Liebe Politiker, ich sehe es mit persönlicher Genugtuung, wenn Sie sich immer wieder an meinen Kolumnen bedienen. Aber wie Sie inzwischen einsehen mußten, helfen Ihnen geklaute Ideen nicht weiter. Beachten Sie bitte in Zukunft das Copyright - oder, noch besser, sichern Sie sich das Expertenwissen des Autors.

Wollen Sie sich an dem Kampf um ein besseres Deutschland beteiligen?
Per Unterstützerkonto, ganz bequem, vom Sessel aus?
1822direct * * Kto-Nr. 1242797520 * * BLZ 50050201

IBAN * DE91500502011242797520 * * Swift / BIC * HELADEF1822

,
oder mittels PayPal:
Aus dem dunklen Sklavenschlaf der Gegenwart
durch opfervollen, blutigen Kampf
erringen wir eine neue, eine goldene Zukunft!

Die Glocke von Asgard - Teil 3 (22.11.2017)

Dies ist der dritte Teil der vierteiligen Fortsetzungsgeschichte.

Asgard (2)

Ich streckte meine Glieder und wunderte mich, daß sie sich überhaupt nicht steif anfühlten. Ich mußte lächeln, vor vierzig Jahren hätten sich meine Glieder auf der Erde ebenfalls nicht steif angefühlt. Den Hunger ersetzte ich durch ein angenehmes Sättigungsgefühl. Der Bannwald lag immer noch in weiter Entfernung von mir. Wer dahin wohl verbannt wurde? Oder sollte der Name ein „Betreten verboten“ ausdrücken?

Ich dachte an einen Geländewagen. Der war sicher besser als eine einfache Limousine. Die angemessene Alternative zu einem Vierrad-Antrieb war allerdings ein Pferd mit einem Vierbein-Antrieb. Ich konnte zwar nicht reiten, also brauchte ich ein Pferd für Leute, die nicht reiten können. Es gab schließlich auch Autos für Menschen, die kein Auto fahren konnten.

Fury? Ich erinnerte mich vage daran, diese Filme gesehen zu haben. Ein weißes Pferd wäre allerdings besser. Mr. Ed, das sprechende Pferd, mit dem ich mich unterhalten konnte. Ob das Jenseits dies zulassen würde?

Aber wer brauchte schon ein Pferd, wenn er Siebenmeilenstiefel anhatte? Ich konzentrierte mich darauf, daß mich nun jeder Schritt dem Bannwald immer näher bringen würde. Gestern – falls dies wirklich gestern gewesen war – hatte ich noch zurückgeschreckt, jetzt wollte ich dorthin, so schnell wie möglich.

Tatsächlich rückte der Wald nun schnell näher. Ich bewegte mich jetzt mit etwa 30 km/h auf den Wald zu, eine Geschwindigkeit, die ich zu Fuß nie und nimmer erreicht hätte, schon gar nicht über Stunden hinweg. Es gab jedoch keinen Baum, der über alle hinausragte. Wo war Yggdrasil?

Der Wald umfing mich. Es war „deutscher Wald“, praktisch ohne Unterholz. Einen gebahnten Weg hatte ich nicht, ich lief einfach querwaldein. Ich wußte nicht, woher ich gekommen war, aber irgendwie wußte ich, wohin ich gehen sollte.

Fast übergangslos stand ich auf einer Lichtung. Auf hundert Meter vor mir wuchs nur Gras, dann erhob sich der mächtigste Baum, den ich je gesehen hatte. Der Stamm durchmaß mindestens zwanzig Meter, er ragte hoch bis in die Wolken, ja über die Wolken hinaus.

Ich hatte einen heiligen Hain betreten. Am Fuß der Weltesche entsprang eine Quelle, um die Quelle saßen drei Frauen, deren Alter ich nicht bestimmen konnte. Ich atmete tief ein und näherte mich den Frauen.

