Wettbewerb (30.9.2015)

Was ein Wettbewerb ist, brauche ich zum Glück nicht allzu lange erklären: Die Teilnehmer bewerben sich um die Wette um den Sieg, kämpfen also mit oder ohne Regeln um als Erster einen festgelegten Erfolg zu erzielen. Bei einem Wettbewerb im Laufen geht es darum, wer zuerst durchs Ziel kommt, geht es ums Verkaufen, siegt jener, der am meisten verkauft hat, und bewerben sich die Teilnehmer um einen Auftrag, hat derjenige, welcher den Auftrag erhält, den Wettbewerb gewonnen.

Prinzipiell ist ein Wettbewerb durchaus eine gute Sache, da er alle Teilnehmer dazu bringt, ihre Kräfte anzustrengen und auf diese Weise besser zu werden. Der Gewinner hat ohnehin den Erfolg eingestrichen, die anderen Teilnehmer werden sich dementsprechend für den nächsten Wettbewerb rüsten, verbessern, trainieren und dazulernen. Der Wettbewerb bringt auf diese Weise alle Teilnehmer ein Stück voran.

Und doch hat ein Wettbewerb auch seine schlechten Seiten, vor allem dann, wenn der Erfolg im Wettbewerb mit unlauteren Mitteln erzielt werden soll. "Wettbewerbsfähig" ist ein Schlagwort aus der Wirtschaft, es beschreibt zunächst denjenigen, der seinen Eigenschaften nach befähigt ist, an einem Wettbewerb teilzunehmen. Wer 150 Kilo wiegt, mag Weltmeister im Bodybuilding oder im Maßkrugstemmen sein, als 100-Meter-Läufer ist er nicht wettbewerbsfähig. Man kann allerdings einen Wettbewerb manipulieren, und dann wird es gefährlich.

Ich weiß nicht, wie viel Geld ich einem Usain Bolt zahlen müßte, damit er hinter mir ins Ziel bummelt, doch das wäre ein ganz harmloser Fall der Manipulation. Wenn wir uns einigen, nur das Zielphoto zu stellen, brauche ich nicht einmal die ganzen 100 Meter auf mich zu nehmen... Eine Baufirma, die billiger anbietet und so eine Ausschreibung gewinnt, ihre Kosten dadurch reduziert, daß sie an der Armierung und am Beton spart, ist weniger harmlos.

"Wettbewerbsfähiger" im Sinne der Wirtschaft ist derjenige, der die bessere Qualität oder die niedrigeren Kosten anbietet. Die Engländer haben das "Made in Germany" erfunden, um die Qualität aus Sheffield vom Schund aus Solingen zu unterscheiden. Solingen hat sich keinen Schund mehr leisten können, bald haben die Kunden in England Qualität an der Aufschrift "Made in Germany" erkannt. Dies entspricht dem Athleten, der intensiver trainiert und das Glück hat, von Verletzungen verschont zu bleiben.

"Kosten sparen" ist eindeutig weniger gut. Wer in größeren Stückzahlen fertigt und somit die Fixkosten besser verteilen kann, liegt noch im grünen Bereich. Wer automatisiert und damit die Lohnkosten reduziert, grenzt bereits an gelb. Wer Löhne drückt oder ins Ausland verlagert, gerät tief in den gelben Bereich. Wer an den "richtigen" Stellen Geld einsetzt, als "wettbewerbsfördernde Maßnahme" oder seine Konkurrenten sabotiert, bewegt sich eindeutig im roten Bereich. Aus dem trainierenden Athleten wird der dopende Sportler, bei dem nicht die besseren Muskeln, sondern die bessere Apotheke gewinnt.

Wer nun argumentiert, die "Anderen" täten das auch, deshalb müsse er nachziehen, der schlägt den falschen Weg ein. Statt bessere Produkte zu entwickeln, statt neue Ideen zu haben, wird die Kostenseite reduziert, was letztlich dazu führt, daß die Firma untergeht, vom Zug der Zeit überrollt wird.

