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Bernhardsheim (21.6.2017)

Martin Schriever lebte gerne in Bernhardsheim, einem kleinen Ort, in dem die Zeit stehen geblieben war. Zuerst hatte er befürchtet, daß es seine Frau Helga woanders hinverschlagen würde, bis das Telegramm eintraf, daß er sie vom Bahnhof abholen solle. Herr Schriever hatte als Schneidermeister sein Auskommen, auch wenn in Bernhardsheim nur selten jemand ein neues Hemd oder ein neues Kleid haben wollte. So blieb ihm mehr Zeit für seinen Garten und die Rosenzucht. Die andere Hälfte des Gartens nutzte seine Frau, die viel praktischer veranlagt war und deshalb Gemüsebeete angelegt hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Herr Schriever beschlossen, in Bernhardsheim seßhaft zu werden. Er hatte so viele Veränderungen in seinem Leben durchgemacht, daß ihn die immer gleichen ruhigen Tage in diesem besseren Dorf gefielen. Die anderen Menschen in Bernhardsheim dachten ähnlich, denn nur selten verließ jemand den Ort, und eher noch seltener zog jemand zu. Die Welt mit ihren Nachrichten, mit ihren Unruhen und Krisen, sie lag ganz weit weg. Eine Tageszeitung bezog niemand im Ort, die Nachrichten hörten die Menschen in ihren Volksempfängern. Wer einen neuen Ufa-Film sehen wollte, mußte mit der Bahn nach Friedrichsburg fahren, das man in Bernhardsheim nur "die Stadt" nannte. Ein unruhiger, hektischer Ort mit Autoverkehr, den Herr Schriever gar nicht schätzte.

Da traf er sich lieber mit seinem Nachbarn, Hauptsturmführer Wolters, auf eine geruhsame Partie Schach. Am 20. April, zu Führers Geburtstag, trafen sich die Bernhardsheimer auf dem Dorfplatz zum fröhlichen Beisammensein. Sie sangen die alten Lieder, die Wacht am Rhein, das Flamme empor oder wenn alle untreu werden. Früher hatte der Bürgermeister den Dorfplatz noch mit Hakenkreuzen schmücken lassen, doch darauf hatte er schließlich verzichtet. Über dem Dorfplatz wehte die Hakenkreuzfahne, das sollte genügen.

Die Nachrichten aus Deutschland, das viele noch "Das Reich" nannten, klangen nicht gerade verlockend. Sicher, den wirtschaftlichen Aufschwung nahm man in Bernhardsheim erfreut zur Kenntnis, und als Deutschland 1954 Fußball-Weltmeister geworden war, ist fast jeder Bernhardsheimer in die Stadt gefahren, um sich die Wochenschau anzusehen. Die zwei Lichtspieltheater in Friedrichsburg hatten ihr Programm umgestellt, brachten drei Wochenschauen am Stück, eine mit dem Endspiel in Bern sogar in Überlänge.

Doch dann trafen schlechtere Nachrichten ein, vom Bau der Mauer in Berlin, vom drohenden Atomkrieg während der Kuba-Krise, schließlich die revoltierenden Studenten im Jahr 1968. Neuankömmlinge erzählten von Langhaarigen, vom "Gammlern" und "Hippies". In den ersten Wochen schienen die Neuankömmlinge sich an dem Hakenkreuz über dem Dorfplatz zu stören, doch bald hatten sie sich daran gewöhnt. Ein paar von ihnen kamen nach einigen Wochen zu Herrn Schriever und ließen sich Wehrmachtsuniformen schneidern, die sie speziell am 20. April mit Stolz trugen.

Martin Schriever hätte sich selbst ebenfalls eine Uniform schneidern können, als ehemaliger Major hätte er sogar das Recht dazu gehabt. Aber der Krieg lag hinter ihm, war lange vergessen. Und er selbst hatte keine Lust, sich an das zu erinnern, was er in Polen, in Frankreich und schließlich in Rußland erlebt hatte.

