Heimat (27.9.2006)

Etwa 100 Adelsfamilien haben ihr eigenes Programm zum "Aufbau Ost" gestartet. Sie haben ihre ehemaligen, von den Sowjets enteigneten und von der Kohl-Regierung nicht zurückerstatteten und zum größten Teil heruntergewirtschafteten Güter und Schlösser gekauft. Sie krempelten ihre Ärmel hoch, räumten die Trümmer beiseite, renovierten, investierten und sorgten für Arbeitsplätze.

Natürlich paßt eine solche Heimatverbundenheit nicht in die heutige Zeit. Heute glänzt man als "Weltbürger". Ein solcher schafft in Deutschland keinen Schulabschluß, bekommt aber zwei israelische Doktorhüte und einen amerikanischen Professorentitel - und natürlich eine deutsche Ministerpension.

Von solchen Vollkasko-Weltbürgern abgesehen, kann ich durchaus verstehen, wenn die wirklich Tüchtigen Deutschland einig Merkelland schnellstens verlassen und so mehr Platz für die zuziehenden Sozial-Schmarotzer schaffen.

Aber es gibt eben auch jene, denen Heimat etwas bedeutet, Heimat und Tradition eine Verpflichtung ist. Persönlich zähle ich nur bedingt dazu, ich bekomme gerade meine vier Großeltern zusammen. Allerdings hänge ich an Würzburg, trotz der derzeitigen Oberbürgermeisterin und der nicht nachvollziehbaren Beschlüsse des Stadtrates.

Damit wäre ich bei dem, was wirklich Heimat ist. Meine Heimat, das ist nicht Deutschland, nicht Bayern und nicht Franken. Das alles könnte ich problemlos hinter mir lassen. Heimat, das ist die Kirche Sankt Adalbero, in der ich getauft worden bin, die Erstkommunion und die Firmung empfangen habe. Sicher, ich habe diese Kirche seit fast 40 Jahren nicht mehr betreten, aber sie ist da und ich muß nur ein paar Schritte vors Haus gehen, um sie zu sehen. Heimat, das ist der Blick über das Tal. Es ist der Friedhof, auf dem mein Vater beerdigt liegt. Heimat ist der Ort, an dem man Wurzeln geschlagen hat.

In der alten Gesellschaft wurde der Sohn das, was sein Vater gewesen ist. Er übernahm den Handwerksbetrieb oder den Bauernhof. Und der Industriearbeiter hat in einem Betrieb seine Lehre absolviert und bis zu seiner Rente dort gearbeitet. Das silberne Betriebsjubiläum war nichts Besonderes, erst das goldene, kurz vor der Rente, wurde groß gefeiert. Damit war auch der Betrieb, die Arbeitsstätte ein Stück Heimat.

Im heutigen, "postindustriellen" Zeitalter hingegen zählen "Flexibilität" und "Mobilität". Mobil sind dabei vor allem die Arbeitsplätze, die schneller außer Landes verschwinden, als arbeitslose Migranten bei uns eindiffundieren. Der ideale Arbeitnehmer macht alles das, was sein Chef von ihm möchte. Heute Fahrer, morgen Buchhalter und übermorgen Lagerarbeiter. Und sollte der Arbeiter das nicht können, wird er umgeschult - bitte auf Kosten der Allgemeinheit, des Arbeitsamtes. Und natürlich soll der Arbeitnehmer auch überall dort arbeiten, wo ihn sein Chef haben will. Auch wenn das bedeutet, alle drei Monate umzuziehen.

Auf diese Weise erschaffen wir Entwurzelte, die vom Schicksal umhergeworfen werden und nirgendwo wirklich dazugehören. Nicht einmal die Familie gibt mehr Halt, aus dem "bis daß der Tod euch scheide" wurde der "derzeitige Lebensabschnittspartner". Mit zeitweisen Lebensabschnittspartnern geht man keine langfristigen Verpflichtungen ein, man baut kein Haus und man zeugt keine Kinder. Die geeignetste Wohnung für solche "Partnerschaften" wären Wohnmobile, die sich zu einer größeren Einheit koppeln lassen. (Falls jemand diese Idee aufgreifen möchte - ich erhebe keine Ansprüche auf Urheberschaft.)

Natürlich hat die Menschheit als umherziehende Gruppen begonnen und natürlich leben auch heute noch Menschen als Nomaden. Doch diese Nomaden hatten alle ihr Gebiet, das sie durchstreifen und in dem sie bleiben. Ob es nun hundert oder tausend Quadratkilometer sind, es ist "ihr" Land, ihre Heimat. Und der einzelne Mensch definiert sich im Kreis seiner Familie, seiner Sippe und seiner Stammesgemeinschaft. Die scheinbar rastlosen Nomaden waren und sind tief verwurzelt in ihrer Heimat.