„Wer bist du, daß du die Urdquelle aufsuchst?“, sprach mich die Mittlere der Frauen an.

Urd, Verdandi und Skuld… So hießen sie, die Schicksalsweberinnen, die Nornen. Kein Wunder, daß Sigwald mich hierher geschickt hatte.

„Ich heiße Michael“, stellte ich mich vor. „Ich suche die Glocke von Asgard.“

„Du?“ Die älteste der drei hatte eine keifende Stimme. „Welche Vermessenheit, dir das anzumaßen!“

„Es ist nicht meine Entscheidung, Wotan hat mich darum gebeten“, antwortete ich.

„Ach, wenn es weiter nichts ist…“ Die Jüngste lächelte mir freundlich zu. „Die Glocke von Asgard findest du in Muspelheim, klettere einfach an Yggdrasil nach oben.“

„Ja, einfach nach oben“, bestätigte die Älteste. „Je heißer es wird, desto näher kommst du Muspelheim. Wenn du verbrennst, bist du fast dort.“

„Laß dich einfach fallen, wenn du dich nicht mehr halten kannst“, riet die Mittlere. „Wir werden dich pflegen, dafür brauchst du uns nur ein einziges Jahr zu dienen. Dann versuchst du es einfach nochmal.“

„Warum sollte ich dort verbrennen?“, wunderte ich mich.

„Muspelheim ist die Welt des Feuers“, antwortete die Jüngste. „Die Bewohner Muspelheims können nicht nach Asgard, und die Bewohner Asgards nicht nach Muspelheim. Das ist selbst den Asen und den Wanen verwehrt, Bewohner Midgards werden Muspelheim keinesfalls erreichen.“

Die Aussicht, auf einen kilometerhohen Baum zu klettern, um brennend abzustürzen, wirkte alles andere als motivierend. Muspelheim… Das Land der Feuerriesen. Das reichte als Lösung für ein Kreuzworträtsel, enthielt jedoch keinerlei Reisewarnungen, etwa in der Art: Feuerriesen halten feuerspeiende Drachen als Haustiere, und ihre Lieblingsspeise ist Eintopf mit ganzen Menschen.

„Sind die Feuerriesen gefährlich?“, fragte ich vorsorglich.

„Aber nein, die freuen sich bestimmt über jeden Besuch“, versicherte die Mittlere.

Das klang nach einer freundlichen Einladung zum Essen, nur eben nicht, als welcher Gang ich serviert würde.

„Und es gibt keinen anderen Weg, als hier hochzuklettern?“ Sollte ich Wotan noch einmal treffen, würde ich ihm ganz sicher ausführlich meine Meinung über das Klettern auf hohe Bäume darlegen. Und dafür nach Möglichkeit vorher im Bayerischen Schimpfwörterlexikon nachschlagen.

„Dann habe ich wohl keine andere Wahl“, seufzte ich.

„Oh, natürlich hast du eine Wahl“, bot mir die Jüngste an. „Du kannst uns gleich zu Diensten sein, ohne erst abzustürzen.“

„Ich versuche mein Glück mit Yggdrasil“, entschied ich. Die zerklüftete Rinde der Weltenesche versprach Griffe und Tritte, trotzdem wäre mir eine alpine Ausrüstung mit Seil und Haken willkommen gewesen. Allerdings war ich noch nie geklettert, ich hätte folglich nicht damit umgehen können.

Zum Glück war dies das Jenseits. Ich war gestorben, um hierher zu gelangen, da schreckte mich die Aussicht, brennend abzustürzen, nicht so sehr, wie sie es auf der Erde getan hätte. Ein paar Äste, die mir beim Aufstieg halfen, hätte ich jedoch gerne gehabt. Oder gleich einen Aufzug, der innerhalb des Stammes nach oben führte und mir die lästige Kletterei ersparte.

