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Wir hatten einmal Anstand (20.7.2016)

Anstand, Benehmen, Höflichkeit... Da sieht man förmlich die Staubschichten und die Spinnennetze, die diese Worte bedecken. Höflichkeit - das Benehmen bei Hofe - wer braucht das noch, da es keine Fürstenhöfe in Deutschland mehr gibt? Was wir noch haben, ist der Pöbel, deshalb wird heute ganz munter drauflos gepöbelt. Gutes Benehmen ist ein Zeichen des Respekts, der gegenseitigen Achtung. Das wäre ein bißchen viel verlangt in einer Zeit der gegenseitigen Verachtung.

Natürlich haben unsere Politiker schon längst bemerkt, wie unfreundlich der Ton geworden ist. Da braucht es keinen drittklassigen "Satiriker", der pornographische Knüttelverse im Fernsehen vorträgt, um das abgesunkene Niveau zu verdeutlichen. Es hat tatsächlich mal Zeiten gegeben, in denen das Wort "Arsch" ob mit oder ohne Loch im Fernsehen und im Radio nicht benutzt wurde. Heute ist es bereits salonfähig geworden. Salon... der vornehmste Raum in einer herrschaftlichen Wohnung, wo man sich des höflichsten Benehmens befleißigte, vor allem gegenüber Damen.

Wobei die Politiker selbst mit schlimmsten Beispielen vorangehen. Natürlich, woher sollen sie es denn haben? Nur, weil sie in privilegierte Stellungen vorgedrungen sind, haben sie ihre Erziehung auf der Straße, ihre proleten- und rüpelhafte Frühzeit nicht vergessen. Da pöbelt ein Vizekanzler die Wähler als "das Pack" an, da lebt ein Bundespräsident im Ehebruch und denunziert Teile des Volkes als "Dunkeldeutschland".

Das sprachliche Niveau sinkt beständig. Im Fernsehen wird uns die "und so"-Genration vorgeführt. ("Ich interessiere mich für Pokemon und so.") Die sogenannte "Zuwanderung" tut ein übriges, da muß man schon froh sein, wenn ein Ausländer sich nach 30 Jahren wenigstens im Pidgin-Deutsch verständigen kann. Pidgin war früher ein Englisch mit vereinfachter Grammatik und begrenztem Wortschatz, gesprochen von Eingeborenen in Kolonialgebieten. Pidgin-Deutsch ist heute die Sprache der Unterschicht, leider nicht nur der eingewanderten. "Was guggsu?", "Hastu Problem?" oder "Isch disch Messer!" sind typische Sätze im Pidgin-Deutsch.

Pidgin kann natürlich mit einem "suicanen Element" nichts anfangen, der Schweinehund wird allerdings verstanden. Wobei darauf nur noch unsere muselmanischen Mitmenschen beleidigt reagieren, unter Deutschen ist das einstige Kraftwort reichlich kraftlos geworden. Im Pidgin dringt nur noch das durch, was klar, eindeutig und direkt formuliert ist. Einstige Umschreibungen, gar Diplomatie, wird nicht verstanden.

Im Wahlkampf 2005 haben Politiker gezeigt, daß sie nicht vertrauenswürdig sind. Die Union hat damals angekündigt, die Mehrwertsteuer um zwei Prozent zu erhöhen. Die SPD hat Zeter und Mordio geschrien, mit ihr gäbe es nie und nimmer eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Die Wähler konnten sich also zwischen zwei und null Prozent entscheiden. Nach der Wahl haben sich die Parteifunktionäre auf drei Prozent geeinigt, also einen Betrag, den sie nie angekündigt hatten und für den sie vom Wähler keinerlei Ermächtigung bekommen haben. Wer soll diesen Wortbrüchigen noch vertrauen?

Geschliffene Sprache, rhetorische Brillanz ist in den Parlamenten verschwendet. Die Entscheidung steht schon vor jeder Debatte fest, weshalb die Plenarsäle zumeist gähnend leer sind. Selbst die allerbesten Argumente überzeugen kein Mitglied der Opposition, selbst die überzeugendsten Gegenargumente kein Mitglied der Regierungs-Koalition. Der Bundesrat berät nicht, der Bundestag tagt, aber er arbeitet nicht. Entschieden wird in ganz anderen Gremien, auf deren Zusammensetzung die Wähler nicht wirklich Einfluß haben.

