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Fassade (12.6.2013)

Was ist der Unterschied zwischen einer Plauderei (Neudeutsch: "Small Talk") und einem Gespräch? Wobei die Unterhaltung / Unterredung noch als Zwischenstufe betrachtet werden mag. Die Ernsthaftigkeit ist es nicht, denn auch eine beiläufige Plauderei kann durchaus ernsthaft geführt werden. Das Kennzeichen einer Plauderei ist ihre Beiläufigkeit. Da werden beliebige Themen behandelt, oft auch mehrere Themen nacheinander, doch bei keinem geht es in die Tiefe.

Von der Unterhaltung über die Unterredung zur Besprechung nimmt die Ernsthaftigkeit zu. Wenn sich unser Bankberater mit uns über unseren Kontostand unterhalten möchte, wissen wir ganz genau, daß das keine harmlose Plauderei werden wird. Dabei ist es egal, ob die Zahlen, die Gegenstand dieser Unterhaltung sind, eine tiefrote oder eine tiefschwarze Farbe aufweisen, das Gegenüber möchte etwas von uns. Bei einer Unterhaltung wird schon einmal ein Kandidat für einen Posten auf seine Eignung abgeklopft. Die Unterredung und schließlich die Besprechung sind nur formeller, aber sie sind immer noch kein Gespräch.

Wobei die Definition ein bißchen willkürlich ist. "Wir hatten ein nettes Gespräch" darf durchaus eine Plauderei bezeichnen. Ein wirkliches Gespräch, im hier verwendeten Sinn, dauert Stunden und geht in die Tiefe. Da wird die Fassade durchdrungen, da geben sich zwei Menschen gegenseitig Einblicke hinter diese Fassade. Aus diesem Grund ist ein Gespräch so gut wie immer auf zwei Teilnehmer beschränkt.

Was ist die Fassade, die ein Gespräch durchdringt? Die Fassade ist unsere Lebensrolle, die wir nach außen hin spielen, das Neudeutsche "Image", das "Imago", das Bild, das wir nach außen hin abgeben. Es ist die Larve, hinter der wir unser wahres Ich verbergen, ja es sogar beschützen. Wir wachsen in diese Rolle hinein, verinnerlichen sie, geben vielleicht sogar das wahre Ich auf, um die Rolle noch besser auszufüllen.

Betrachten wir einen Archetypen, Feldwebel Kurt Schleifer. Edel sei der Mensch, sagte sich einst der junge Kurt, folglich müsse er geschliffen werden. Was Herr Schleifer fortan auf dem Kasernenhof hingebungsvoll besorgte. Uniform, Brüllstimme, Dienstvorschrift - alles paßt wunderbar zur Fassade, zur Rolle des Gnadenlosen. Nun entkleiden wir diesen Herrn Schleifer bis auf die Unterhose und stellen ihn barfuß auf den Marktplatz. Wie viel Feldwebel ist dann noch übrig? Machen wir weiter, stecken wir ihn in einen Frack, in absolute Festbekleidung. Jetzt sitzt er in einer Theaterloge, bei einer Opernaufführung. Wo ist der Feldwebel jetzt geblieben?

Wir haben die Hauptrolle und zwei Ausnahmesituationen, und doch ist es immer Kurt Schleifer gewesen. Was ist Fassade, was ist Rolle - und wo fängt der Mensch an? Oder sollten wir die Frage lieber anders herum stellen: Wann hört der Mensch auf? Für sich allein ist es leicht, Mensch zu sein, doch was ist, wenn wir in Kontakt mit Anderen treten?

Vor dreißig Jahren, als Student, konnte ich noch unbeschwert feiern, saufen und dabei Blödsinn reden. Es gab noch keine richtige Rolle, die ich auszufüllen hatte, keine Erwartungshaltung, die an mich herangetragen wurde. Und dann? Dann war ich der Berufsanfänger, der den älteren, erfahreneren Kollegen zeigen mußte, daß er mithalten konnte, daß er Ideen hatte. Der Erfolgsmensch, der ein gutes Gehalt bezog, der im Beruf weiterkam. Dann war ich der Spezialist von außen, der hinzugezogen wurde, weil das Projekt nicht weiterkam. Der Mann mit Erfahrung, dessen Weitblick die Probleme kleiner werden ließ und überwinden half.

Ich war auch mal der Computerexperte, dessen bloße Anwesenheit Fehler zum Verschwinden brachte. Dessen Ideen die Produktivität steigerten und die Arbeit erleichterten. Und jener, der schuld war, wenn die Rechner mal nicht so wollten wie deren Bediener. Ich durfte aufschrauben und am offenen Herzen eines Programms operieren. Zeitweise habe ich mich gefühlt, als trüge ich einen dunkelblauen Umhang, mit goldenen Sternen und silbernen Monden bestickt, und einen krempenlosen, spitz zulaufenden Hut auf dem Kopf. Das war damals das goldene Zeitalter für Programmierer.