Da mir weder das eine noch das andere gewährt wurde, mußte ich nun doch klettern. Vielleicht half der Trick mit den Siebenmeilenstiefeln auch in der Vertikalen. Ich konzentrierte mich darauf, gut voranzukommen. Ich orientierte mich dabei ausschließlich nach oben, auf der Erde war ich nicht schwindelfrei gewesen, da wollte ich keinerlei Risiko eingehen.

Bislang wurde mir nur etwas warm vom Klettern, Muspelheim lag demnach noch in weiter Ferne. Höher, immer höher, bis zum ersten Ast. Dort richtete ich mich ein für eine längere Rast. Die Lichtung und der Bannwald lagen schon weit unter mir, mein Blick reichte bis nach Folkwang und Walhall. Ich hätte Yggdrasil demnach schon den ganzen Weg über sehen müssen, doch offenbar verhinderte das Jenseits diesen Anblick.

Asgard war nur eine Ebene im Jenseits, von meinem Rastplatz entdeckte ich die Grenzen Asgards, sogar den Abgrund jenseits dieser Grenzen, und andere Ebenen, die neben Asgard im Nichts hingen. Das waren sie also, die Inseln der Seligen. Auf einer von ihnen vermutete ich die Bibliothek von Alexandria, dort hätte ich mich nicht zu einer riskanten Kletterpartie aufmachen müssen.

Es gelang mir tatschlich einzuschlafen. Am anderen Morgen wunderte ich mich nur kurz, daß ich nicht heruntergefallen war. Ich wußte nun, was mich da oben erwartete: das Himmlische Jerusalem, die nächsthöhere Jenseitsebene. Kein Wunder, daß die Bewohner Asgards das als Feuerzone empfanden. Wer eine Lichtebene betreten wollte, die höher geartet war als er selbst, dem erging es wie Ikarus, der der Sonne zu nahe gekommen war. Das Seelengericht hätte mir die richtige Ebene zuweisen müssen, aber ich konnte mich nicht an ein Seelengericht erinnern. Ich hegte jedoch die Hoffnung, daß das Himmlische Jerusalem für mich keine Feuerebene sein würde.

Ich kletterte weiter, konzentrierte mich auf den Trick mit den Siebenmeilenstiefeln. Nach einer Weile erreichte ich die Wolken. Sie verdeckten die Sicht, was mir überaus recht war. Aus der Sicherheit einer Astgabel hinunterzuschauen war eine Sache, mit dem unsicheren Halt bei einer Kletterpartie wollte ich das nicht riskieren.

Von einem Augenblick zum anderen verschwanden die Wolken. Ich riskierte einen Blick nach unten, erwartete eine weiße, sanft gewellte Ebene unter mir zu sehen. Wo Wolken sein sollten, war alles grün. Ja, sanft gewellt, jedoch eine grasbewachsene Ebene. Ebenso ungläubig wie vorsichtig streckte ich ein Bein aus. Wo gerade noch Wolken gewesen war, fühlte ich festen Boden. Sollte ich es riskieren? Der Baum ragte noch höher, deshalb wußte ich nicht, ob das hier mein Ziel war. Ich stieß mich vom Baum ab, mit der Befürchtung, durch weiche Wolken zu fallen und anschließend ganz weit nach unten, doch der Boden hielt, was er versprach.

Yggdrasil, die sich gerade noch in unendliche Höhen erstreckte, war verschwunden. Dort, wo sie hätte sein sollen, stand nur noch ein gewöhnlicher, nicht allzu hoher Baum, dessen Stamm ich locker umarmen konnte.

Ich hatte einmal von der Autobahn bei Ingolstadt aus die Alpen gesehen. Ein einziges Mal, so klar war die Luft nie wieder gewesen. Auch hier entdeckte ich in großer Entfernung einen Hügel, auf dem sich eine Stadt erhob. Bis dahin waren es mehrere Tagesreisen, vermutlich eine ganze Woche. Das Himmlische Jerusalem, das ich das Himmlische Eonata genannt hatte, da lag es. Und genau da sollte ich bestimmt nicht hin.