In früheren Zeiten wurde in Fernsehshows und Spielfilmen auf gepflegte Ausdrucksweise geachtet. Bei den heute so beliebten Talkshows gibt es grundsätzlich zwei Arten: In der einen werden real existierende Proleten vorgeführt, die ihre Proleten-Ausdrücke im Fernsehen verbreiten. Diese Art geht zum Glück zurück. Die zweite Art sind Schaukämpfe der Politiker. Nur, wenn Politiker nicht einmal im Wahlkampf die Wahrheit sagen, wer glaubt da noch, daß sie es im Fernsehen tun?

Eine beliebte Unterart sind die Alle-gegen-Einen-Gefechte. Eine Moderatorin, drei Sozialpolitiker und eine Krankenschwester sind eingeladen. Die Krankenschwester weiß alles, sie kennt die Front aus eigenem Erleben. Trotzdem dominieren die Politiker, die Schwester kommt kaum zu Wort, und wenn doch, wird ihr selbiges im Mund herumgedreht. Nett ist auch ein (Auf-)Rechter gegen eine Meute, die über ihn herfällt. Damit wird vorgeführt, daß es völlig in Ordnung ist, Meinungsabweichler zu beschimpfen und niederzubrüllen, Argumente sind völlig unnötig.

Der alte Rechtsgrundsatz, auch die andere Seite anzuhören, wird mehr und mehr vergessen. Journalisten sind zu Pressehuren verkommen, die einseitig berichten und munter Nachricht und Kommentar vermischen. Die Geschickteren schaffen das mit ihrer Wortwahl, so ist der eine gewählte Präsident immer der Präsident, der andere, genauso gewählte Präsident, hingegen ein "Machthaber" oder eben der "Kreml-Chef". Der Drohnenmörder aus den USA hat mehr Blut an den Händen, doch das stört die Journalisten nicht weiter.

Nicht nur die neue deutsche Schlechtschreibung hat die Sprachkultur verflacht, es liegt auch an den Autoren. Ein seitenlanger Text, bei dem die Gedanken keinen Punkt finden, um zwischendurch einmal auszuruhen, ist langweilig. Er mag inhaltlich noch so wissenschaftlich korrekt sein, der Leser fühlt sich bemüßigt, ihn aus der Hand zu legen. Solche Texte überfordern die Aufmerksamkeitsspanne der Leser, deshalb werden darin enthaltene Erkenntnisse nicht aufgenommen. Das mag ein Professor seinen unglücklichen Seminarteilnehmern zumuten, die auf sein Wohlwollen und seine Benotung angewiesen sind, der reine Sachautor sollte sich kurz fassen - oder eben Oasen in seine Bleiwüste verteilen.

Ich finde immer mehr den "amerikanischen" Sachbuchstil vor. Da wird in einem Buch Beispiel auf Beispiel angeführt, doch nirgendwo eine Schlußfolgerung aus all den Beispielen gezogen. Dies bleibt dem Leser überlassen, damit werden mögliche Ideen von vornherein vermieden, denn um sich mitzuteilen, müßte der Leser ein eigenes Buch verfassen. Der "deutsche" Sachbuchstil, aus einem oder wenigen Beispielen eine Schlußfolgerung abzuleiten und diese gegebenenfalls mit weiteren Beispielen zu unterfüttern, ist diesbezüglich deutlich effektiver und gegenüber den Lesern höflicher.

Anstand ist der natürliche Respekt voreinander. Anstand hält uns davon ab, in die Privatsphäre der Mitmenschen einzudringen. Die unerbetenen Werbeanrufe, die sich als "Umfragen" tarnen, dringen in meine Privatsphäre vor. Bedauere, ich habe keinen Hund. Warum hat der Belästiger mich danach gefragt? Weil er mir Hundefutter und sonstige Dinge für den Hund verkaufen möchte. Wie ich die Türkei als Reiseland bewerte? Kein Interesse, ich verreise nicht. Also keine Angebote mit großartigen Hotels zum Spottpreis... Verdammt (seufz), wenn ich mich dafür interessiere, bin ich durchaus in der Lage, selbst zu recherchieren!