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Vertreibungen. Seit der Völkerwanderung waren in Europa nicht mehr derart viele Menschen unterwegs, auf der Suche nach einer neuen Heimat, einer neuen Möglichkeit, Wurzeln zu schlagen. Im Gegensatz zur Völkerwanderung erfolgte diese Entwurzelung zwangsweise und durch menschliche Willkür, mit der gezielten Absicht, den bisherigen Bewohnern die Heimat zu nehmen.

Welche Kraft die Heimat entfaltet, sieht man nicht nur an dieser Handvoll adliger Familien. Man sieht es auch im Tierreich, mit welcher Vehemenz verschiedene Tiere ihr Revier, ihre Heimat gegen Eindringlinge verteidigen. Das Wissen, auf eigenem Grund und Boden zu kämpfen, verleiht ihnen oft genug die Kraft, überlegene Angreifer zu besiegen und zu vertreiben.

Heimat, Verwurzelung und Tradition gibt auch dem Menschen Kraft. Seien es die Partisanen, die auf vertrautem Gebiet kämpfen, jeden Stein und jeden Baum kennen und selbst von der größten Militärmacht aller Zeiten nicht zu besiegen sind. Seien es Bauern, die in ihrer Scholle so verwurzelt sind, daß sie nicht aufgeben, trotz aller Regelungswut der EU. Die Heimat ist ein hohes, verteidigungswertes Gut.

Wenn sich jemand wundert, wieso die Deutschen im 2. Weltkrieg solange für eine verlorene Sache gekämpft haben, findet er hier die Antwort: es ging um die Heimat, um das bißchen Land, dem sich jeder zugehörig fühlt, nicht um Hitler oder sonstige Ideen. Und die Bombenangriffe der Briten und Amerikaner sollten nicht nur möglichst viele Menschen töten, sondern auch möglichst viel von dem zerstören, was den Menschen das Gefühl der Vertrautheit und der Heimat gab.

Verwurzelte Menschen sind konservativ. Nicht im politischen Sinn, oder gar im parteipolitischen Sinn. Ich habe zwar keine Kinder, aber ich will mein Würzburg so für mich erhalten, wie ich es kenne. Das ist mein bißchen Tradition... Um wieviel mehr beherrscht Tradition wirklich alte Familien. Damit meine ich nicht jene Familien, welche in Frauenzeitschriften und der Regenbogenpresse auftritt. Das ist nicht der wahre Adel, nicht die Masse des Adels. Das sind austauschbare Eintagsfliegen, die nicht begriffen haben, in welche Tradition sie hineingeboren wurden.

Der wahre Adel beschränkt sich nicht auf den Namenszusatz "von" oder auf den Titel eines Barons oder Grafen. Selbst eine Bauernfamilie, die seit dem 17. Jahrhundert auf ihrem Hof nachweisbar ist, rechne ich zu diesem "wahren Adel". Ebenso den Metzger oder Bäcker, der den Betrieb in der fünften Generation führt und die sechste Generation anlernt. Das ist Tradition und Verwurzelung.

Es gibt den schönen Satz, wir hätten uns diese Welt nur von unseren Kindern geliehen. Das ist ein philosophisches Konzept, denn ich kann zwar selbst meinen Benzinverbrauch auf 20 Liter pro Monat einschränken, aber meinem Nachbarn nicht verbieten, mit seinem riesigen Geländewagen tagtägliche Spritztouren zu unternehmen.

In jenen Familien, in denen die Tradition gewahrt bleibt, wird dieser Satz im Kleinen umgesetzt. Dieser Besitz gehört nicht uns, wir haben ihn von unseren Eltern anvertraut bekommen, um ihn an unsere Kinder weiterzugeben. Mit einer solchen Mentalität denkt jeder konservativ, erhaltend. Wir riskieren diesen Besitz nicht, wir spekulieren nicht wild damit herum, trennen uns davon zu Höchstpreisen und verschleudern ihn, um in den Urlaub zu fahren. Wir wollen diesen Besitz erhalten und nehmen alles auf uns, um das zu tun.

Es sind nicht die Glamour-Adligen, aber auch nicht die angestellten Manager, die so denken. Der wahre Adlige hungert mit seinen Landarbeitern, auch wenn er seine dünne Suppe von edelstem Porzellan löffelt und nicht aus dem Blechnapf. Der wahre Adlige fährt sein zehn Jahre altes Auto weiter, wenn es dem Betrieb schlecht geht. Er spart lieber an sich, als seine Leute leichtfertig zu entlassen und ihnen so die Treue zu brechen. Der wahre Adlige spricht nicht über seine hohe Verantwortung, er trägt sie ganz selbstverständlich.