Im Mittelalter hatten sich die Zünfte entwickelt. Die Handwerker haben gegenseitig ihre Qualität kontrolliert, keiner konnte sich zum "Großbetrieb" entwickeln, da die Zunftordnung nur eine bestimmte Anzahl Gesellen erlaubte. Die Konkurrenz war geregelt, da die Zünfte im jeweiligen Gebiet nur eine beschränkte Anzahl Betriebe zuließen. So hatte jeder Bäcker, jeder Schmied, jeder Zimmermann sein Auskommen. Der Wechsel in einen anderen Beruf war nur schwer möglich, der Sohn eines Webers durfte nur selten Müller werden.

Heute haben wir die völlige Berufsfreiheit. Wer die schulischen Leistungen nachweist, kann eine beliebige Lehre anfangen oder ein Studium beginnen. Wo der Geldbeutel der Eltern das nicht hergibt, finden sich Unterstützungen, gibt es Stipendien. Im Prinzip haben wir die beste aller Welten!

Wirklich? Beim Militär hieß es früher, jeder Rekrut habe den Marschallsstab im Tornister. Damit wollte man ausdrücken, daß jeder dank eigener Tapferkeit ganz nach oben gelangen könne. In Wahrheit hatte der einfache Rekrut nur ganz geringe Chancen, es überhaupt zum Offizier zu schaffen. Offiziersstellen waren für den Adel reserviert. Und in Zeiten, in denen Adlige ihrem König Regimenter stellten, hatte der einfache Soldat gar keine Aussicht, es weit nach oben zu schaffen.

Der Praktikant in einer großen Firma mag insofern auch die Aussicht haben, eines Tages der Vorstandsvorsitzende zu sein. Er muß jedoch erst einmal die Festanstellung erreichen, dort Gönner finden, die seinen Aufstieg ermöglichen. Mit dem richtigen Namen, mit der richtigen Verwandtschaft ist das deutlich einfacher. Wer als Jugendlicher seinen Vater auf den Golfplatz begleiten durfte, hat dort bereits die späteren Gönner kennengelernt, war bei den richtigen Leuten am Tisch gesessen. Wer seinen Vater auf den Fußballplatz begleitet hat, Stehplatz in der Fankurve Ost, hat diese Kontakte nicht geknüpft.

Den Wettbewerb untereinander gibt es heute in der verschärften Form. In einem Werbespot der Sparkasse wurde das einmal gezeigt: Da haben sich zwei alte Schulfreunde getroffen, und sie hatten nichts Besseres zu tun, als "Karten" zu spielen, mit Photos von "mein Haus, mein Wagen, mein Boot". Ich gebe zu, so ganz fremd ist mir dieses Denken nicht, bei einem Klassentreffen stellt bestimmt jeder Vergleiche an. Allerdings ist es hilfreich, dabei den Leuten verstohlen ins Gesicht zu schauen. Die Herren Professoren und Unternehmer am Tisch mögen zwar das große Wort führen, doch sie erwecken nicht den Eindruck, fröhlich oder auch nur zufrieden zu sein.

Das große Versprechen, daß jeder alles erreichen kann, gleicht der Aussicht, am Roulette-Tisch sein Vermögen zu vertausendfachen. Schwarz und Rot, die einfachen Chancen, Sie müssen nur zehnmal hintereinander richtig liegen. Die Chance pro Spiel beträgt 48,65 Prozent, schließlich ist die Null noch dabei. Ihre Chancen, die Spielbank mit einem Tausender zu betreten und als Millionär zu verlassen, stehen bei rund 1 : 1350. Die Chancen, bei Siemens als Lehrling anzufangen und als Vorstandsvorsitzender aufzuhören, sind deutlich geringer.