In Bernhardsheim hörten sie vom Fall der Mauer, von der "Wiedervereinigung Deutschlands". Eine Wiedervereinigung ohne West- und Ostpreußen, ohne Pommern und Schlesien, ohne Elsaß und Lothringen, ohne Eupen und Malmedy... Nein, das war keine Wiedervereinigung, das war kein neues Entstehen des Deutschen Reiches. Trotzdem zog es überraschend viele Bernhardsheimer in die alte Heimat, zurück nach Deutschland. Sie gedachten, ihre Kraft und ihre Überzeugung dort einzubringen.

Dann fiel Martin Schriever eine Uniform auf, die er nicht geschneidert hatte. Er kannte den Träger als Stabsfeldwebel bei der Fernmeldetruppe, doch seine neue Uniform hatte eine andere Farbe, eine andere Paspelierung. Er trug nun ein Portepee und einen Säbel... Preußisch-Blau! Das waren die Abzeichen eines Feldwebels der Infanterie, die Uniform eines preußischen Regiments. Martin wunderte sich, daß er der Einzige war, dem dies auffiel. In den folgenden Wochen ließ sich dieser Feldwebel einen Schnurrbart wachsen, mit den gezwirbelten Spitzen. Im Einkaufsladen wurden auf einmal Bartwichse und Bartbinden angeboten.

Martins Frau wollte ein neues Kleid, in der Mode der Jahrhundertwende. Ja, sie sagte Jahrhundertwende, und sie meinte das Jahr 1900, obwohl mittlerweile der Kalender 1998 zeigte und die Jahrtausendwende bevorstand. Am 20. April 1999 war die Feier bunter geworden. Die Wehrmachtsuniformen waren in der Unterzahl, für die SS erschien nur noch Hauptsturmführer Wolters. Dafür gab es preußische, sächsische, badische und bayerische Uniformen. Und die Herren trugen die dazu passenden Orden aus der Kaiserzeit. Die Kriegsberichte hatten sich ebenfalls verändert. Nicht mehr Tobruk, Dünkirchen oder Sewastopol wurden eingenommen, sondern vor Ypern und Verdun gekämpft. Nicht mehr Rommel oder Guderian wurden als Kommandeure genannt, sondern Hindenburg und Mackensen. Ein preußischer Oberleutnant erzählte ganz stolz von Sedan und der Belagerung von Paris.

Schneidermeister Schriever profitierte geschäftlich, denn vor allem die Frauen bestellten bei ihm neue Kleider. Die Veränderungen setzten sich fort. Wo es bisher Lebensmittel gegeben hatte, wurden nun Kolonialwaren angeboten. Dort passierte es, daß er zur Bezahlung ein Dreimarkstück mit Hindenburg auf den Tresen legte und Sekunden später Kaiser Wilhelm der Zweite darauf abgebildet war.

Am 18. Januar 2001 wurde auf dem Dorfplatz die Hakenkreuzfahne eingeholt und an ihrer Stelle das kaiserliche Schwarz-Weiß-Rot unter dem Absingen von "Heil dir im Siegerkranz" gehißt. Am Tag zuvor hatte Nachbar Wolters noch seine Uniform als Hauptsturmführer der Waffen-SS getragen, heute trug er eine andere. "Rittmeister bei den Garde-Husaren", stellte er sich vor.

"Nicht mehr Hauptsturmführer?", staunte Schriever. Er glaubte, seinen Nachbarn gut genug zu kennen, um diese Frage stellen zu dürfen.

"Nein, das ist vorbei, darüber ist die Geschichte hinweggegangen", erwiderte Wolters. "Ich bin immer noch Jürgen Wolters, ja, aber eigentlich bin ich Justin Freiherr von Winterthal... Aber da die Anderen auch ihre Namen beibehalten haben, will ich keine Ausnahme machen."

Bernhardsheim feierte am 27. Januar Kaisers Geburtstag, der 20. April war kein Feiertag mehr. Schriever staunte, daß der 1. Mai begangen wurde, und auch der Muttertag. Ein paar Traditionen der Nationalsozialisten hatte der Ort demnach beibehalten.