Natürlich paßt das nicht mehr in die heutige Zeit des schnellen Euros. Diese konservative Grundhaltung paßt nicht zu heutigen Betrieben, in denen Arbeiter hinausgeworfen werden, während sich die Manager die Gehälter erhöhen. Das gegebene Wort zu halten, paßt nicht in eine Zeit, in denen selbst der Amtseid eines Politikers nur noch ein Lippenbekenntnis ist.

Heimat und Tradition passen nicht in eine Zeit der austauschbaren Beliebigkeit. Parteifunktionäre sind austauschbar, ebenso wie Manager. Wahlversprechen interessieren keinen mehr, wenn es um die Verteilung der Dienstwagen geht. Heute wird als Regierung das beschlossen, was man gestern noch als Opposition bekämpft hatte. Verantwortung tragen bedeutet nicht, persönliche Konsequenzen zu ziehen, sondern ein Bauernopfer darzubringen, wobei der Geopferte natürlich weich fällt, damit er nicht ausplaudert, was der Chef wirklich auf dem Kerbholz hat.

Auch aus diesem Grund wird überall Flexibilität und Mobilität gefordert. Die Entwurzelten der Moderne, heimatlos der Beliebigkeit ausgesetzt, haben kein Gedächtnis. Sie leben dem Augenblick, vergessen die Lügen von gestern, um bereitwillig die Lügen von heute zu schlucken. Wähler ohne Gedächtnis kreuzen an, ohne nachzudenken, ohne die Leistung einer Regierung oder die Nebenjobs eines Politikers zu berücksichtigen.

Die CSU war 20 Jahre lang meine politische Heimat. Ich habe zwar nicht alles mitgetragen, was die Partei entschieden hat, aber ich hatte das Gefühl, daß die Richtung stimmt. Heute habe ich zwar immer noch deren Parteiausweis - vermutlich, weil die mich nicht mit einem Parteiausschlußverfahren aufwerten wollen - aber die Stoiber-CSU ist nicht mehr das, was ich "Heimat" nennen könnte. Die CSU ist beliebig geworden, keine verläßliche politische Kraft. Ihr Vorsitzender hängt sein Fähnchen in den Wind, tut heute das, was er gestern noch verabscheut hat. Persönliche Verantwortung ist für ihn so ein Fremdwort wie für sich schamlos bereichernde Vorstände im Siemens-Konzern.

Was heutige Manager unter Tradition verstehen, möchte ich nur an den Namen Eszer, Schrempp und Sommer erklären. Klaus Eszer hat den Traditionskonzern Mannesmann in die Hände einer ausländischen Firma gespielt und sich dies von jenen Ausländern mit Millionenprämien bezahlen lassen. Jürgen Schrempp hat DIE Vorzeige-Firma des Wirtschaftswunders, Daimler-Benz, mit Milliardenverlusten zu einer drittklassigen "Weltfirma" namens Daimler-Chrysler umgebaut und den eigenen Aktionären mehr geschadet als sein Vorgänger Edzard Reuter mit seinem Wahn der "Technologie-Firma". Ron Sommer hat mit seiner "Volksaktie" Telekom derart viele Leuten um ihr Geld gebracht, daß er vermutlich die Bezeichnung "Volksschädling" verdient hätte.

Keiner dieser "großen" Männer war irgendeiner Tradition verpflichtet. Das waren und sind keine Adligen, das sind bestenfalls Leibeigene, die jedem Herren dienen, der ihnen den Wanst füllt. Sie fühlen sich weder den ihnen anvertrauten Unternehmen, noch deren Arbeitnehmern, noch deren Aktionären verpflichtet, sondern bestenfalls den eigenen "Visionen", also der Stümperei, die sie als "Management" ausgeben.

In diesem Sinne ist Deutschland heimatlos geworden. Es gibt nichts und niemand mehr, der den Deutschen eine Heimat vermittelt. Die Oberbürgermeisterin von Würzburg betrachtet ihr Amt als vorübergehenden "Job", der sie zu Höherem qualifiziert, gerne in Berlin, auch am Kabinettstisch. Die Kanzlerin hingegen möchte ruhig durchregieren und ihren Platz in der Geschichte sichern, anstatt anzupacken und in schwieriger Zeit die Probleme des Landes zu lösen.

Damit degradieren sie sich beide zu Eintagsfliegen. Auch der Mann im Brioni-Mantel hat die Probleme nur verschleppt. Sieben Jahre Schröder waren sieben Jahre Stagnation und warten auf bessere Zeiten. Die Regierung Merkel wird in der Rückschau eine Zeit des Chaos mit einer vergnüglichen Fußball-Weltmeisterschaft und einem Papstbesuch werden.

