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Aufgrund meiner Verhandlung am 22. April 2014 habe ich einen älteren Text eingestellt, der nicht die Weihen der Unsterblichkeit erlangt hat.*

10.000 Stunden (Erste Veröffentlichung: 29.4.2009)

Es ist eine Faustregel, daß es 10.000 Stunden Übung braucht, um meisterliches Können zu erlangen. Das gilt für Sportarten wie Karate, Tennis oder Fußball, für künstlerische Tätigkeiten wie ein Instrument spielen, Schreiben oder Malen, aber auch für ein Handwerk wie Schreinern oder einen akademischen Beruf wie den des Arztes oder des Ingenieurs.

Gut, es ist eine Faustregel, es heißt nicht, daß ein Karatekämpfer, der "nur" 9.999 Übungsstunden hinter sich hat, von dem Meister mit 10.000 Stunden chancenlos verdroschen wird. Es heißt auch nicht, daß ein Chirurg solange assistieren muß, bevor er "seinen" ersten Blinddarm alleine entfernen darf, um anschließend eine erfolgreiche Herztransplantation durchzuführen, obwohl er noch nie zuvor eine gesehen hat. Ich versuche, die Entwicklung einmal ganz grob zu überschlagen.

Bitte beachten Sie, daß es sich bei den Zeitangaben um "Größenordnungen" geht. "Eine Stunde" dauert durchaus 30 bis 300 Minuten, "zehn Stunden" sind in Wirklichkeit Zeiten von fünf bis dreißig Stunden. Manche Leute sind sehr geschickt, andere stellen sich ausgesprochen dumm an. "Zehn" sind allerdings immer deutlich mehr als "eine" und deutlich weniger als "hundert".

1 Stunde - "interessierter Laie"

Die eine Stunde ist der Unterschied zwischen gar nichts wissen und wenigstens zu wissen, worum es geht. Nach einer Stunde Kampfsport weiß der Laie, wie man eine Faust richtig ballt oder er hat die Anfangsgründe der Fallschule erlebt. Die eine Stunde reicht aus, um einem fachfremden Schauspieler ein bis drei Tricks beizubringen, die es ihm erlauben, eine einfache Kampfszene selbst zu spielen. Heinz Rühmann, der nun wirklich kein Action-Darsteller gewesen ist, hat in der Rolle des Pater Brown einmal einen "Schurken" mit einem Hüftwurf ins Hafenbecken befördert - eine einzige Aktion, keine fünf Sekunden Film, in einer Stunde eingeübt. Wenn der Schurkendarsteller sich gewehrt hätte, wäre es vermutlich anders ausgegangen.

Auf dem Klavier kann man dann eine Tonleiter klimpern, die Stunde genügt, um einen Baum zu fällen oder eine dicke Schweißnaht hinzubekommen. Man hat die Geräte mal in der Hand gehabt. Und ja, man kann einen Knopf annähen, ohne diese Stunde der Vorbildung. Professionell sieht das Ergebnis nicht aus, aber der Knopf hält. Millionen junger Männer haben das bei der Bundeswehr am eigenen Leib erfahren.

Diese erste Übungsstunde erfordert keinen Ausbilder, einfache Tätigkeiten kann jeder schnell erlernen. Es geht durch Versuch und Irrtum, durch Beobachten oder mit Hilfe einer gedruckten Anleitung. Man sollte jedoch nicht unterschätzen, was an Vorwissen vorhanden ist. Jedes Kind weiß heute, wie ein Schraubendreher funktioniert. Mit diesen Vorkenntnissen kann man einen Stecker an einem durchgeschnittenen Elektrokabel auswechseln, ohne zuvor einen Meisterbrief des Elektrohandwerks zu erwerben. Ein Kunstschreiner, der vor 200 Jahren gelebt hat, hätte trotz meisterlicher Fähigkeiten damit größte Probleme gehabt. Sein Kollege, der Uhrmachermeister, hätte es leichter, doch bei einer batteriebetriebenen Uhr wäre er zunächst ratlos davor gesessen.

10 Stunden - "Anfänger"

Nach zehn Stunden kann man Rad fahren oder schwimmen. Es reicht weder für die Tour de France - nicht mal mit einer bestens ausgestatteten Apotheke im Hintergrund - noch für eine Ärmelkanaldurchquerung, dafür sind noch viele Trainingsstunden erforderlich. Der Lernende hat die Grundlagen erworben, er weiß jetzt, was er alles noch nicht kann. Wer seiner Angebeteten unbedingt "Hänschen klein" vorklimpern will - zum Beispiel für eine Wette - muß mit diesem Zeitaufwand rechnen.