Ein Jahr später bekam Herr Schriever Besuch. Er hatte zunächst gedacht, der Mann käme aus der Stadt, doch der Mann hatte einen viel weiteren Weg als den aus Friedrichsburg auf sich genommen. Der graue Schleier war kaum zu bemerken, erst als der Fremde in der guten Stube saß und Martins Frau in den Garten geschickt hatte, offenbarten die Worte des Fremden, woher er gekommen war. "Nun, Herr Schriever, bleiben wir bei diesem Namen, oder soll ich Ritter Waldemar sagen, wie bei unserer letzten Begegnung?"

Martin schluckte. Ritter Waldemar... Das lag soweit zurück... "Sie sind... Sie sind..."

"Ich war damals der Stadtvogt von Worms, der den Raubritter Waldemar hat hinrichten lassen", gestand der Mann. "Heute bin ich als Regierungsrat Sander hier, auf einer grauen Mission. Zieht es Sie wieder zur Erde, Herr Schriever?"

"Ich weiß es nicht... Nicht unbedingt", antwortete Martin. "Die Nachrichten von der Erde sind nicht gut... Ich würde gerne noch eine Weile hier in Eleulorien bleiben."

"Genau das möchte ich Ihnen empfehlen", erwiderte der Regierungsrat. "Zügeln Sie Ihre Ungeduld, warten Sie noch achtzig bis hundert Jahre ab. Sie wissen natürlich, wo Sie hier sind?"

"Ja, im Jenseits - wie so oft zuvor."

"Ihre Taten als Raubritter haben Sie weit nach unten gebracht", sagte Sanders. "Aber Sie haben sich nach oben gearbeitet, gerade als Major an der Ostfront sind Sie anständig geblieben."

"Ich möchte nicht über den Krieg sprechen, der war beschissen genug. Ich bin im Winter '43 erfroren, weil ein paar Etappenschweine mein Bataillon vergessen haben, als sie Winterausrüstung schicken sollten", knurrte Schriever.

"Ich habe vor, mit Ihnen über die heutige Erde zu sprechen. Dort stehen große Umwälzungen bevor... Wir haben Bernhardsheim bereits darauf eingestimmt."

"So im Nachhinein fällt mir auf, daß Sie den Nationalsozialismus abgeschafft haben. Ich frage mich, wie Ihnen das gelungen ist." Martin lachte auf. "Und ich frage mich, wie es den glühenden Nationalsozialisten auf der Erde ergangen ist, als sie Bernhardsheim verlassen haben."

"Diese Herrschaften haben ihresgleichen gefunden", berichtete Sander. "Ein paar wenige sind Neonazis geworden, die meisten von ihnen hingegen Antifaschisten. Immer noch verbohrte Ideologen, die nicht begreifen, daß sie schon wieder anderen Menschen aufzwingen wollen, was diese zu denken haben. Es gibt auch wieder politische Schlägertrupps, wie einst in der Weimarer Zeit. Die Propaganda ist noch primitiver als damals, und die Filme sind viel schlechter als zur Ufa-Zeit. Gedanken- und Meinungsfreiheit sind rar geworden auf der Erde, dafür gibt es viele politische Gefangene... Nicht nur in Deutschland, auf der ganzen Welt."

Sander atmete tief durch. "Aber das wird sich bald ändern. Bernhardsheim ist ein Experiment der Sonnenstadt gewesen. Wir haben den Leuten suggeriert, ein Leben zurückzugehen, in die Kaiserzeit. So wurden aus glücklichen Nationalsozialisten glückliche Untertanen Seiner Majestät. Wir werden das in den kommenden Jahren andernorts ebenfalls durchführen. Und hier, bei der Zukunft, kommen SIE mit ins Spiel, Herr Schriever. Die Erde gerät immer mehr zur Dunkelzone. Sie kennen die Feindpropaganda über das Dritte Reich?"

"Ja, aber nicht alles", sagte Schriever. Vor 70 Jahren hätte er das nicht so einfach zugegeben.