Hoffen wir nicht auf die Lösung von "oben", soweit dieses oben Berlin, Brüssel oder Washington ist. Hoffen wir eher auf eine Lösung von "unten", von einem Wiederaufbau der Heimat, mit Gottes Segen. Jene Adligen in der ehemaligen DDR zeigen uns, welche Kraft sich entfaltet, wenn man sich der Heimat zuwendet und die Ärmel hochkrempelt.

Die Antwort auf Globalisierung und Entwurzelung kann nur Heimat und Verwurzelung lauten. Lokalisierung, wie sie das "Europa der Regionen" verheißt, aber nicht verwirklicht. Schon für die bayerischen Könige - auch wenn sie nicht der CSU angehören - war München das Maß aller Dinge. Die Residenz von Würzburg wurde nicht von der Brüsseler Bürokratie, dem Berliner Zentralstaat oder den Königen von Bayern gebaut, sondern vom lokalen Potentaten vor Ort, dem Fürstbischof von Würzburg. Berlin schmückt sich mit den pompösen Bauten der preußischen Könige, aber 50 Kilometer entfernt davon ist bereits Provinz.

Wer in der Provinz lebt, dort verwurzelt ist und sie als Heimat betrachtet, baut in der Provinz, verschönert die eigene Umgebung, errichtet dort Arbeitsplätze. Das ist menschlich, jeder würde so handeln. Die Fürstbischöfe von Würzburg haben ihre Stadt verschönert, den Ort, in dem sie leben. Was sollten sie in Gerolzhofen oder Marktheidenfeld? Nur König Ludwig II. von Bayern hat seine Schlösser über das Land verteilt, dafür wurde er für verrückt erklärt.

Konzentrieren wir uns auf die Heimat, auf das, was wir kennen und uns vertraut ist. Propagieren wir nicht "billig aus Fernost", sondern "Qualität aus Meisterhand". Wir benötigen Solidarität mehr als je zuvor, denn das, was uns der Staat als Ersatz angeboten hatte, bricht weg. Niemand kann heute noch versprechen, daß die BfA oder die LVA in fünf Jahren noch Renten bezahlen werden. Niemand kann versprechen, daß in fünf Jahren Berlin noch mehr für uns tun wird, als Steuereintreiber für die EU-Bürokratie zu schicken.

Von Merkel, Köhler oder Stoiber bekommen Sie keine Antwort, wenn Sie diese ansprechen. Aber ihr lokaler Abgeordneter, dem sie auf Faustschlagweite nahe kommen, kann nicht mehr ausweichen. Vergessen Sie das mit den "gleichen Lebensverhältnissen für alle". Das gab es nicht und das wird es nie geben. Der Bauer in Westfalen wird immer anders leben als der Arbeiter in Essen, der Beamte in Berlin wird trotz gleicher Gehaltsstufe völlig anders leben als sein Kollege in Mittelmietraching.

Statt Gleichmacherei, Flexibilität und Mobilität müssen wir in Zukunft auf Regionalität und Solidarität untereinander setzen. Es gilt, die bestmögliche Entwicklung der eigenen Region zu erzielen, nicht die möglichste Angleichung an einen ungreifbaren Durchschnitt. Das Ziel ist die Heimat, die persönliche Umgebung, das, wofür man sich einsetzt und ein klein wenig mehr tut als für eine Region, in der man sich fremd fühlt.

Migranten, die heute zu uns kommen, um ein besseres Leben zu haben, werden uns ebenso schnell verlassen, wenn es woanders noch besser ist als hier. Ich habe selbst in München und Berlin gelebt. Es ging mir dort gut, doch anders, als "ubi bene, ibi patria" vorschlägt, war meine Heimat trotzdem immer Würzburg. Den berühmten "Schritt mehr" gehe ich nicht für Berlin oder München, sondern für Würzburg.

Ich kann deshalb verstehen, wenn jemand nach 60 Jahren in eine Region zurückkehrt, die er nie zuvor gesehen hatte, weil diese Region trotz allem seine Heimat ist. Scheinbar sind es nur alte Photos und verklärende Berichte, welche die Leute zurückkehren lassen, doch es ist zugleich die Muttermilch, der Geist in der Familie, das Pflichtbewußtsein. Die Heimat steckt immer im Menschen und nur entwurzelte Weltbürger sind wahrhaft heimatlose Gesellen, die man nur bedauern kann.

Deshalb bekenne ich mich zu dem, was mich ausmacht: meiner Heimat.

© Michael Winkler