Wir sind hier in der Größenordnung eines Erste-Hilfe-Kurses, wir bekommen ein Tagesseminar zusammen, zur Fort- oder Weiterbildung. Wir sind sogar im Bereich der Führerscheinausbildung, auch wenn das mit der Theorie 30 bis 50 Stunden werden. Der Fahranfänger, der gerade seinen Führerschein ausgehändigt bekommen hat, steht am Anfang seiner Karriere als Kraftfahrer. Kein Betroffener sieht das ein, doch wirklich beherrschen wird er sein Fahrzeug erst nach drei bis fünf Jahren Praxis - und nach tausend Stunden.

Zehn Stunden Übung reichen sogar für Franz Beckenbauer oder Verona Poth, um einen 30-Sekunden-Werbespot mit einem einzigen kurzen Satz aufzunehmen. Der Judoschüler schafft es, dem Klassenschläger eine nette Überraschung zu bereiten. Zehn Stunden heißt, man weiß ungefähr, wie es geht, und kann jetzt selbständig mit dem eigentlichen Lernen anfangen. Als angehender Selbständiger habe ich vom Arbeitsamt ein einwöchiges Seminar bezahlt bekommen, in dem von der Buchführung über die Krankenversicherung bis hin zum Marketing alles behandelt worden ist - oder besser ausgedrückt, vorgestellt wurde.

Unter Anleitung - und mit Hilfe - eines Meisters kann ein Anfänger in dieser Zeit eine Messerklinge schmieden, einen Stuhl zimmern oder einen Trinkbecher aus Glas blasen. Ein richtiger Lehrling weiß nach diesen zehn Stunden gerade, welches Werkzeug er in die Werkstatt bringen soll.

100 Stunden - "Amateur"

100 Stunden, das bedeutet ein halbes Jahr Training zu jeweils zwei Doppelstunden pro Woche. Im Kampfsport gibt es nach dieser Zeit den "gelben Gürtel", als Abzeichen, daß der Träger nicht mehr der totale Anfänger ist. Der Sport wirkt sich jetzt auf Kraft und Ausdauer aus, sogar die Figur hat sich verbessert.

Wenn eine Mutter ihre Tochter nicht gezielt für Küchen- und andere Haushaltsarbeiten ausbildet, sind diese "100 Stunden" das, was eine Tochter an "Ausbildung" mitnimmt, wenn sie das Haus verläßt. 100 Stunden in der Küche, 100 Stunden Hausputz, 100 Stunden flicken - das ist nicht viel, doch schon das kostet Mühe, wenn die junge Dame dazu keinerlei Lust hat. In früheren Zeiten hatten die Söhne noch nicht mal das, die angehenden Herren Studenten mußten erst mal durch Versuch und Irrtum lernen, eine Tütensuppe zuzubreiten.

Diese 100 Stunden sind ein "Kurs" oder ein "Lehrgang", zwei Wochen am Stück oder eben ein halbes Jahr in den Abendstunden. Ein Astrologe ist danach so weit, daß ein Horoskop zu ihm spricht, daß er erste Zusammenhänge erkennt und deuten kann. Der Hobbymusiker in der Dorfkapelle darf ab dann mit, wenn dem Bürgermeister das Geburtstagsständchen gespielt wird. Bei der freiwilligen Feuerwehr kann der Helfer jetzt in den Einsatz, der Hobbyhandwerker schreinert oder schneidert ab dann "alles selbst".

Diese Stufe ermöglicht es ehrgeizigen Müttern ihre Kinder auf die Bühne zu stellen, um dort Blockflöte zu spielen oder einen Volkstanz aufzuführen. Ich habe einmal einen Wirt erlebt, der konnte auf diesem Niveau Trompete spielen - und ich war hingerissen, denn solange er Trompete spielte, hat er nicht gesungen. Letzteres war noch nervtötender.