In dieser entlegenen Ecke lebten offenbar keine Menschen. Die große Glocke, die ich erhofft hatte, gab es auch nicht. Wenn sie hier tatsächlich irgendwo sein sollte, dann in der anderen Richtung, von der Stadt weg.

Ich marschierte los und beschloß, bei meinem nächsten Aufenthalt im Jenseits auf alle Fälle eine Uhr mitzunehmen. Ich wanderte durch Buschland, das sich erst noch zum Wald entwickeln wollte. Es wirkte, als habe hier noch nie eines Menschen Hand formend eingegriffen. Ich verspürte eine Sicherheit, genau wie im Bannwald, daß ich auf dem richtigen Weg war. Irgendwo vor mir hing sie, die Glocke von Asgard.

Wobei hier natürlich alles möglich war, selbst eine Glocke, die nur fünf Zentimeter groß war und leicht übersehen wurde. Eine Glocke, die tönen würde, als sei sie viele Tonnen schwer, natürlich.

Tatsächlich war die Glocke groß genug, um sie nicht zu übersehen. Sie stand alleine auf einer Lichtung, oder besser, einem heiligen Hain. Die Glocke war mindestens fünf Meter hoch, bestand aus reinem Gold und war bestimmt 200 Tonnen schwer. Wie sollte ich dieses Monster bewegen, gar zum Klingen bringen?

Aber das war nicht die einzige Schwierigkeit. Drei Meter von der Glocke entfernt existierte eine gläserne Wand. Sie schloß die Glocke vollständig ein und verwehrte mir den Zugang.

„Ich habe nicht gesagt, daß es einfach würde“, sagte jemand hinter mir.

„Wotan“, seufzte ich. „Laut den Nornen können Asen nicht hierher nach Muspelheim.“

„Es strengt an, hier zu sein“, gab Wotan zu. „Aber es ist möglich.“

„Kannst du diese Barriere wegzaubern?“, fragte ich.

„Nein, ich bin nicht allmächtig“, erwiderte die Gottheit. „Ich vermag auf dieser Ebene nichts auszurichten.“

„Kannst du mir wenigstens in irgendeiner Weise helfen?“, bohrte ich weiter.

„Nein, ich kann dich nur bitten, dein Bestes zu geben“, erwiderte Wotan.

„Oh, danke, das ist überaus nützlich“, knurrte ich zurück.

„Die Glocke darf auf gar keinen Fall geläutet werden“, sagte eine fremde Stimme.

„Ach, und das sagt… wer?“ Ich war mir sicher, diesen Mann mit den eher orientalischen Gesichtszügen und der zu groß geratenen Nase noch nie gesehen zu haben.

„Jahwe, auch bekannt als Jehova“, stellte mir Wotan den Unbekannten vor.

„Laß mich raten – der ist ebensowenig allwissend und allmächtig wie du?“, vermutete ich.

„Die Menschen haben uns nach ihrem Bilde geschaffen“, verriet Wotan. „Derzeit ist Jahwe jedoch mächtiger als ich.“

„Warum verbannt er uns dann nicht einfach?“, wunderte ich mich.

„Ich bin ein gnädiger Gott“, behauptete Jahwe. „Bleib hier, lebe im Himmlischen Jerusalem, genieße das Dasein. Nutze deine Schöpfungsmacht.“

„Wer hat den Krieg im Jenseits nun tatsächlich verloren?“, vergewisserte ich mich.

„Jahwe hat verloren, er hat sich so sehr auf der Erde eingemischt, daß er im Jenseits nicht präsent gewesen ist“, erklärte Wotan.

„Auf der Erde sind die Kriege endgültig entschieden“, behauptete Jahwe. „Von der Erde aus werden wir die Verhältnisse im Jenseits umkehren.“

„Es sei denn, diese Glocke wird geläutet“, vermutete ich.

