Transzendenz (25.3.2015)

Einstmals haben die Menschen in einer magischen Welt gelebt. Jedes Tier, jede Pflanze, selbst ein Bach, ein auffälliger Stein war belebt, Sitz eines Naturgeistes, den die Menschen nicht verärgern durften. Später wurden aus diesen Naturgeistern die Götter, noch später war es der Geist Gottes, der alles durchdrungen hatte. Das Mittelalter läßt uns erahnen, wie Gott alles erfaßt hatte, wie Gott allgegenwärtig gewesen war. Das Leben war kurz, ein eitriger Zahn, eine kleine Wunde konnte den Tod bedeuten. Die Pestzüge waren eine Plage Gottes, die den Menschen ihre Hilflosigkeit aufzeigte.

Der mittelalterliche Mensch lebte in einer Welt, die Gott für ihn geschaffen hatte, und in der es ganz natürlich war, Gott durch Menschenwerk zu verherrlichen. Und wo wir heute auf die Uhr schauen und Sekunden abmessen, haben die Leute damals Gebete gesprochen, die ihnen das Zeitmaß lieferten. Diese Gebete waren die "Zauber", die ein Waffenschmied mit in seine Klinge hineinarbeitete. Gott hat das Leben der Menschen bestimmt, nie waren die Zeiten frommer gewesen.

Diese Transzendenz des christlichen Abendlandes ist einzigartig in der Weltgeschichte. Sie mag mit der Frömmigkeit Ägyptens verglichen werden, doch die Ausrichtung Ägyptens war anders: dort diente das irdische Leben nur zur Vorbereitung auf das Leben nach dem Tode, die Menschen waren jenseitsbesessen. Im Mittelalter war das Diesseits die große Prüfung. Nicht das richtige Ritual, nicht die Bereitstellung größerer Schätze für das Nachleben bestimmte das Diesseits, sondern der Wille Gottes. Wer eine Wallfahrtskirche besucht, sollte unbedingt die Mirakel-Kammer betreten und sich dort die Votivgaben betrachten. Diese zeigen deutlich, wie die Menschen Gottes Eingriff in ihr Leben empfunden haben.

Die Transzendenz des Mittelalters ist anderen Völkern verloren gegangen. Spanien war zutiefst materialistisch, als seine Konquistadoren Südamerika unterworfen haben. Der Drang nach Gotteserkenntnis war formal durch den Drang ersetzt worden, Gott den fremden Völkern aufzuzwingen. Die allerchristlichsten Majestäten haben die Methoden des Islam angewandt, mit Feuer und Schwert Bekehrungen durchgeführt. Der Hauptzweck der Eroberungen war jedoch die Beute, das Gold und Silber der "Neuen Welt". Niederländer und Engländer folgten diesem Pfad, errangen irdischen Tand. In Frankreich wurden die Könige immer mächtiger, herrschten schließlich absolut über ihr Volk. In Italien hatte die Renaissance den Blick nach oben gerichtet, doch die Fürsten der Stadtstaaten blickten wieder in die Welt.

Nur in Deutschland erhob sich das Ringen um Gott zu neuen Höhen. Die Reformation war nur in Deutschland möglich, denn nur hier war die Seele des Volkes im beständigen Ringen nach einer Wahrheit gefangen, die über das Diesseitige hinaus geht. Luther wollte die Kirche von der römischen Dekadenz reinigen, die sie befallen hatte. Der Ablaßhandel diente der Kirche zur Geldbeschaffung, den Menschen hingegen bot er die Möglichkeit einer Versicherungs-Police, die Gelegenheit, vorzeitig seinen Frieden mit Gott schließen zu können. Deshalb war der Ablaßhandel in Deutschland so erfolgreich, da er hier einen inneren Bedarf deckte.

Das Ringen um die Religion, um Gott und die Werte, für die er stand, führte zum Dreißigjährigen Krieg. Nicht allein, die Deutschen haben sich nicht darüber die Köpfe eingeschlagen, ob neben Gott auch Heilige verehrt werden dürfen. Politiker, die Landesfürsten, haben ihre Interessen auf diese Auseinandersetzung draufgesattelt, außerdem marschierten andere Völker Europas bereitwillig auf die Schlachtfelder Deutschlands, um sich Macht und Beute zu sichern. Das schwedische Heer hat sich damals eine traurige Berühmtheit erworben.