Der Lehrling kann jetzt erste Dinge selbständig erledigen, auf Anweisung seiner Vorgesetzten und Ausbilder. Das ist der erste Monat der Berufstätigkeit, er hat viel gesehen, eine erste Ahnung erworben, wie es geht. Der Lehrling ist dabei nicht wirklich schlechter als ein Geselle, er braucht nur deutlich länger und arbeitet umständlicher. Angelernte Kräfte gelten zu dieser Zeit bereits als eingearbeitet, in ihren einfachen Tätigkeiten werden sie ab dann nur noch schneller und genauer.

1.000 Stunden - "Könner / passionierter Hobbyist"

Fünf Jahre Kampfsport - das reicht zum Schwarzen Gürtel. Diese Könner sind allerdings Leute, die von Bruce Lee in den Filmen gerade einmal ein bis drei Schläge aushalten, bevor sie dekorativ in der Landschaft herumliegen. Bei schlechteren Regisseuren werden sie im Dutzend minutenlang durchgeprügelt, das zieht den Film in die Länge und spart dem Drehbuchautor Ideen. Der Untrainierte ist für diesen "Schwarzgurt" trotzdem nicht Gegner, sondern Opfer.

Tausend Trainingsstunden, das ist der Weg von der E-Jugend in die Kreisklasse. Das sind zweimal Training pro Woche und zwanzig Spiele im Jahr, über Jahre hinweg. Das ist der ambitionierte Amateur, der seinen Sport mit Hingabe ausübt. Das ist der Freizeit-Musiker, der in der Dorfkapelle oder im Schulorchester mitspielt, der im Bekanntenkreis bei Familienfeiern auftritt oder mit zwei bis drei Freunden in der Dorfdiskotheken.

Die 1.000 Stunden sind die Grenze vom Hobby zum Beruf. Der Lehrling mit seinem Acht-Stunden-Tag ist nach einem halben Jahr soweit, der ambitionierte Hobbykoch benötigt Jahre, um diese Stufe zu erreichen. Hier scheiden sich jedoch die Profis von den Amateuren durch die Intensität. Zweimal anderthalb Stunden Fußballtraining pro Woche und zwei Stunden Spiel am Samstag, das reicht für die Kreisklasse. Der Amateur wird durchaus noch besser, doch im Wesentlichen hat er damit die Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht. Die Profis trainieren fünfmal die Woche vier bis sechs Stunden.

Der Schritt über diese 1.000 Stunden hinaus erfordert Zwang und Hingabe. Wobei der Zwang, mit einer Tätigkeit sein Geld zu verdienen, einen ganz starken Antrieb darstellt , weit wirksamer als die ehrgeizigste Mutter. Der Hobbykoch kocht "bei jeder Gelegenheit", der Küchenchef hingegen täglich. Der Hobbyautor schreibt, wenn ihn die Muse küßt, der Schriftsteller schreibt täglich. Der Hobby-Pianist übt jeden Abend, eine halbe Stunde, zur Entspannung, der Klavier-Virtuose übt vier Stunden am Tag und gibt am Abend zwei Stunden ein Konzert. Das ist der Unterschied zwischen "ach, heute mal nicht" und "ich muß!"

Eine angelernte Kraft hat mit diesen 1.000 Stunden ihre volle Leistungsfähigkeit erreicht. Jetzt kann sie im Akkord mithalten, jetzt bekommt der Drücker seine zwanzig Zeitschriften­abos pro Tag zusammen. Wer sich für diese Tätigkeit nicht eignet, hört lange vorher auf, hält diese 1.000 Stunden ohne Zwang nicht durch.

In dieser Größenordnung, den 1.000 Stunden, bewegen sich halbjährige bzw. einsemestrige Praktika, das "praktische Jahr" in der Ärzte-Ausbildung oder das Referendariat bei Juristen. Ich habe eingangs ausgeführt, daß die "tausend" Stunden nicht mit der Stoppuhr gemessen werden, das können durchaus 2.500 Stunden Arbeitszeit sein.

5.000 Stunden - "Semiprofessionell / Geselle"

Rechnen Sie einfach mal nach - drei Lehrjahre zu je 220 Arbeitstagen zu je acht Stunden - dann kommen Sie auf diese Zahl und aus dem Lehrling wird der Geselle. Der junge Mann hat "ausgelernt". Beim Sport tasten wir uns jetzt in den Bereich vor, in dem Deutsche Meisterschaften stattfinden. Beim Fußball sind wir jetzt in der dritten Liga angekommen, knapp unterhalb des bezahlten Sports. In "Randsportarten" wie Ringen, bei denen keine Millionengehälter bezahlt werden, ist das Erste Bundesliga.