„Warum willst du die Hölle entfesseln, wenn du im Himmel leben kannst?“, lockte Jahwe. „Auf der Erde hat man dir die Anerkennung verwehrt, die dir gebührt hätte. Hier, im Himmlischen Jerusalem, wird das ganz anders. Du bist ein Weltweiser, ein Gerechter unter den Völkern, und du wirst wie ein König empfangen werden. Nichts wird dir hier mangeln, unter meinem Schutz wird es dir wohlergehen wie nie auf der Erde.“

„Es waren deine Leute, die mir auf der Erde so sehr zugesetzt haben. Die ungerechten, selbstherrlichen und verblendeten Richter, die Fanatiker, die mich beschimpft haben, die Freunde, die mich im Stich gelassen und aufgegeben haben, das war alles dein Werk. Womöglich sogar euer beider Werk!“ Ich spürte eine gewisse Wut in mir aufsteigen. Auf Jahwe ebenso wie auf Wotan. Die Anhänger Jahwes hatten mein Leben auf der Erde versauert, und Wotan hatte mich hierher gelockt, ohne zu wissen, daß ich diese Aufgabe erfüllen konnte. Und das mit Versprechen, von denen er genau gewußt hatte, daß er sie nicht halten konnte.

Immerhin, Jahwe hatte mir den entscheidenden Hinweis geliefert. Ich solle meine Schöpfungsmacht nutzen… Die beiden Götter schrumpften, auch die Glocke schrumpfte. Ich hatte den Knüppel in der Hand, den ich in Folkwang als Waffe bekommen hatte.

Ich spürte, wie die Götter kämpften. Wotan ging Jahwe direkt an, während Jahwe alles daransetzte, die Barriere um die Glocke zu verstärken. Er fürchtete offenbar, daß mein Knüppel sie zerschlagen würde.

Gemessen an den Göttern war ich nun vier Meter groß und mein Knüppel zwei Meter lang. „Da, fang!“ Ich brauchte den Knüppel nicht, also warf ich ihn Jahwe zu. Ganz sanft, so daß er ihn leicht auffangen konnte.

Die Barriere war nicht aus Glas, sondern aus der Energie einer niedrigeren Jenseitsebene, aus den Gefilden, in denen Jahwe existierte. Sowohl für Bewohner Asgards als auch für Bewohner des Himmlischen Jerusalems war diese Barriere undurchdringlich. Ich streckte meine Faust in die Barriere und ließ die Energie meiner eigenen Ebene wirken. Es mußte die Energie einer weitaus höheren Ebene sein, das erkannte ich jetzt. Ich hätte niemals Schöpfungsmacht besessen, wenn es nicht so gewesen wäre. Die Barriere entflammte und verschwand. Ich hörte Entsetzensschreie, mit Sicherheit die Jahwes, doch vermutlich hatte auch Wotan erkannt, daß hier mehr vorging, als er geplant hatte.

„Du Narr, siehst du nicht, daß wir beide getäuscht worden sind?“, zeterte Jahwe. „Das ist nicht dein Werkzeug, sondern das ist jemand, der dich nur benutzt hat! Ragnarök ist das Ende der Götter, es ist auch dein Ende! Hilf mir, es abzuwenden! Es ist besser, zusammen die Erde zu beherrschen, als zusammen ins Nichts zu stürzen!“

Ich legte mir Muskeln zu, die einen Arnold Schwarzenegger zu dessen besten Zeiten hätten vor Neid erblassen lassen. Mit diesem Körper warf ich mich gegen die Glocke.

Die Glocke bewegte sich, ganz langsam. Ich wartete geduldig, um sie immer und immer wieder anzuschieben, die Ausschläge immer größer werden zu lassen. Die beiden Götter hingen an meinen Beinen, offenbar hatte Wotan es sich anders überlegt. Dann schlug die Glocke an, ein ganz leises Bong ertönte. Ich trieb sie weiter und weiter an, trotz der lauter werdenden Glockenschläge. Hätte ich normale Ohren besessen, ich wäre taub geworden. Kräftige Glockenschläge durchhallten das Jenseits. Ihre Schwingungen erfaßten die Erde, auch wenn die Menschen sie nicht hören konnten.