Danach herrschte in Deutschland religiöser Friede, doch die Auseinandersetzung mit Reformation und Gegenreformation schwelte auf intellektueller Basis weiter. Im katholischen Spanien, im katholischen Frankreich, im katholischen Polen gab es diese Auseinandersetzung nicht. Im anglikanischen England flackerte der Zwist kurz auf, wurde jedoch von Cromwell beendet, im protestantischen Schweden gab es keine Abweichler. Nur in Deutschland waren es oft genug ein paar Schritte, um aus einem katholischen Fürstentum in ein evangelisches zu gelangen. Das Ringen um Gott hat nie aufgehört, es formte das Denken der Menschen. Johann Sebastian Bach war im Hauptberuf Kirchenmusiker, in den Schriften Immanuel Kants geht es auf der offensichtlichen Ebene um Verstand und Vernunft, doch darunter stößt man auf die Transzendenz, um das Ringen nach Gott.

Die Dichter und Denker, für die Deutschland berühmt wurde, profitierten vom Gegensatz der Reformation und der Gegenreformation, aber auch davon, daß Deutschland kein einheitliches Großreich gebildet hatte. Waren dem einen Landesherrn Gedanken und Denker verhaßt, erwies sich sein Nachbar als Mäzen, der beides förderte. Wer anderswo verfolgt wurde, fand oft genug in Deutschland einen sicheren Platz, um hier ein neues Leben aufzubauen. Die preußischen Könige waren keine studierten Theologen, hatten aber trotzdem das evangelische Bischofsamt inne. Kaiser Wilhelm II. hatte als Bischof an Bord seiner Yacht Messen gelesen. Der englische König, das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, hat dieses geistliche Amt nie als Auftrag aufgefaßt, selbst zum Prediger zu werden.

Das christliche Abendland war und blieb in Deutschland am besten verwirklicht. Wenn heute vom jüdisch-christlichen Abendland geredet wird, so beschreibt dies den Verfallszustand. Die jüdische Religion ist nicht transzendent, sondern aufs Diesseits ausgerichtet. Da hält man Gottes Gebote in Talmud und Thora, damit es einem wohl ergehe auf Erden. Auf das Jenseits, auf Gott ist da nichts ausgerichtet, der eigene Tod wird nicht als Übergang, sondern als Katastrophe, als das Ende empfunden. Der Islam ist ebenfalls weltlich ausgerichtet, allenfalls einige Sufi-Sekten kennen die Transzendenz. Der Islam ist eine Anleitung zur Erringung der Weltherrschaft, eine durch und durch kriegerische Religion. Allah kommt im Koran hin und wieder vor, doch die zentrale Gestalt ist Mohammed, sind seine Taten, die er in der Welt verrichtet hat. Das Jenseits, das Paradies gibt es im Islam, der sicherste Weg dorthin ist, im Kampf für Allah als "Märtyrer" zu fallen. Wobei es gleichgültig ist, ob dieser Märtyrer im heldenhaften Kampf mit wehrhaften Männern stirbt oder ob er sich einen Sprengstoffgürtel umschnallt und heimtückisch Frauen und Kinder mit sich in den Tod reißt.

Der Deutsche bezieht Gott in sein Leben ein, nicht unbedingt als personifizierten Gott, dafür als allgegenwärtige höhere Macht. Der Deutsche ist sich bewußt, daß er eines Tages vor dieser höheren Macht stehen wird und sich verantworten muß. Wobei das natürlich eine Pauschalierung ist, die längst nicht alle Deutsche betriff. Die BRD-Paßinhaber, die aus fremden Ländern zu uns gekommen sind, brauchen Generationen, um in diesem Sinne deutsch zu werden. Viele Deutsche sind den Verlockungen des Gottes Mammon verfallen, haben Besitz und Materielles an die Stelle der Transzendenz gesetzt. Diese Menschen sind Blätter im Wind, die davongetrieben werden, weil sie keine Wurzeln mehr besitzen. Wer in der eigenen Tradition lebt, gleicht hingegen einer Eiche, die unterirdisch mit ihrem Wurzelwerk noch einmal den gleichen Raum einnimmt, wie oberirdisch als Baum sichtbar ist.

