatte umziehen müssen, zu "seiner" 08. Bei dieser 08 handelte es sich um eine Dampflokomotive, die gute hundert Jahre auf dem Kessel hatte. Als Berthold sie das erste Mal gesehen hatte, war sie nicht mehr als ein Haufen Schrott gewesen. In mühsamer Handarbeit schlachteten Berthold und seine Kollegen nutzlos gewordene Autos aus, um daraus Ersatzteile für ihre 08 zu schmieden. Es dauerte ein halbes Jahr, ehe sie das erste Mal den Kessel anheizen konnten. Als die alte Lokomotive sich puffend und schnaubend in Bewegung setzte, hatten alle gejubelt. Die 08 war die erste gewesen, seitdem hatte Berthold sechs weitere Lokomotiven hergerichtet. Er war stolz auf seine Arbeit. Dampflokomotiven waren ehrliche Maschinen. Angeblich waren sie in der Nähe von Fulda dabei, eine dieselelektrische Lok in Betrieb zu nehmen. Neumodisches Zeugs, urteilte Berthold. Gut, vielleicht würden ein paar von den Dingern fahren, aber die Schienen gehörten den Dampflokomotiven, und das war gut so.

Für Cäsar waren die Monate nach dem Krieg hart gewesen. Zum ersten Mal in seinem Leben mußte er mit seiner Hände Arbeit und im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen. Seit damals hatte er viel Zeit auf Kartoffeläckern verbracht. Zuviel Zeit, fand Cäsar, doch schließlich hatten ihm gerade die Kartoffeln geholfen. In den ersten Nachkriegsjahren hatte die Planwirtschaft alles geregelt, doch dann war eine neue Währung eingeführt worden und die Gesetze des Marktes übernahmen. Er hatte es geschafft, die Bauern zur Gründung einer Kooperative zu überreden. Als Sekretär der Kooperative verwaltet Cäsar das Geld der Mitglieder, verkauft Kartoffeln zu guten Preisen und beschafft alles, was die Kooperative von außerhalb benötigt. Auf die Äcker braucht er jetzt nur noch selten, doch er hatte gelernt, daß ihm gerade solche Einsätze das Vertrauen der anderen erhalten. Also arbeitet er mit, ungern, aber es muß halt sein.

David ist heute ein Großbauer auf der Alb. Sein eigener Hof war die Grundlage gewesen für den Neuanfang, dann hatte er das Land jener übernommen, die im Krieg gestorben waren. Seine beste Idee war jedoch, ein paar seiner ehemaligen Kollegen anzuheuern. Auf vielen Höfen standen die Überbleibsel der alten, technisierten Landwirtschaft nutzlos herum. Wer brauchte einen GPS-gesteuerten Mähdrescher in Zeiten, in denen es keinen Treibstoff dafür gab und in denen die Satelliten längst verglüht oder durch Waffenwirkung zerstört waren? Gebraucht wurden jetzt Schmiede, die solche Maschinen ausschlachteten und daraus einfachere, mechanische Hilfsmittel fertigten. David hatte selbst angepackt, seine eigenen einst so teuren Maschinen umgebaut. Bald sprach sich seine Initiative herum und David schickte seine Mechaniker-Trupps aus. Sein Firmenname bürgt heute für Qualität und schnelle Arbeit. Obwohl seine Maschinisten selbständig arbeiten, führen sie Beiträge an David ab, denn der hatte eine Unterstützungskasse eingerichtet, für Alte und Schwache, eine Art private Rentenversicherung.

Erwin arbeite wieder unter Tage. Seine Heimat ist wieder das, was sie in seiner Jugend gewesen war: der Kohlenpott. Das Reich brauchte Kohle. Kohle beheizt die Herde und die Wohnungen, durch Kohle wird Alteisen zu neuem Stahl, dank Kohle fahren die Eisenbahnzüge und verteilen die Waren. Oh, die ersten Jahre waren hart gewesen, als Erwin mit Karbidlampe und Pickel arbeitete. Es hatte gedauert, bis schließlich die elektrische Beleuchtung wiederhergestellt wurde und Preßlufthämmer die Arbeit übernahmen. Die Walzenschrämlader und anderes Bergbaugerät aus der Zeit vor dem Krieg standen ungenutzt herum. Noch hatte niemand entschieden, diese Maschinen zu demontieren. Womöglich würden sie eines fernen Tages sogar wieder arbeiten, doch bis dahin würden Erwin und seine Kumpel noch eine Menge Kohle zu Tage gebracht haben.