Früher war der "Halbakademiker" ein abwertendes Schimpfwort, heute hingegen ist der "halbe" Akademiker ein ordentlicher Studienabschluß, der ach so moderne Bachelor. Vier bis fünf Semester, runde 5.000 Stunden (bei intensivem Studium), das sind die "Gesellen" im akademischen Betrieb. In früheren Zeiten sind ausgelernte Gesellen auf Wanderschaft gegangen, um von Meistern an anderen Orten mehr zu lernen, als die Heimat bieten konnte. Erst nach der "Walz" war ein Geselle voll ausgebildet. Die akademischen Gesellen müssen diese "Walz" in anderer Form auf sich nehmen, die Ausbildung im Betrieb, was heute als "Training on the Job" bezeichnet wird. Die 10.000 Stunden, die eigentliche Meisterschaft, müssen sich die jungen Bachelors erst noch erarbeiten.

5.000 Stunden, das ist der Orchestermusiker in einer Mittelstadt, der hauptberuflich als Musiklehrer arbeitet. 5.000 Stunden, das ist der Brotberuf, in dem keine Berufung gesehen wird. 5.000 Stunden, das ist gutes, grundsolides Handwerk, aber eben ohne "Talent", ohne den letzten Schritt nach ganz oben.

5.000 Stunden erschaffen ein "Wunderkind", einen "Jugendmeister". Wolfgang Amadeus Mozart war kein "Talent", das vom Himmel gefallen ist, sondern ein Kleinkind, das mit Musik infiziert worden ist. Ehrgeizige Eltern, die ihren Sohn von klein auf an die Instrumente gesetzt haben, die ihm die Grundlagen der Komposition beigebracht haben, die dem Wunderkind durch Auftritte Erfolgserlebnisse verschafft haben. Aus dieser enormen Trainingsleistung ist schließlich das Talent entstanden.

Andere "Wunderkinder" waren Boris Becker und Steffi Graf, die von den Eltern auf den Tennisplatz gekarrt worden sind. Auf dem Niveau der 5.000 Stunden überragende Jugendspieler, bei 10.000 Stunden schließlich "Ausnahmetalente". Mehr an Wunder, als gezielt auf eine Filzkugel einzudreschen, sollte man von den beiden jedoch nicht erwarten, wie Boris Becker selbst bei seinen Werbeauftritten eindeutig vorführt.

10.000 Stunden - "Meister"

Drei Jahre Lehrling, drei Jahre Geselle - und die 10.000 Stunden sind erfüllt, der Lehrling ist zum Meister geworden. "Nebenberuflich" heißt, zehn Jahre lang tagtäglich drei Stunden üben, um zu diesem Erfolg zu kommen. Mit drei anfangen, um mit dreizehn herausragend zu sein, jeden Tag ans Klavier, jeden Tag an den Pinsel, jeden Tag an den Tennisschläger... Klavier, wenn andere Kinder Spaß haben. Klavier, wenn andere Kinder ins Schwimmbad gehen. Klavier, wenn andere Kinder Fußball spielen... Wenn man das Klavier nicht liebt, ist das nicht zu schaffen. Mit Schlägen, Druck und Zwang läßt sich das nicht erreichen. Die Mechanik, ja, aber "das Herz" ist nicht dabei, die Meisterschaft wird so nicht erlangt.

10.000 Stunden, das ist der Aufwand für ein klassisches Diplom-Studium. 10.000 Stunden, das sind heute "Bachelor" plus "Master", so wie einst "Lehrling" und "Geselle". Der Master hat endlich ausgelernt. Ob das Gelernte, ob der "Master" wirklich von Nutzen ist, steht auf einem anderen Blatt. "Master of Business Administration" ist ein Meister der Unternehmensverwaltung, mehr nicht. Er ist kein Unternehmensführer, sondern nur ein Verwalter, jemand, der den Beamtendreikampf "Lochen, Heften, Ablegen" auf der Basis eines Privatunternehmens beherrscht, ohne ein echter Unternehmer zu sein. Er hat das Unternehmertum nicht "mit der Muttermilch eingesogen", sondern in der Theorie an Fallbeispielen erlernt.