Der größte Fehler der Deutschen ist, Andere für ihresgleichen zu halten. Das mag sich über Generationen in diese Richtung entwickeln, doch wer neu nach Deutschland kommt, ist weit davon entfernt. Für den Deutschen ist es selbstverständlich, Menschen in Not zu helfen, doch er selbst würde niemals Not vortäuschen, nur um Hilfe zu erhalten. Der Deutsche gibt selbstverständlich zurück, was er empfangen hat, sobald er dazu in der Lage ist, und er gibt großzügig, weit mehr als nur ein paar Zinsen. Der Deutsche lohnt Beistand mit Treue, weit über das durch den Anstand gebotene Maß. Was jetzt in unser Land kommt, hat eine ganz andere Mentalität. Das sind Glücksritter, die für ein besseres Leben Eltern und Geschwister zurücklassen, die jederzeit für das noch grünere Gras weiterziehen, ohne ein Wort des Dankes. Menschen, die keine Wurzeln haben und auch keine Wurzeln schlagen wollen, sind hier im Lande fehl am Platz.

Für das Geschenk der Transzendenz ist die Welt uns Deutschen nicht dankbar, denn es ermahnt sie in ihrer Schlechtigkeit, daß es eine höhere Macht gibt, vor der sie sich verantworten müssen. Deutschland ermahnt die Welt durch seine bloße Existenz, daß Geld nicht Macht über andere, sondern ein Tauschmittel zur Förderung des gegenseitigen Wohlstands ist. Deutschland hat es geschafft, einen fairen Welthandel zu etablieren, ohne gegenseitige Ausbeutung - der Lohn dafür war der Zweite Weltkrieg.

Wir sind jetzt in einer Zeit angekommen, in der das Geld keinen inneren Wert mehr hat. Wir handeln mit Zahlen, die nicht einmal mehr auf Papier stehen, sondern nur noch Rechengrößen im Bankcomputer sind. Geld ist virtuell geworden, eine Illusion, die nur solange fortbesteht, wie die Menschen noch an sie glauben. Deutschland ist für sein Wohlverhalten reich geworden, das Vermögen der Deutschen beträgt über neun Billionen illusionäre Euro. Und es ist arm geworden, mit mehr als zwei Billionen Euro illusionärer Schulden. Die Deutschen arbeiten bis zum Umfallen, viele halten sich mit Medikamenten so weit vom Zusammenbruch entfernt, um weiterhin arbeiten zu können. Der Lohn dafür ist ein wenig Geldillusion, sind ein paar Bytes, die verändert werden. Und es sind nicht einmal "die" Deutschen, die wirklich arbeiten, sondern nur eine Minderheit. Wir sind die größte Industrienation Europas, doch nur ein paar Millionen wirklich Werktätiger produzieren die Güter. Die Mehrheit derjenigen, die ein Gehalt bekommen, produzieren nichts, sie verwalten, sind Dienstleister oder haben gleich Alibi-Posten, die kein Land und keine Gesellschaft wirklich braucht.

Wir haben viele Rentner mit reicher Lebenserfahrung im Land, wir haben Millionen Arbeitslose, wir haben Kinder, Jugendliche und Studenten. Das ergibt ein gewaltiges intellektuelles Potential, da gäbe es genügend Denker, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Doch das passiert nicht, die Millionen dämmern dahin, betäuben sich mit Alkohol oder dem Fernsehen. Junge Leute kommunizieren unaufhörlich mit ihren tollen Smartphones, doch sie kommunizieren nur Belanglosigkeiten, Nachrichten, für die früher niemand zum Telephonhörer gegriffen hätte. Das Land ist träge geworden, und jene paar anerkannter Staatsphilosophen, denen die Lizenz zum Denken zugestanden wird, sind geistig derart scheintot, daß nur unverständliche Formulierungen die Inhaltsleere ihrer Texte verschleiern.

Die deutsche Seele ist die Transzendenz, das Denken über das rein Materielle, über das rein Irdische hinaus. Es ist der Wunsch zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und nein, das ist NICHT das Higgs-Teilchen. Goethe hat in seinem Faust ein wenig an der Oberfläche gekratzt, daß Spengler uns deswegen "faustisches Denken" zuordnet, halte ich nicht für gerechtfertigt. Faust ist eine Welt-Allegorie, in der Wissen und Macht für einen Pakt mit dem Bösen vergeben werden. Ein Dr. Faust, der Philemon und Baucis aus ihrer Hütte werfen läßt, ist ein schlechter Deutscher. Und gerade den wichtigsten Teil, der Faust für die Erlösung qualifiziert, hat sich Goethe erspart. Die hat der Herr Geheimrat als guter Deutscher seinem Helden einfach geschenkt.