Die Werbung steckt jedoch selbst im Dilemma. Ich habe bereits ein Auto, einen Kühlschrank, einen Fernseher, mein Bedarf ist gedeckt. Ich falle als Konsument aus, bis eines dieser Geräte kaputt geht, ich also ein neues brauche. Es sei denn, man weckt den Bedarf in mir. Wir Menschen lassen uns gerne verführen, da schließe ich mich ein. Nur wenige sind gegen solche Verlockungen immun. Hätte ich einen Hund, hätte der Anrufer womöglich gewonnen gehabt.

Anstand beginnt damit, den Anderen ausreden zu lassen. Anstand heißt, das zu verstehen versuchen, was der Andere mir sagt. Anstand heißt, auf den Anderen einzugehen. Und ja, Anstand kostet Zeit. Es ist einfacher, dem Volltrottel zu erklären, er habe einen an der Waffel, und das Gespräch so zu beenden. Das spart Zeit, jedoch habe ich dann eine Chance vertan dazuzulernen. Und ich habe eine Chance vertan, einem Mitmenschen zu neuen Gedanken zu verhelfen.

Wer an die eigene Unfehlbarkeit glaubt, mag so handeln. Dummerweise gibt es viel mehr Leute, die von ihrer Unfehlbarkeit überzeugt sind, als Menschen, die sich tatsächlich auskennen, die über fundiertes Wissen verfügen. Und meistens sind diese Könner ganz und gar nicht von ihrer Unfehlbarkeit überzeugt, sondern behandeln ihre Mitmenschen anständig, respektvoll und hören ihnen zu.

Man spricht gerne von der "Tünche" der Zivilisation, um damit auszudrücken, daß nur ein dünner Anstrich uns von den Barbaren unterscheidet. Dabei waren und sind die Barbaren deutlich anständiger zueinander. Der Germane war ein freier Mann, der als freier Mann von allen anderen freien Männern respektiert wurde. Die Freiheit ging soweit, daß der freie Mann selbst entscheiden konnte, ob er seinem Herzog in den Krieg folgte oder nicht. Die Alten wurden selbstverständlich respektiert, die Kinder beschützt. Die Gerechtigkeit funktionierte ganz ohne die ach so berühmten zehn Gebote des Don Jahwioso. Der freie Mann führte ganz selbstverständlich Waffen, um seine Freiheit zu verteidigen.

Ein paar hundert Kilometer südlich, im ach so zivilisierten Rom, herrschte weniger Freiheit und Anstand. Der gewöhnliche Römer war ein Plebejer, ein Angehöriger der Unterschicht. Nur als Klient eines reichen Römers hatte er eine Chance, seine Rechte zu wahren. Dafür mußte er seinem Dominus, seinem Herrn, in jeglicher Beziehung gehorchen. Für die Patrizier galten die "freien", aber armen römischen Bürger nicht viel mehr als ihre Sklaven. Ja, die Sklaven waren oft wertvoller als die Klienten.

Im zivilisierten Mittelalter, als das höfische Benehmen seinen Anfang nahm, hätte kein Ritter gezögert, einen Bauern über den Haufen zu reiten, wenn der ihm den Weg versperrt. Höflich war man nur untereinander, von gleich zu gleich, von Adligem zu Adligem. Anders ausgedrückt, zu jenen Leuten, die an ihrer Hüfte ein Schwert getragen haben, dieses ziehen und eine Fehde verkünden konnten. Respekt gab es nur unter Gleichgestellten.

"Ham se jediehnt?" In Preußen und den anderen Staaten des Deutschen Bundes lautete die Antwort in aller Regel Ja. In der kurzen Zeit zwischen Biedermeier 1830 und vielleicht 1970 herrschte in Deutschland zwar nicht unbedingt Gleichheit, aber gegenseitiger Respekt. Kameraden im Wehrdienst, Kameraden im Feld, führte zur gegenseitigen Achtung im Beruf. Natürlich haben die Arbeiter den Hut gezogen und sich verbeugt, wenn sie dem Fabrikdirektor begegnet sind. Doch anders als in England gab es keine snobistische Verachtung für das niedere Volk. Der Bildungsbürger nahm sich den Hof als Maßstab, pflegte höflich und anständig mit allen Menschen umzugehen.