Es gibt eine Art Sprichwort, wonach die erste Generation ein Unternehmen gründet, die zweite ein Unternehmen ausbaut und die dritte es zu Grunde richtet. Der ersten Generation fehlt das Geld, ihre Kinder machen Abitur, doch sie studieren nicht, sondern sie treten in die Firma ein. Von klein auf erleben sie die Sorgen ihrer Eltern, von klein auf werden sie mit unternehmerischen Entscheidungen und deren Auswirkungen konfrontiert. Anders ausgedrückt: Diese zweite Generation hat ihre 10.000 Stunden bereits absolviert, bevor sie richtig in den Beruf eintritt, als gelernte Unternehmer. Die dritte Generation wächst behütet auf, denn deren Eltern sind erfolgreich geworden, können Firma und Familie trennen. Die dritte Generation geht auf die Universität, wird dort "Wirtschaftsingenieur" oder eben "Meister der Unternehmensverwaltung" - und muß das, worauf es wirklich ankommt, erst mühsam lernen. Die 10.000 Stunden sind verstrichen, ins falsche Fach gewandert.

Niemand wird Meister ohne innere Hingabe. Der handwerklich gute Koch, der in einem soliden bürgerlichen Lokal arbeitet und jahrein, jahraus schmackhaftes Essen zubereitet, ist letztlich nur ein "Geselle", ein Halbprofi, wenn ihm der Drang fehlt, sich weiterzuentwickeln, zu experimentieren, neue Gerichte und neue Geschmäcker zu entwickeln. Trotzdem leistet er gute Arbeit, wenn er die Gäste mag, die für die er kocht.

Die innere Einstellung verschafft dem Sportler die "zweite Luft", der Wunsch, zu siegen, was immer es kosten möge, trägt den Amateur schließlich in die Weltspitze. Der Meister ist nie zufrieden, er findet immer etwas, was er verbessern kann. Und ja, ein Meister ist unglücklich, wenn man ihm sagt, das sei das Beste, was er jemals schaffen wird, denn er versteht es so, daß der Lobende ihm bescheinigt, seine Grenzen erreicht zu haben.

Talent = Hingabe

Ich habe meine 10.000 Stunden als Schriftsteller absolviert, indem ich angefangen habe zu schreiben. Erst platonisch, im Sinne von "alle Jahre wieder", doch dann ernsthaft, drei Stunden am Tag. Wann ist endlich Feierabend, wann kann ich wieder an meinen Roman? Auf der Fahrt zur Arbeit, auf der Fahrt nach Hause, in der Mittagspause, im Schwimmbad - immer wieder habe ich an dem Roman gearbeitet, die Geschichte weiter entwickelt, mit den Figuren "gesprochen", mich in einzelne Rollen hineinversetzt. Die 5.000-Stunden-Marke habe ich 1997 erreicht, mit meinem allerersten Buch. Ein Buch, das ich heute nicht mehr so schreiben würde, aber einen Meilenstein darstellt. Die 10.000 Stunden hatte ich überschritten, bevor ich den ersten Pranger ins Internet gestellt habe. Inzwischen übe ich nicht mehr, ich produziere. Doch den Papierkorb, den besten Freund des Schriftstellers, habe ich immer noch, auch wenn es ein elektronischer geworden ist. Sie bekommen die Texte nie so zu sehen, wie ich sie zuerst geschrieben habe.

Ich denke, ich kann deshalb mitreden, wenn es über Talent geht. Was Sie am Bildschirm lesen, ist das Ergebnis intensiver Vorbereitung. Einer Vorbereitung, die ich niemals auf mich genommen hätte, wenn es mir nicht großen Spaß gemacht hätte. Ich habe getan, was ich wollte, nicht, was ich mußte. Heute sieht das anders aus, denn heute muß ich, weil meine Leser auf die Tageskommentare und die Pranger warten. Hin und wieder ist es Zwang, der Text muß raus, auch wenn ich lieber an einem Buch schreiben würde. Damit bin ich nicht mehr Hobbykoch, sondern ein Küchenchef, der sich an seine Öffnungszeiten halten muß, auch wenn er gerade keine Lust hat zu arbeiten.