Meine Aufgabe war erfüllt, ich konnte die Ebene verlassen. Ragnarök hatte begonnen.

* * *

Ich betrachtete meinen Fuß. Die abgeschrägten Zehen und der schmale Knochenbau zeigten deutlich die ägyptische Form. Die braune Haut hätte ich mir in meinem Leben als Michael gewünscht. Den vier Meter großen Barbarenkörper vermißte ich ein wenig, aber das wäre zuviel Angabe gewesen. 1,70 Meter groß, gekleidet in einer ockerfarbenen Tunika, mit schulterlangem, schwarzem, glattem Haar, das paßte besser zu mir, zu…

„Imhotep!“

Die Stimme meines Herrn klang freundlich, offenbar war er zufrieden.

„Osiris“, sagte ich und drehte mich um. „Die Glocken von Asgard läuten auf allen Ebenen, Ragnarök hat begonnen.“

Isis, Osiris und Horus, drei der Götter Ägyptens, hatten die nächste Daseinsebene erreicht. Selbst wir im Grünen Land wußten nicht, was und wo das war. Wir glaubten, daß diese drei keine Menschen waren, sondern die Schutzgeister des Sonnensystems, die im alten Ägypten als Götter aufgetreten waren.

Ich erinnerte mich wieder, damals, bevor ich in dieses letzte Erdenleben eingetreten war. Sie hatten mich alle drei aufgesucht, mir erklärt, daß auf den unteren Lichtebenen jener Energieknoten erschienen wäre, der die Erneuerung der Erde einleiten würde. Aus den höheren Lichtebenen heraus sei er nicht zugänglich, selbst die mächtigen Drei würden das nicht schaffen. Es bedurfte eines Erdenlebens, eines langen Erdenlebens, um die Erfahrungen zu sammeln für die Aufgabe im Jenseits, ohne das Wissen um die eigene Existenz.

Ein Erdenleben, das die Aufmerksamkeit der Götter Asgards auf sich ziehen sollte, damit sie mir den Einzug in ihre Gefilde erlaubten. Von dort aus, von unten, sei diese Nische zugänglich, wäre der Energieknoten erreichbar. Ich hatte die Erde solange gemieden, bei dem Gedanken, dort hinab zu müssen, war mir alles andere als wohl. Nicht durch Heldentaten, sondern auf friedliche Weise sollte ich die Aufmerksamkeit eines Gottes von Asgard auf mich ziehen, sagte mir Osiris. Die Aufgabe erschien mir unlösbar, erst jetzt wurde mir klar, wer Wotan dazu gebracht hatte, auf mich zu verfallen: Isis, die ihm als Seherin Isaïs erschienen war, hatte meinen Weg geebnet.

Der Energieknoten schwang, seine Resonanzen erfüllten die jenseitige Welt. Dies war sie, die Glocke von Asgard, oder besser, die Glocken von Asgard.

„Die Glocken – ja.“ Osiris lächelte freundlich. „Die eine, die du zum Klingen gebracht hast, hat Abbilder auf den anderen Ebenen des Jenseits erzeugt. Öffne dich mir, Imhotep, laß mich wissen, was du auf der Erde erlebt hast, auf daß es einfließe in die neue, in die aufgestiegene Erde.“

Ja, ich war Imhotep, Baumeister, Arzt und Wesir des Pharaos, später selbst Gott der Heilkunde in Ägypten. Ich war eine menschliche Seele, und ich hatte einst zu Isis, Osiris und Horus gebetet. Sie hatten sich meiner angenommen und mich durch die Jahrtausende geleitet. Dafür war ich ihr Bote, ihr Agent auf der Erde gewesen. Wotan hatte nur gespürt, daß ich der Richtige für seine Zwecke gewesen bin, aber nicht geahnt, wer dafür gesorgt hatte, daß ich der Richtige bin.