Die Höhergestellten betrachteten die Unterschicht als ihre Schutzbefohlenen, denen sie helfen sollten, sich zu besserem Benehmen und besserem Leben emporzuarbeiten. Verschönerungsvereine versuchten, der Unterschicht Ästhetik zu vermitteln, Sittlichkeitsvereine förderten den Anstand. Im Gesangsverein stand der Regierungsbeamte neben dem Arbeiter, im Turnverein ertüchtigten sich die Menschen auf der gleichen körperlichen Ebene. Was heute so altbacken wirkt, hat dafür gesorgt, daß die Gesellschaft als Ganzes zusammengehalten hat.

Diese Zeiten sind heute vorbei. Wer Geld hat, zeigt es, und wer kein Geld hat, versucht so zu tun, als habe er welches. Wer irgendwo im Sattel sitzt, benimmt sich überheblich gegen das Fußvolk. Wir haben heute "Gleichheit", aber keinen Anstand mehr. Arbeiter sind heute Kostenfaktoren, Zahlen in der Tabellenkalkulation, keine Menschen. Meinungsabweichler werden nicht ernst genommen, sondern tunlichst niedergemacht. Für gepflegte Argumentation fehlt die Zeit und oft auch die Intelligenz, denn wer bösartige Beißer sucht, will keine intelligenten Leute.

Über den Haufen fahren geht nicht, aber Bedrängen, Blinker setzen und Lichthupe zeigen an, wer mehr PS unter der Haube hat. Privat- und Kassenpatient ist ein Standesunterschied, der Vorname Herr Doktor fördert auch in demokratischen Zeiten Karrieren. Wer die Lizenz zur eigenen Meinung hat, darf fast alles sagen, wer sie nicht hat, wird wegen Volksverhetzung verurteilt. Wer Hartz IV bezieht, muß dem Jobcenter gegenüber nachweisen, warum seine Kinder mit 15 noch immer zur Schule gehen anstatt zu arbeiten. Privilegien genießen vor allem "Zuwanderer", die noch nie einen Handstreich für Deutschland gearbeitet haben. Deutsche Patrioten müssen sich straffrei beleidigen lassen, Deutschenhaß gilt nicht als Rassismus oder gar als Verbrechen.

Alles hängt mit allem zusammen. Mangelnder Anstand folgt aus mangelndem Respekt, und mangelnder Respekt ist eine Folge gesellschaftlicher Ungleichheit. Wir steuern auf eine Zeit des Hasses zu, der schließlich explodieren wird. Danach werden wir uns wieder gegenseitig brauchen, und uns gegenseitig anständig behandeln. Anstand ist leider nicht infektiös, wenn in einer Kadettenanstalt besonderer Wert auf Anstand gelegt würde, lösten sich diese Lehren wieder auf, sobald die Zöglinge in den rauhen Alltag entlassen werden.

Dabei ist die Anstandsregel ganz einfach:

Behandele Andere so, wie Du von ihnen behandelt werden möchtest.

© Michael Winkler

Dieser Text ist der 581. Pranger. Seine Kollegen stehen im geschützten Archiv nur einige sind frei zugänglich. Was Ihnen entgeht, sehen Sie in dieser Liste. Falls Sie das überzeugt - hier lesen Sie, was Sie ein Paßwort kostet. Aber vielleicht kann ich Sie ja auch für meine Bücher begeistern:

Was wirklich im Grundgesetz steht

Vergriffen

Neuauflage fraglich

Erschienen 2005
100 Seiten
5,95 Euro

Neuaflage 2014
112 Seiten
8,90 Euro

Erschienen 2007
108 Seiten
8,90 Euro

Erschienen 2008
240 Seiten
19,95 Euro

Erschienen 2009
320 Seiten
9,90 Euro

2016er Version
300 Seiten
18,00 Euro

Dritte Auflage!

Erschienen 2009
220 Seiten
14,95 Euro

Erschienen 2009
236 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2010
208 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2010
232 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2012
228 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2012
244 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2013
144 Seiten
9,90 Euro
Erschienen 2013
144 Seiten
9,90 Euro
Erschienen 2014
148 Seiten
9,90 Euro