Oh ja, ich bin immer noch Physiker, zumindest habe ich ein von der Universität ausgestelltes Diplom, auf dem mein Name steht und das genau das besagt. Es ist inzwischen 28 Jahre alt, das Papier, und ich habe mich in diesen 28 Jahren längst zum Laien fortentwickelt. Fortentwickelt? Oh ja, mich aus den Denkschemata gelöst, die Mathematik vergessen, Gleichungen und Formeln aufgegeben. Ich weiß also, wie es ist, wenn man einmal Physiker gewesen war.

Heute bin ich Seelsorger und Pausenclown, Weltweiser und Hofnarr, gefeierter und geschmähter Autor, deutscher Patriot und Neonazi. Es war nicht Kurt Schleifer, es war das Leben, das mich zurechtgeschliffen hat, mit so vielen Facetten, in denen jeder sich selbst widerspiegeln kann, denn das, was jemand in mir sieht, bin nicht ich, das ist Fassade, das ist das, was jeder, der sich mir auf seinem eigenen Pfad nähert, in sich selbst trägt.

Ich bin derjenige, der die Leute nicht kennt, die ihm zu kennen unterstellt werden. Der die Bücher nicht gelesen und die Filme nicht gesehen hat, die er auf Wunsch der Anderen kennen sollte. Ich bevorzuge Romane gegenüber Sachbüchern, letztere zu lesen ist Arbeit, erstere Vergnügen, das ich freiwillig auf mich nehme. Ich bin derjenige, der sich so sehr einen modernen Hans Dominik gewünscht hat, daß er mit "Das neue Reich" selbst etwas in der gewünschten Art geschrieben hat.

Kennen Sie mich nun? Ich bin derjenige, der in wilden Sprüngen denkt, wie ein Fünfzehnjähriger, und der doch bald 56 werden wird. Ich kann jederzeit einen Text verfassen, den Tausende lesen werden, habe jedoch Befürchtungen, wie der Empfänger reagieren wird, wenn ich nur an einen Einzelnen schreibe.

Bin ich das, die eine, einzelne Person, der eine, einzige, einsame Mensch Michael Winkler, der das alles geschrieben hat? Die zahlreichen Pranger, die Tageskommentare, die Sachbücher, die Romane und schließlich "Die spirituelle Welt"? Ja, und zugleich nein. Ich bin der Mensch, der an den Rechner geht, um das einzutippen, der Mensch, der die Texte hochlädt, doch ich bin nicht derjenige, der die meisten dieser Texte schreibt. Diesen Autor können Sie nicht anrufen, nicht anschreiben, nicht auf der Straße und auch nicht im Schwimmbad antreffen.

Warum? Ich kann es Ihnen nicht wirklich erklären. Es ist ein transpersonaler Zustand, eine andere Bewußtseinsebene, in der ich meine Texte verfasse. Ich denke nicht, ich lasse denken. Um im Bild zu bleiben: Sie glauben, durch das Schaufenster zu blicken, sehen dort den Schuster bei der Arbeit. Doch das ist kein Schaufenster, sondern ein Bildschirm, auf dem ein Video läuft, das den Schuster bei der Arbeit zeigt. Tatsächlich sitzt der Schuster einen Raum weiter, verborgen vor allen Blicken, aber er arbeitet wirklich, nur ganz anders, als es der Betrachter glaubt.

Dieser andere Bewußtseinszustand läßt sich durch Drogen erreichen. Laut den Beschreibungen sollen Ritalin, Heroin und Kokain diese Wirkung haben. Aus eigener Erfahrung kenne ich den Alkohol, der mich früher enthemmt hat, um zu schreiben. Doch seit Jahren trinke ich kaum noch, was mir einstmals einen einzigen Tag verschönert hat, reicht nun für ein ganzes Jahr. Es ist eine meditative Übung, die aber nichts mit Meditation und verwandten Praktiken zu tun hat, sondern die schlichte Konzentration. Wenn Sie jetzt, in dieser Sekunde bei mir anrufen, verlasse ich die Ebene, auf der ich diesen Text schreibe, in der kurzen Zeit, in der ich zum Telephon greife. Sie sprechen dann mit einem anderen Ich, mit der Fassade, und zwar mit jener Facette der Fassade, die Sie vorfinden wollen. Wenn ich auflege, ist derjenige, mit dem Sie gesprochen haben, binnen weniger Sekunden verschwunden und ersetzt durch den Anderen, der zuvor geschrieben hat und nun weiterschreibt.

Trotz all der Übung schaffe ich es nicht immer, in mich einzutauchen. Es läßt sich nicht erzwingen, deshalb steht der Tageskommentar manchmal um 20:00 Uhr im Netz und manchmal erst um 22:30 Uhr. Bei den Prangern besteht die Schwierigkeit darin, ein Thema zu finden. Wenn das Thema ein großer, luftgefüllter Wasserball ist, schaffe ich es nicht, damit abzutauchen. Erst, wenn ich die Luft darin inhaliert und wieder ausgeatmet habe, das Thema also in mich aufgenommen worden ist, gelingt der Schritt in die Tiefe.