Szenario 6: Rückkehr ins Jahr 1800

Eigentlich hatte es so ausgesehen, als wäre die Krise noch einmal abgewendet worden. Zuerst schienen die Pessimisten Recht zu behalten. Als Terroristen eine Atombombe in New York zündeten, hielt die Welt den Atem an. "Mehr jüdische Opfer als im gesamten Holocaust" titelten die Zeitungen, und so wußten alle, daß es Krieg geben werde. Waren es die Israelis, welche die ersten Angriffe auf den Iran und auf Syrien flogen, oder gleich die Amerikaner? Jedenfalls begann so der dritte Golfkrieg und die Ölpreise schnellten auf neue Rekorde.

Die USA übten Druck auf ihre Verbündeten aus, forderten von denen herbe Einschränkungen. Das Erdöl der Welt sollte in die amerikanische Kriegsmaschinerie fließen, nicht in die Tankstutzen von Zivilfahrzeugen in Europa. Die Regierungen beugten sich, erließen Gesetze und erhoben Kriegssteuern. Doch damit hatten sie den Bogen überspannt. Unruhen und Bürgerkriege brachen aus, in Italien, Frankreich und Spanien. Auch in Deutschland wurden Minister und Abgeordnete vom tobenden Mob an Straßenlaternen aufgehängt. Als schließlich Paris in Flammen aufging, kamen viele Leute zur Besinnung. Doch die Unruhen hatten ihren Zweck erreicht, die USA waren weltweit isoliert.

China wollte es nicht hinnehmen, daß sich die USA die Ölvorräte Arabiens sicherten, und entsandte Truppen in den Iran. Chinesische Marine sperrte die Straße von Hormuz und drehte der Welt den Ölhahn ab. Konventionelle Raketen wurden erfolgreich eingesetzt, gegen die Flugzeugträger der USA und gegen die chinesischen Blockadeschiffe. Zwischen Griechenland und der Türkei kam es zu einem Grenzscharmützel, das bald ebenfalls zu einem offenen Krieg eskalierte. Schließlich griff Rußland überraschend ein und besetzte die Türkei. Um seine Eismeerhäfen zu schützen, marschierte es zusätzlich in Norwegen ein. Zwar war das noch kein Angriff auf die NATO - die Türkei hatte sich mit ihrem Krieg gegen Griechenland selbst aus dem Bündnis katapultiert - doch trotzdem schien der dritte Weltkrieg ausgebrochen zu sein.

Doch dann sah es so aus, als würden die Staatschefs noch einmal zur Besinnung zu kommen. Eine Lösung am Verhandlungstisch bahnte sich an, schon hatten die USA den Chinesen zugestanden, Taiwan zu annektieren. Im Gegenzug sollten die Chinesen den USA freie Hand am Golf lassen und einen Anteil am Erdöl erhalten. Die Zeitungen titelten bereits "Friede!".

Nach allen Berichten war es Israel, das als erstes Atomwaffen einsetzte. Die Welt hielt den Atem an, als sie erfuhr, daß Israel damit einem iranischen Atomschlag gegen Tel Aviv zuvorkommen wollte. Falls das überhaupt einen Einfluß auf das europäische Geschehen gehabt hatte, dann nur, indem es die Vorbereitungen Rußlands zu einem schnellen Abschluß brachte. Russische Panzerkeile stießen schon am nächsten Tag unaufhaltsam gegen den Rhein vor. In letzter Verzweiflung setzte Frankreich eine bisher geheim gehaltene Waffe ein, einen Geländekampfstoff, der ein Passieren der damit erzeugten Todeszone über Monate verhinderte. Die Zone wurde von der Ostsee durch schwach besiedeltes Land gelegt, bis nach Prag, das sich dem Feind geöffnet hatte. Um die Russen auch an der Südflanke abzuschneiden, wurde die Todeszone bis zum Schwarzen Meer verlängert.