"Nun, diese Propaganda berichtet die absolute Wahrheit - über die heutige Welt", berichtete der Regierungsrat. "Gleichgeschaltete Presse, Rassenhaß - auf die angestammte weiße Bevölkerung -, Parolen statt Informationen, das trifft auf die ganze westliche Welt zu. Freiheit gibt es dort nicht mehr, wer es wagt, anders zu denken als die Regierung für richtig erachtet, sieht sich Verfolgungen und Repressalien ausgesetzt. Wir gehen davon aus, daß es in absehbarer Zeit einen wirtschaftlichen und ökologischen Zusammenbruch geben wird, einen Bürgerkrieg und sogar einen neuen Weltkrieg. Wir bekommen also Millionen, ja Milliarden verstörter Seelen ins Jenseits. Viele davon sind korrumpiert, werden in tieferen Ebenen landen. Eleulorien wird jedoch einen angemessenen Teil abbekommen, und auch Sie in Bernhardsheim werden zahlreiche neue Einwohner begrüßen. Wir brauchen jeden, der helfen kann, der diese neuen Seelen ins Jenseits einweist, der ihnen hilft, sich einzupassen. Wir haben deshalb Bernhardsheim vom Nationalsozialismus auf die Kaiserzeit umgestellt, das ist vor den Ereignissen, die viele dieser bald hier eintreffenden Seelen als den deutschen Sündenfall betrachten."

"Ich weiß nicht, ob ich das kann", befürchtete Schriever. "Als Raubritter habe ich mich nach unten gearbeitet, das ist richtig, aber zuvor habe ich es gerade bis ins Himmlische Jerusalem geschafft... Bis nach Eonata", korrigierte Martin, der sich damit als alte Seele offenbarte. "Dort war ich nicht lange genug, um an einem Kreuzzug teilzunehmen. Ich habe also keinerlei Erfahrung."

"Doch, die haben Sie, Major Sievers", behauptete der Regierungsrat. "Sie waren in Friedenszeiten ein guter Ausbilder und im Krieg ein fürsorglicher Anführer. Genau diese Qualitäten Ihres letzten Lebens sind jetzt gefragt. Und ein paar Anpassungen an die Gegenwart." Sander schwang langsam seine Hand und die gute Stube veränderte sich. Aus dem Volksempfänger ist ein Flachbildfernseher geworden, die barocke Schrankwand zu einer aufgelockerten Regalwand. Die schweren Eichenmöbel sind zu einem modernen Glastisch und einer Sessel- und Couch-Garnitur aus weißem Leder geworden. Nur das neue Ölgemälde, das Kaiser Wilhelm zeigte, wirkte anachronistisch. "Gewöhnen Sie sich ans 21. Jahrhundert."

"Meine Frau ist eine ganz junge Seele", wandte Martin ein. "Ich frage mich, ob sie die ganzen Veränderungen begreift."

"Soweit mir bekannt ist, hat sich Ihre Frau viel leichter mit den Veränderungen in Bernhardsheim abgefunden als Sie", beruhigte ihn Sander. "Die jungen Seelen erwarten solche Wunder im Jenseits. Wir haben damals erwartet, bei den Göttern angelangt zu sein. Was ich hier getan habe, hätten Sie genauso gekonnt, wenn auch mit ein wenig mehr Mühe. Ältere Seelen in Eleulorien sind selten, deshalb tragen Sie Verantwortung." Er senkte den Blick. "Nun ja, Sie sollten Verantwortung tragen. Sie haben damit die Gelegenheit, sich nach oben zu arbeiten - und Ihre Frau mitzunehmen. Werden Sie den Neuankömmlingen ein Vorbild, bereiten sie ihnen den Weg zu den Inseln der Seligen."

"Das ist eine sehr große Aufgabe, die Sie mir da aufbürden", fand Schriever.

Der Besucher lachte und wies auf das Bild an der Wand. "Deshalb habe ich Ihnen das hier hingehängt. Er hätte es so formuliert: Vorwärts mit Gott, der mit Ihnen sein wird, wie er mit uns allen sein wird und immer gewesen ist."

© Michael Winkler

Dieser Text ist der 610. Pranger. Seine Kollegen stehen im geschützten Archiv nur einige sind frei zugänglich. Was Ihnen entgeht, sehen Sie in dieser Liste und in jener. Falls Sie das überzeugt - hier lesen Sie, was Sie ein Paßwort kostet. Aber vielleicht kann ich Sie ja auch für meine Bücher begeistern:

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Erschienen 2007
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Neuauflage 2017
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