Jetzt haben Sie ein paar Dinge über mich erfahren und über meine Arbeitsweise. Das, die gestellte Aufgabe verinnerlichen zu können, ist der Unterschied zwischen Job und Beruf. Solange ich Programmieraufgaben in mich aufnehmen und gleichermaßen abtauchen, sie auf einer anderen Bewußtseinsebene lösen konnte, solange war ich ein guter Softwareingenieur. Geht dieser Kontakt verloren, wird der Beruf zum Job, zu dem, was die Römer treffend mit "negotium" bezeichnet haben. "Otium" war Freizeit, Muße, Selbstbestimmung, "neg-otium", also "Nicht-Otium", das Geschäft, der Beruf, die Arbeit, die Pflicht.

Es gibt den Weg des Eintauchens, die Arbeit zu verinnerlichen, sie so weit hinter die Fassade zu holen, daß es keine Arbeit mehr ist, sondern tatsächliche Selbstverwirklichung. Das aber dürften mindestens 99% der Leute nicht verstanden haben, die diesen Begriff verwenden. Arbeit kann zum "neg-neg-otium" werden, also zum "otium", zur Erfüllung. Und vielleicht bin ich auf diese Weise tatsächlich ich selbst, wenn ich schreibe, wenn auch auf ganz andere Weise als damals, als Student, vor 30 Jahren.

Von dieser Selbstverwirklichung durch Denken und Arbeit abgesehen, weiß ich nicht, wann ich das letzte Mal ich selbst gewesen bin. Ich habe das Gefühl, zwischen all diesen Facetten, die irgendwo Ich sind, umherzuirren und an der Oberfläche zu bleiben. Vielleicht habe ich deshalb diese Zeilen geschrieben, um darauf hinzuweisen, daß hinter dem Spiegel, den ich für jeden in gewisser Weise darstelle, noch mehr liegt. Ein bißchen Tiefe, in die ich selten wage hinabzutauchen.

Betrachten Sie diesen Text als ein Gesprächsangebot, als meinen Teil des Gesprächs. Jetzt sind Sie an der Reihe! Greifen Sie zu Stift, Feder oder Tastatur, verfassen Sie Ihren Teil dieses Gesprächs, den Blick auf und hinter Ihre Fassade. Und dann - nein, schicken Sie das Aufgeschriebene nicht an mich. Ich würde es zwar lesen, es aber in all der Fülle nicht angemessen würdigen. Ihre Zeilen sind ohnehin nicht für mich bestimmt, sie sind an den wichtigsten Menschen Ihrer eigenen Welt gerichtet: an Sie selbst! Warum sind Sie so wichtig? Weil es ohne Sie diese, Ihre eigene Welt, Ihre eigene Weltsicht nicht gäbe! Als Fassade sind Sie austauschbar, auch wenn es mehrerer Personen bedarf, um alle Ihre Rollen auszufüllen. Aber das, was hinter der Fassade liegt, was von dort aus die Welt betrachtet, ist einzigartig und unwiederbringlich.

Deshalb, suchen Sie das Gespräch mit sich selbst. Nicht die Plauderei, nicht die Unterhaltung, sondern das Gespräch, die Tiefe, die innere Kraft. Genau diese Kraft, die Sie nur dort finden werden, benötigen Sie, um die heutige schwere Zeit zu überstehen. Denn diese Zeit wird unweigerlich die Fassade einreißen, das Innere freilegen, das wahre Ich. Dieses Ich wird die Zeiten überstehen, oder in diesen Zeiten untergehen. Nutzen Sie die Zeit, um sich selbst zu erkennen.

© Michael Winkler

Dieser Text ist der 437. Pranger. Seine Kollegen stehen im geschützten Archiv nur einige sind frei zugänglich. Was Ihnen entgeht, sehen Sie in dieser Liste. Falls Sie das überzeugt - hier lesen Sie, was Sie ein Paßwort kostet. Aber vielleicht kann ich Sie ja auch für meine Bücher begeistern:

Erschienen 2005
100 Seiten
5,95 Euro

Erschienen 2007
112 Seiten
8,90 Euro

Erschienen 2007
108 Seiten
8,90 Euro

Erschienen 2008
240 Seiten
19,95 Euro

Erschienen 2009
320 Seiten
9,90 Euro

Erschienen 2010
240 Seiten
18,- Euro

Zweite Auflage!

Erschienen 2013
144 Seiten
9,90 Euro

Erschienen 2009
220 Seiten
14,95 Euro

Erschienen 2009
236 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2010
208 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2010
232 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2012
228 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2012
244 Seiten
14,95 Euro