Die gerade noch siegreich vorpreschenden russischen Verbände mußten jetzt, abgeschnitten vom Nachschub, um ihr Leben kämpfen. Sie forderten Atomschläge zur Unterstützung an. Frankfurt am Main und Ulm wurden zerstört. Die Russische Armee in der Türkei marschierte auf Israel zu. Atomschläge der Israelis wurden mit einem Schlag gegen Haifa und Tel Aviv beantwortet. Auch die Chinesen und die USA führten einen atomaren Schlagabtausch. Nach einer schweren Explosion über der Nordsee wurden Südost-England und das Tiefland an der europäischen Nordküste überflutet. Britische Unterseeboote schlugen gegen die russischen Städte zurück.

Bevor der weltweite thermonukleare Krieg in voller Heftigkeit ausbrach, schlug ein Asteroid in Prag ein. Schwere Erdbeben erschütterten das Land, der Auswurf durch den Einschlag verdunkelte die Sonne. Erst Monate nach dem Ereignis stellte man fest, daß der Einschlag die Erdkruste verschoben und den Nordpol ins östliche Sibirien gerückt hatte.

Der Krieg war beendet. Jener Kriegsherr, der die letzten russischen Truppen in Deutschland vernichtet hatte, wurde in Köln vom Papst zum Kaiser erhoben. Der Kaiser arbeitete daran, die Ordnung und die Versorgung der Bevölkerung wiederherzustellen.

Wie sieht das Leben im Jahr 2020 im Szenario 6 aus?

Anton denkt nur noch selten an die Vergangenheit. Sie liegt hinter ihm. Gelegentlich, am Abend, nach der Feldarbeit, erzählt er seinen Kindern von dem Wundergerät Computer, das denen vorkommt, wie die Siebenmeilenstiefel oder die Wunschringe aus dem Märchenbuch. Heute bestimmt der Gang der Natur das Leben der Menschen, nicht mehr der Pulsschlag der Megahertz im Silizium. Es war Anton schwer gefallen, mit Ochsen oder Pferden zu pflügen, doch er mußte es lernen. Inzwischen hat er sich angepaßt.

Berthold hatte mitgeholfen, in Köln aufzuräumen, doch danach folgte er Baron von Holten in ein neues Siedlungsprojekt. Sie gründeten in der verwüsteten norddeutschen Tiefebene ein neues Dorf. Dank der Mittel des Barons überlebten sie und konnten sich die notwendigen Tiere und Gerätschaften besorgen. Inzwischen hat Berthold sein Auskommen. Sein Sohn ist zu ihm gezogen und hilft ihm auf dem Hof.

Cäsar mußte sich mühsam in die neue Zeit einfügen. Er hatte keine Wahl, als auf den Feldern zu arbeiten. Er wollte einen eigenen Hof gründen, doch dieses Unternehmen scheiterte, weil er seine Nachbarn übervorteilen wollte. Seitdem muß er sich als Knecht verdingen.

David konnte seinen Landbesitz nach dem Krieg ausweiten. Er ist heute ein Großbauer. Ein ehemaliger Arbeitskollege ist zu ihm gestoßen und arbeitet als Schmied. Es gibt immer noch genügend Schrott aus der Vergangenheit, der sich zu Werkzeugen und landwirtschaftlichem Gerät aufarbeiten läßt. Der Schmied arbeitet auch für die Nachbarn, für die Dorfgemeinschaft.

Erwin besichtigte nach dem Krieg mehrere Zechen, doch um sie wieder anzufahren, hätte es technischer Mittel bedurft, die nicht mehr zur Verfügung standen. Ein Graf, der direkt dem Kaiser untersteht, organisiert derzeit die Anlage einer neuen Zeche. Erwin ist dabei, doch die Arbeit ist mühsam. Mit Pickel und Schaufel in die Tiefe vorzudringen, in der irgendwo die Kohle lagert, wird sehr lange dauern. Manchmal fragt sich Erwin, wozu er diese Mühe auf sich nimmt. Ja, es gibt noch einige Dampfmaschinen, die mit Holz befeuert werden, doch daß die noch funktionieren, wenn sie sich dereinst wirklich bis zur Kohle durchgegraben haben, bezweifelt Erwin. Aber wie dem auch sei, er hat Arbeit und er wird bezahlt. Alles andere ist Sache des Grafen.

© Michael Winkler