In früheren Zeiten gab es über dem Sachbearbeiter den Gruppenleiter, Unterabteilungsleiter, Abteilungsleiter, Hauptabteilungsleiter, Bereichsleiter, Direktor und schließlich den Generaldirektor. Oft hatten die auch noch ihre Stellvertreter, mit anderen Worten, es gab viele Positionen, in die jemand befördert werden konnte. Somit gab es viele Ebenen, die eine Idee nach oben sickern mußte, um später als Entscheidung wieder nach unten vorzudringen. Dem haben die Firmen mit den "flachen Hierarchien" abgeholfen, zumindest scheinbar. Intern ist die Konkurrenz um die wenigen Führungsposten jedoch heftiger geworden. Wo es früher acht stellvertretende Gruppenleiter, vier Gruppenleiter, zwei stellvertretende Abteilungsleiter und den Abteilungsleiter selbst gegeben hatte, ist nur noch der Abteilungsleiter übrig geblieben. Drei Stufen, die jeweils einen halben Meter hoch waren, gibt es nicht mehr, übrig geblieben ist nur eine zwei Meter hohe Mauer, die Sie zwecks Beförderung erklimmen müssen.

Die Abteilung ist etwas kleiner als früher, doch wenn sich dort zehn "Kollegen" tummeln, die alle nach oben kommen wollen, hat jeder den Dolch im Gewande für seine Mitbewerber und zugleich die Säge für den Stuhl des Abteilungsleiters in der Schublade. Das Ergebnis ist der "Streß", der in den "Burn-Out" münden kann. Die Oberen haben nur begrenzte Möglichkeiten, die Unteren zu belohnen und zu motivieren. Das Gehalt des Abteilungsleiters ist der Deckel, da darf der einfache Sacharbeiter nicht nahekommen. Selbst mit wohlfeilem Lob ist es schwer, denn der Vorgesetzte darf seinen Abteilungsleiter nicht vergraulen. Der Abteilungsleiter steht ebenfalls vor einer Wand, denn er kommt nicht leicht auf die nächste Hierarchieebene. Sein Gehalt unterliegt ebenfalls der Deckelung. Zugleich hat der Abteilungsleiter Herrschaftswissen, nur er kennt seine Abteilung durch und durch. Er ist schwer zu ersetzen, und wird er ersetzt, dauert es einige Zeit, bis der Nachfolger eingearbeitet ist.

Die Verlockung, jeder könne alles werden, ist die gleiche wie in einer Lotterie, wo jeder den Hauptgewinn erlangen kann. In der Lebenslotterie bekommen Sie ein einzelnes Los, völlig egal, unter welchen Bedingungen Sie spielen. Mit Schulabschlüssen, mit Ausbildungen erhalten Sie weitere Lose, doch keine Garantie, einen wirklichen Gewinn zu erzielen. Zugegeben, auch wenn auf dem Los steht: "Sie haben leider nicht gewonnen", kann das trotzdem ein erfülltes Leben mit Frau und Kindern bedeuten. Auch ein Sachbearbeiter kann sich ein Haus zusammensparen. "Vorstandsvorsitzender" steht nur auf ganz wenigen Gewinnlosen, und die Lotterie dazu ist getürkt, denn diese Gewinnlose werden nur an wenige Auserwählte verteilt, die Mehrheit der Mitspieler bekommen erst gar nicht die Chance, ein solches Los zu ziehen.

In der ständischen Gesellschaft früherer Zeiten gab es das Versprechen, daß jeder alles werden könne, erst gar nicht. Jedem war bewußt, daß es eine geringe Möglichkeit gab, die Standesgrenzen zu durchbrechen, doch kein vernünftig denkender Mensch hat damit gerechnet, daß es ihm gelänge. Der Held auf dem Schlachtfeld wurde tatsächlich Offizier, der erfolgreiche Handwerker, der ein Unternehmen aufgebaut hat, in den Adelsstand erhoben. Das ist allerdings nicht mehr Mittelalter, das ist bereits das 19. Jahrhundert. Der Aufstieg war ein Generationen-Projekt, dem Sohn des Helden wurde ein Stipendium gewährt, dank des Namens seines Vaters gelang ihm der Aufstieg in die "Golfspieler-Klasse". Sein Sohn erlangte die Kontakte zu den Mächtigen, die dritte Generation war damit in der Vorstandsetage angekommen.