Es macht Spaß, Texte zu komponieren. Es macht Spaß, andere Menschen an meinen Träumen von Odalin teilhaben zu lassen. Es macht Spaß, den Lesern Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären, die ich in ganz normalen Fernsehnachrichten aufspüre. Und es macht Spaß, jene skurrilen Formulierungen und Bilder zu verwenden, die mir ohnehin im Kopf herumgehen. Ist das Talent? Es ist das Zusammentreffen einiger glücklicher Faktoren, gepaart mit Lebenserfahrung und einem guten Gedächtnis, das über Jahrzehnte mit Büchern gefüttert worden ist. Deshalb, als jemand, der hineingeschmeckt hat, beschreibe ich jetzt einen der ganz Großen:

Mozart hatte das Musikgehör, wie Tausende oder Millionen Menschen auch. Er hatte eine "Ader" für Musik, wie sehr viele Menschen. Und dann kamen die 10.000 Stunden dazu, die aus recht gewöhnlichen, weil vielfältig vorhandenen Anlagen, ein Supertalent geformt haben. Der gute Wolfgang Amadeus hatte Eltern, die ihm Musik vorgelebt haben. Er hat von klein auf die Instrumente bekommen, wurde ermutigt, damit zu spielen, er bekam Unterricht in seiner Familie - und es hat ihm gefallen! Denn nur, wenn einem das alles Spaß macht, entwickelt sich dieses Talent.

Der letzte Schritt, der zu dem führt, was als Talent bewundert wird, ist das Gefühl, zu dem, was man tut, berufen zu sein. Nicht musizieren oder komponieren, sondern die eigene Lebensaufgabe erfüllen, sich der Musik vollkommen hingeben. Das ist der Unterschied zwischen einem Musiker, ja sogar einem Weltklasse-Musiker, und einem Wolfgang Amadeus Mozart.

Es soll sie allerdings geben, die Leute, die das erste Mal einen Tennisschläger in die Hand nehmen und den Gegner gleich vom Platz fegen. Das ist kein gottgeschenktes Talent, sondern eine Vorbereitung, die anderweitig stattgefunden hat. Wem das gelingt, der hat zuvor nicht nur einarmiges Reißen in der Halbliterklasse trainiert, sondern sehr viel Zeit in eine andere Sportart investiert. Kraft, Ausdauer, Koordination fallen nicht vom Himmel, diese erworbenen Eigenschaften nutzen auf dem Tennisplatz. Der erfahrene Möbeltischler wird als Bauzimmermann nicht völlig versagen, auch wenn er noch nie einen Dachstuhl errichtet hat. Es gibt für praktisch alles dieses "Trockenschwimmen", ein Lernen im verwandten Gebiet. Wer viel liest, erwirbt ein Gefühl für die Sprache, ohne selbst zu schreiben. Hanteltraining ergänzt heute alle Sportarten, selbst in der Leichtathletik. Ein Kind, das Spaß an der Bewegung hat, wird sich gerne bewegen. Wenn es mit sechs oder acht Jahren in den Sportverein eintritt, hat es trotzdem schon jahrelang Sport getrieben.

Training findet zudem im Kopf statt. Wer zusieht, wie etwas getan wird, lernt, auch wenn er es nicht selbst tut. Der Betreffende interessiert sich für die Zusammenhänge, wenn die Tätigkeit ihn irgendwie anspricht. Gerät er in eine Situation, die jenes Wissen erfordert, weiß er "instinktiv", wie es geht, weil er sich gar nicht mehr daran erinnert, daß er genau das schon mal irgendwo mitbekommen hat. Der Hobbykoch kann bei Kochsendungen Anregungen erhalten, sich dabei weiterbilden, wo Andere sich nur für die Dialoge und die Prominenten interessieren, die in diesen Sendungen auftreten.

Das "Talent", der Interessierte, lernt und trainiert bei jeder Gelegenheit, allein aus innerem Antrieb, aus eigenem Interesse. Dem Uninteressierten helfen selbst didaktisch aufgebaute Lehrfilme weniger, als dem Interessierten eine kleine, nebensächliche Filmszene. Wer den Garten als sein Hobby betrachtet, liest in seiner Fernsehzeitschrift die Artikel über Gartenpflege, die sein Mitmensch achtlos überblättert. Es gibt überall Gelegenheiten, dazu zu lernen.