Die deutsche Transzendenz würde sogar den Islam infizieren, wenn dieser sich in Deutschland festsetzt. Der Islam würde reformiert werden und sich von dieser Reformation nie wieder erholen. Die heutigen deutschen Islamisten haben nicht das intellektuelle Potential, um diese Veränderung erkennen zu lassen. Wenn der Islam jedoch wirklich zum Teil Deutschlands würde, würden Deutsche den Islam erforschen und verändern. Dem Christentum ist es nicht anders ergangen.

Deutschland war das einzige Land, in dem Juden bereit waren, sich zu assimilieren. Es gab bis zum Ersten Weltkrieg Juden, die überzeugte Deutsche gewesen waren. Das Geschenk der Transzendenz wäre das Ende der Judenheit gewesen. Deshalb haben die Juden Deutschland zu Amalek erklärt, zu einem Feind, der vernichtet werden muß. Deshalb gibt es heute keine deutschen Juden mehr, sondern nur noch Juden in Deutschland. Wer sich so bezeichnet, grenzt sich selbst aus, will nicht Teil der Volksgemeinschaft werden. Mit dem, was heutzutage "Holocaust" genannt wird, haben die Juden ein Mittel geschaffen, um sich separieren zu können, um einer zukünftigen Assimilation zu entgehen.

Allerdings ist der jüdische Materialismus als Grundlage des Lebens der Menschheit ungeeignet. Der Materialismus lebt von der Ausbeutung, der Bodenschätze, der Natur und der Menschen. Die Ausbeutung endlicher Vorkommen geht nur bis zur Erschöpfung dieser Vorkommen. Die Erde ist so ein endliches, begrenztes System. Zwar wurde dank des virtuellen Geldes das System der Ausbeutung in einem früher für unmöglich gehaltenem Umfang ausgeweitet, doch dieses virtuelle Geld hat trotz allem noch eine reale Basis - und diese bleibt endlich. An den Finanzcasinos der Welt werden hunderte Billionen virtueller Werte gehandelt, Geld, das sich in Nichts auflöst, wenn versucht wird, es in die reale Wirtschaft zu leiten.

Die materielle Welt wird zusammenbrechen, sie wird nicht wieder auferstehen. Die neue Welt wird das Geschenk der Transzendenz, des Fingerzeigs über den Menschen hinaus dringend benötigen. Es wird eine Welt sein, in der deutsche Werte wieder zählen.

Was wäre, wenn Deutschland ausgelöscht würde? Die Welt würde ein paar Jahre brauchen, um ihren Verlust zu erkennen. Dann wird die Welt versuchen, das deutsche Wesen wieder zu beleben. Diese Versuche werden schließlich Erfolg haben, denn die Seelen der Deutschen leben fort. Sie werden auf die Erde zurückkehren, wenn die Bedingungen für sie günstig sind. Dies wird eine Welt sein, in der sich der Materialismus selbst erledigt hat.

Aber warum sollten wir es soweit kommen lassen? Die Welt, die wir heute kennen, hat sich bereits überlebt. Die "neue Weltordnung", die den Materialisten vorschwebt, ist längst gescheitert. Der Zusammenbruch des Realen wird eintreten, und jene, die zu sehr in der materiellen Welt verhaftet sind, werden diesen Zusammenbruch nicht überleben. Sie sind ein Irrtum der Evolution, die Fähigkeit sich an eine Welt anzupassen, die einen Mangel bewältigen muß. Wer fähig ist, die Transzendenz zu leben, sich mit Gottvertrauen auf die Veränderungen einzulassen, wird diese neue Welt formen und über sie bestimmen.

Millionen Menschen, die sich als Deutsche bezeichnen, werden es nicht schaffen. Sie sind in die materielle Welt abgetaucht, sind ihr verfallen. Das geistige Rüstzeug zum Überleben ist die Transzendenz, die Fähigkeit, das Unvorhersehbare als Gottes Wille zu akzeptieren. Das Pendel wird in die andere Richtung ausschlagen, nachdem es seine maximale Auslenkung in die eine Richtung erreicht hat. Wir steuern auf ein deutsches Jahrhundert zu - womöglich sogar auf ein deutsches Jahrtausend.

© Michael Winkler