In den Fünfzigern des 20. Jahrhunderts konnte der Sohn eines Fließbandarbeiters studieren, wurde Dr. jur. und Rechtsanwalt. Dessen Sohn wiederum war in besseren Kreisen aufgewachsen, auch hier ist es die dritte Generation, die nach oben gelangt. Die einstigen Fließbandarbeiter gibt es heute nicht mehr, wer mit Tarifgehalt bei BMW oder Mercedes "am Band" steht, der gehört heute zu den privilegierten Arbeitnehmern. Er stellt sich oft sogar finanziell besser als die vielen Rechtsanwälte, die es heute an jeder Ecke gibt. Akademiker zu sein, bedeutet längst nicht mehr, den besseren Kreisen anzugehören.

Um die besseren Positionen gibt es einen harten Wettbewerb, und wer einmal am Roulette-Tisch auf die falsche Farbe gesetzt hat, ist aus dem Spiel. Sie brauchen den richtigen Einstieg beim richtigen Arbeitgeber, Sie müssen an den richtigen Projekten mitarbeiten, und Sie müssen die Gelegenheit erhalten, sich hervorzutun, wenn Sie aufsteigen wollen. Opel oder VW? Golf oder Passat? Und wenn Golf, dann das aktuelle Modell oder das nächste Modell? Sind Sie Ingenieur oder Kaufmann? Theoretisch haben Sie die besten Karten, wenn Sie am nächsten Golf-Modell arbeiten, doch was ist, wenn dieses Projekt eingestellt wird, weil die technische Entwicklung einen Sprung gemacht hat? Dann geht der Preis an die Gruppe, die den übernächsten Golf konzipiert hat. Sie stoßen dazu, doch Sie gehören zu den "Frischlingen", die zuarbeiten, nicht gestalten.

Die Demokratie will uns lehren, wir seien alle gleich. Abgesehen davon, daß es auch in der Demokratie jene gibt, die gleicher sind als der ganze Rest, stimmt diese Aussage schon im Kern nicht. Jeder hat seine eigenen Talente und Interessen. Wem die Geige in die Hände wächst, sollte nicht Klavier spielen. Wer stark und geschickt ist, sollte besser einen Beruf ergreifen, in dem Kraft und Geschick gefordert sind. Wer Schwierigkeiten hat, Sätze mit mehr als fünf Worten zu formulieren, sollte besser kein Schriftsteller werden. Wer Spaß am Rechnen und der Mathematik hat, wird ganz von selbst bessere Leistungen erbringen als jemand, der mit den Zahlen auf Kriegsfuß steht. Als Gruppe profitieren wir Menschen davon, daß es diese unterschiedlichen Begabungen gibt. Wir sollten sie fördern, die Leute ihre eigenen Wege gehen lassen, anstatt sie in eine uniforme Einheitsgesellschaft zu zwingen.

Wir sind selbst schuld, wenn wir uns in den Wettbewerb um Reichtum zwingen lassen. Dieser Reichtum stellt sich als Konsum dar, bei dem wir Dinge kaufen, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Ich gebe zu, daß mich ein neuer Mercedes reizt. Das ist ein imposantes Auto, die neueste Technik, die vielen Assistenz-Systeme - das alles finde ich beeindruckend. Aber was soll ich damit? Ich fahre keine 1.500 Kilometer im Jahr, da wäre dieses Auto verschwendet. Wer mich nicht mag, weil ich in Jeans und Pullover daherkomme, ist es seinerseits nicht wert, daß ich Anzug und Krawatte anlege. Mein Haus, mein Auto, mein Boot? Das ist kein Reichtum, das ist Konsum! Reichtum ist, das zu tun, was man will und was einen freut, und sich das leisten zu können, was man sinnvoller Weise will.