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen

Überrascht Sie diese Überschrift über den letzten Abschnitt? Hoffentlich - denn dann haben Sie schön brav in der Reihenfolge gelesen, die ich geplant hatte. Der Satz wird als Überheblichkeit angesehen, als Ausdruck eines "Übermenschentums" unterstellt. Was aber ist dieses "deutsche Wesen"? Deutschtümelei? Die Fähigkeit, in Reih und Glied zu marschieren? Der Wunsch, Befehle zu erhalten und befolgen zu dürfen? Der Aufbau einer ebenso umfassenden wie kleinkarierten Bürokratie?

Oh nein, das ist nicht Deutschland, das ist Deutschland, wie es von seinen inneren Feinden immer wieder dargestellt wird, um das noch radikaler auszumerzen, was Deutschland einst gewesen ist. Früher hatte man in Deutschland einen Beruf, heute nur noch einen Job. Den Beruf hatte man gelernt, gründlich und hingebungsvoll, um sich im stillen Stolz der erbrachten Leistung zu erinnern. Den Beruf nahm man mit nach Hause, den Beruf nahm man mit ins Grab. Dort auf dem Gedenkstein stand "Ofensetzer", jemand, der noch der Nachwelt kündete, daß er ein rechtschaffener Handwerker gewesen war. Den Job heute gibt man am Zeiterfassungssystem ab, er dient nur dem Gelderwerb, erst mit diesem Geld wird schließlich gelebt, werden die Sinne betäubt, weil es am anderen Tag zurück geht in den ungeliebten Job. Wozu viel lernen, wenn schon im nächsten Monat ein anderer Job ansteht? Seien Sie flexibel, fordert der Mann von der Arbeitsagentur, der auch nur seinen Job macht, anstatt wie einst der Beamte dem Staat und damit dem Volk zu dienen.

10.000 Stunden sind verdammt viel Zeit, wenn man sie in einem Job verbringt. 10.000 Stunden sind dagegen wenig in einem Beruf. 50 Berufsjahre, und die auch noch bei derselben Firma, das ergab 100.000 Stunden, ein ganzes Arbeitsleben. Für diese Arbeit hat man gelebt, Firma und Arbeiter, das war ein gegenseitiges Treueverhältnis. Das war deutsch, das war preußische Arbeitsethik, schwäbisches Schaffen, hanseatische Kaufmannsehre und die Maloche im Kohlenpott, unter Tage und im Stahlwerk.

Der Betrieb bildete seine Arbeiter aus, er arbeitete sie gründlich ein, bildete sie fort und kümmerte sich um sie, wenn sie in Not gerieten. Heute werden die Jobber im Betrieb verbraucht. Wer anderswo erworbene Kenntnisse mitbringt, wird hochgelobt, wer Jahrzehnte der Erfahrung vorweisen kann, gilt als zu alt und wird abgeschoben. In Jobtuende wird nicht investiert, wenn ihre Kenntnisse veralten, werden sie ersetzt. Bildet eine Firma die Jobtuenden weiter, versuchen diese, ihren gestiegenen Marktwert woanders zu realisieren. Treue und Loyalität sind Werte von vorgestern, angestaubt und unmodern.

Die mangelnde Zuneigung wird ebenso herzlich erwidert. Früher dachte der Einzelne für den Betrieb mit, tüftelte in seiner Freizeit, was im Betrieb zu verbessern sei. Der heutige Massenmensch folgt den Verlockungen der Werbung, in der immerwährender Urlaub herrscht. Er überlegt am Arbeitsplatz, in welchem Vergnügungstempel er das Wochenende verleben will und mit wem. Dazu paßt der zeitweise Lebensabschnittspartner, der ausgewechselt wird, sobald er an Unterhaltungswert verliert. 10.000 Stunden des Zusammenseins sind heute schon die Ausnahme in einer "lebenslang" geschlossenen Ehe. Ziehen Sie die Zeiten der Bewußtlosigkeit ab, in der die Eheleute nebeneinander schlafen, rechnen Sie nur die Zeit, die Eheleute bewußt miteinander verbringen - wenn das drei Stunden am Tag sind, müßte die Ehe zehn Jahre halten.

Eine Zeit ohne Bindungen ist eine Zeit ohne Wurzeln. Wenn der Wohnort - die Heimat - beliebig wird, der Beruf nur ein zeitweilig und bald wieder wechselnder Job ist, wenn der Ehegatte gegen Kurzzeitbeziehungen ohne gegenseitige Verpflichtung eingetauscht wird, was bleibt dann von einem Menschen übrig? Er wird zum Blatt im Wind, jederzeit austauschbar, jederzeit ersetzbar, ohne einen eigenen Wert.