Der Wettbewerb interessiert mich nicht mehr. Warum sollte ich rennen, um als Erster an einem Ort zu sein, an dem ich gar nicht sein möchte? Ich habe noch nicht die völlige Freiheit erlangt, aber ich bin auf dem Weg dahin. Ich darf immer mehr ich selbst sein, ich definiere mich nicht mehr über meine Funktion. Oh ja, ich hatte auch einmal die Ambitionen, dann und dann Gruppenleiter zu sein und später Abteilungsleiter zu werden. Doch dann hat mich mein Berufsweg in eine Situation geführt, in der ich meine eigene Abteilung gewesen bin, der einzige Programmierer in der Firma. Das war ganz angenehm, da hat mir niemand ins Fachliche hineingeredet.

Doch ich schweife ab. Solange jemand im Wettbewerb ist, muß er sich anstrengen, immer mehr geben, weil er sonst überholt wird. Doch das ist nicht zu schaffen, weil irgendwann der Eine kommt, der tatsächlich besser ist. Der neue Ideen hat, der die alten, eingeschliffenen Bahnen verläßt und Probleme löst, an denen man selbst gescheitert ist. Und dann? Michael Schumacher und Sebastian Vettel waren zeitweise unschlagbar, dann kam die Zeit, in der beide hinterher gefahren sind. Wobei ich Vettel noch nicht abschreiben möchte, aber niemand bleibt ewig an der Spitze.

Wenn Sie sich nur über die Arbeit, nur über Ihre Position, nur über "mein Haus, mein Auto, mein Boot" definieren, dann sind Sie ein seelenloser Konsumroboter geworden. Dabei sind Sie einzigartig, Sie sind ein beseelter Mensch! Niemand auf der ganzen Welt kann all das, was Sie können! Sie sind nicht nur derjenige, der ein Buchhaltungsprogramm mit Daten füttert, Sie sind Nachbar und Ehemann, Koch und Gärtner, Handwerker und Gestalter - Sie haben einzigartige Erfahrungen und Erlebnisse gesammelt. Das muß der junge Schnösel, der gerade vom Lehrgang kommt und deswegen das neue Buchhaltungsprogramm besser kennt als Sie, erst einmal aufholen!

Die Demokratie versucht, Sie dieser Einzigartigkeit zu berauben. Sie zählen nicht mehr als Person, sondern sind nur noch ein Punkt in irgendwelchen Auszählungen. Ihre Meinung interessiert nicht, Sie dürfen allenfalls eine pauschalierte Ja-Nein-Stimme abgeben, statt einer qualifizierten Aussage. Die Demokratie möchte Sie in eine Schublade stecken und in den Wettbewerb, Sie dürfen im Hamsterrad immer schneller laufen, aber nie vorankommen. Das ist eine natürliche Folge der Gleichmacherei. Wenn auch noch der Jugendwahn hinzutritt, die irrige Meinung, daß die Jüngeren leistungsfähiger seien, wird der einzelne Mensch anhand einiger Kennzahlen abgefertigt. Klar, der Jüngere rennt dreimal, der Ältere hat bei einem Mal gehen alles dabei, was er benötigt. Wer in den Mitmenschen nur die Konkurrenten sieht, um mehr Gehalt, um mehr Status, um mehr Konsum, wird sich diesen Mitmenschen entfremden. Er ist nicht mehr fähig, eine Gemeinschaft zu bilden. Das aber zeichnet uns Menschen aus: die Gemeinschaft. Wenn ein besonders tüchtiger Maurer seinen Teil der Mauer drei Meter höher zieht als seine Kollegen, mag er führend im Wettbewerb sein, doch es geht darum, ein Haus oder eine Kathedrale zu bauen, wo er nur Steine aufeinander geschichtet hat.

Und am Ende? Mein Freund, hast Du wirklich gelebt? Und hast Du genug gelebt? Oder hast Du nur das tollere Haus, das bessere Auto und das größere Boot bekommen, anstatt das erfüllte Leben? Und wenn Du Bilanz ziehst, einen Strich des Heute auf der Rolle der erledigten und der noch zu erledigenden Dinge in Deinem Leben - wie viel steht da noch über dem Strich, als unerledigt, als Aufgabe für die Zukunft?

"Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, gib aber Gott, was Gottes ist." Den Satz haben Sie sicher schon gehört oder gelesen, er besagt nicht, daß Sie fleißig Kirchensteuer entrichten sollen. Er besagt, daß Sie durchaus am Wettbewerb in der Welt des Kaisers teilnehmen dürfen. ABER - das leitet die Warnung, die Einschränkung ein. Jenseits der Welt des Kaisers ist da noch die Welt Gottes, in der andere Dinge zählen. Sorgen Sie sich neben dem Weltlichen um Ihr Seelenheil! Damit ist nicht das gute Verhältnis zur Kirche gemeint, sondern das Heil, die Gesundheit Ihrer Seele. Alle Reichtümer der Welt heilen keinen noch so kleinen Schaden an Ihrer Seele. Wenn Sie sich über Ihre berufliche Position und Ihren Besitz definieren, haben Sie das Entscheidende verpaßt. Nach Ihnen wird ein Anderer Hauptabteilungsleiter sein, Ihr Haus wird einem Anderen gehören, und schon jetzt fährt jemand ein teureres Auto und besitzt ein größeres Boot. Sie aber sind nach wie vor einzigartig, auch ohne Job, Haus, Auto und Boot.

Der Wettbewerb, die Aussage, wir seien alle gleich, raubt Ihnen den Blick auf das Wesentliche, macht Sie klein vor denen, die Sie lenken und beherrschen wollen. Der äußere Reichtum wiegt niemals den inneren auf. Der Weg zur Größe führt nicht über die Titel auf Ihrer Visitenkarte, selbst der Eintrag in den Geschichtsbüchern ist kein Zeichen der Größe. Sie können als Schaf nach unten blicken, immer zur Erde, immer ins Gras, den Kopf immer auf die Hinterteile der Mitschafe gerichtet. Oder Sie können als Mensch aufstehen, den Blick in die Ferne richten, in den Himmel und dessen Unendlichkeit. Sie haben die Wahl, ob Sie hundert Halme mehr vertilgen wollen als das Nachbarschaf, oder ob Sie sich zu neuen Horizonten erheben.

Der vernünftige Fürst früherer Zeiten hat jene Untertanen, die den Blick heben, gefördert, um mit ihnen zu wachsen. Künstler, Wissenschaftler, Ingenieure, Baumeister - davon hat sein Reich profitiert. Der Fürst selbst war unantastbar, der Untertan hat sich nie zum Fürsten aufschwingen können, weshalb der Fürst den Untertan ohne Furcht aufrichten konnte. Der Fürst hat die Gemeinschaft gefördert, denn diese Gemeinschaft hat größere Ziele erreicht.

Der heutige Demokrat hingegen will die Schafe unten halten, will sie damit beschäftigen, noch mehr Gras zu fressen, Dünger zu produzieren und Wolle zu liefern. Die Schafe sind für ihn alle gleich und alle gleichgültig. Wer herausragt, muß bekämpft werden, denn er gefährdet die Position des Demokraten. Der Demokrat wünscht keine Gemeinschaft, denn eine Gemeinschaft ließe sich nicht beherrschen. Wo alle gegeneinander und jeder nur für sich arbeitet, da regiert das Mittelmaß, das mittelmäßige Mittelmaß der Demokratie.

Mein Haus, mein Auto, mein Boot? Nein, was zählt, bin ICH! Nein, das ist kein Egoismus, denn nur, wenn ich in die Ferne sehe, wenn ich mich aufrichte, kann ich Anderen zeigen, was dort ist, sie meinem Beispiel folgen lassen. Und nur, wenn ich mehr wert bin, als Haus, Auto und Boot, bin ich es wert, Mensch genannt zu werden und mich meiner Einzigartigkeit zu erfreuen.

© Michael Winkler