10.000 Stunden, wer diese Zeit vor sich hat, um die Meisterschaft zu erlangen, dem türmen sie sich wie ein unüberwindlicher Berg auf. Doch dieser Berg lädt ein, ihn zu besteigen. An manchen Stellen ist er steil, ragt abweisend auf, doch an anderen bietet er sanfte Wanderwege, bei denen man erst in der Rückschau erkennt, wie weit man darauf emporgestiegen ist. Wer sich anstrengt, kann scheitern. Es kann ihm durchaus der Erfolg versagt bleiben, das ist richtig. Wer sich jedoch nicht anstrengt, wer es gar nicht erst versucht, dem wird es auf keinen Fall gelingen. Dessen Name wird nichtssagend auf einem Grabstein stehen, halb vergessen sogar von jenen, die ihn zu Lebzeiten Freund genannt hatten.

Diese alte gewachsene Bindung, nicht der protzende, sondern der stille, in sich ruhende Stolz auf die eigene Leistung, das ist dieses deutsche Wesen, das uns in den letzten 60 Jahren aberzogen werden sollte. Wer durch glücklichen Zufall einen Erfolg errungen hat, der kann protzen, ja, er muß es sogar, um die eigene Unzulänglichkeit zu überdecken. Wer sich seiner Leistung sicher ist, wer genau weiß, daß er sie jederzeit wiederholen kann, der ruht in sich. Er dankt für verdiente Würdigung, aber er muß sich nicht herausstreichen, nicht Andere verdrängen, sondern kann deren Leistung gleichermaßen anerkennend neben der seinen stehen und bestehen lassen.

Das war es, was das Made in Germany ausgemacht hat, das war das Geheimnis der deutschen Wertarbeit. 10.000 Stunden, Hingabe an den Beruf und die sichere Gewißheit, daß das Werk den Meister in einer Weise loben wird, daß der Meister es nicht nötig hat, sein Werk zu loben.

Ich möchte mit einer japanischen Fabel schließen: Der gottgleiche Kaiser von Japan beauftragt einen berühmten Künstler, ihm ein Bild zu malen. Monate gehen ins Land, der Kaiser schickt immer wieder Boten, die mit der Nachricht zurückkehren, daß der Künstler nicht fertig sei. Endlich geht der Kaiser selbst zu dem Künstler. Der verbeugt sich, nimmt ein Blatt Papier, Tusche und Pinsel - und binnen einer Minute entsteht das vollkommenste Bildnis, das der Kaiser je gesehen hatte. Der Kaiser freut sich über das Bild, aber er will trotzdem wissen, wieso er darauf so lange warten mußte, wo es doch so schnell anzufertigen war. Da zeigt ihm der Künstler einen Raum, in dem riesige Mengen von Papier lagern, zahllose Tuschezeichnungen minderer Qualität, angefertigt in Tausenden Stunden der Übung, um jene Meisterschaft zu erlangen, die dem Kaiser so vollendet vorgeführt worden war. Da erst hatte der gottgleiche Kaiser verstanden, daß er nicht das Produkt einer einzigen Minute, sondern die Summe des Könnens aus einem ganzen Leben in den Händen hielt.

© Michael Winkler

Dieser Text ist der 223. Pranger - von insgesamt 478. Seine Kollegen stehen im geschützten Archiv nur einige sind frei zugänglich. Was Ihnen entgeht, sehen Sie in dieser Liste. Falls Sie das überzeugt - hier lesen Sie, was Sie ein Paßwort kostet. Aber vielleicht kann ich Sie ja auch für meine Bücher begeistern:

Erschienen 2005
100 Seiten
5,95 Euro

Erschienen 2007
112 Seiten
8,90 Euro

Erschienen 2007
108 Seiten
8,90 Euro

Erschienen 2008
240 Seiten
19,95 Euro

Erschienen 2009
320 Seiten
9,90 Euro

Erschienen 2010
240 Seiten
18,- Euro

Zweite Auflage!

Erschienen 2013
144 Seiten
9,90 Euro

Erschienen 2009
220 Seiten
14,95 Euro

Erschienen 2009
236 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2010
208 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2010
232 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2012
228 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2012
244 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2013
144 Seiten
9,90 Euro