Ich öffnete mich Osiris. Er lernte auf diese Weise, die Welt aus deutscher Sicht zu sehen. Er interessierte sich ebenso für die drei Kriege, für das, was ich im Jenseits über diese Kriege erfahren hatte. Ich hatte im ersten dieser Kriege im Jenseits mitgekämpft, zu den Seelen gehört, die die Barriere von der anderen Seite angegriffen haben. Dieselbe Barriere, die Jahwe um die Glocke von Asgard errichtet hatte.

„Danke, Imhotep.“ Osiris löste die Verbindung. „Die aufgestiegene Erde ist noch Bestandteil des Jenseits. Du kannst mithelfen, sie einzurichten, ohne inkarnieren zu müssen.“

Nach diesen Worten verschwand Osiris. Die neue Erde… Deshalb war es hier so leer, die Seelen des Grünen Landes waren alle zur neuen Erde gewechselt, um der aufgestiegenen Menschheit ihre Geschenke zu geben. Nun, dem wollte ich mich gerne anschließen.

Imhotep war nicht meine erste Inkarnation gewesen, ich war damals schon eine uralte Seele. Nach Imhotep war ich nur noch selten auf der Erde, zumeist hatte Osiris mich darum gebeten. Isis und Horus hatte ich in all den Jahrtausenden zuvor nur einmal gesehen. Damals, nach dem zweiten großen Krieg, als die Verlierer im Jenseits derart geschwächt gewesen waren, daß die drei nach Germanien gehen konnten, um dort den Geist der Menschheit neu anzufachen.

Ich war zweimal dort gewesen, in einer Zeit, die heute das Mittelalter genannt wurde. Ich war ein unwichtiger Mensch gewesen, dessen Name nie Eingang in die Geschichte gefunden hatte. Trotzdem hatte ich die Geschichte beeinflußt. Ich hatte verborgene Bücher der Antike gerettet, sie einem Kloster gespendet. Später war ich selbst ein Mönch gewesen, der in einem Kloster Bücher abgeschrieben hat. Allerdings war ich ein schlechter Abschreiber, hatte immer wieder Fehler in meine Abschrift einfließen lassen, Fehler die später zu Erkenntnissen verhalfen. Ich war gewissermaßen der Schmetterling gewesen, dessen Flügelschlag weit entfernt einen Sturm entfacht.

Es war umständlich gewesen, zur Erde zu wechseln, und in die Inkarnation konnte ich immer nur einen Bruchteil meines Wissens mitnehmen, gerade genug, um Osiris’ Auftrag zu erfüllen. Jetzt war die neue, die aufgestiegene Erde nur noch einen Gedanken entfernt, und ich war dort Imhotep, die freie Seele.

Noch gab es hier keinen einzigen Menschen, nur die Seelen aus den obersten Lichtbereichen, die gleich mir die neue Erde einrichteten. Die neue und die alte Erde überlappten, von hier hatte ich Zugriff auf das Wissen jener alten Erde. Auf das unterdrückte Wissen, für das die Namen Viktor Schauberger und Nikolai Tesla standen, auf das neue Wissen, Peter Plichta, Claus W. Turtur, Wal Thornton, Rupert Sheldrake… Was die alte Erde nicht gewollt hatte, sollte auf der neuen Erde erblühen.

Würzburg… Meine alte Universität… Ich erbaute die Hörsäle und die Labortrakte, bestückte sie mit den Erfindungen und Geräten, die der neuen Menschheit weiterhelfen sollten. Ich stellte Bücher in die Bibliothek, Bücher, die dort zu meiner Zeit hinausgeworfen worden wären.

Ich ließ mich nur an einer Stelle zu einer Art Rache hinreißen: Ich tilgte den Justizpalast, den ich als Ort der Unrechtsprechung erlebt hatte, vom Angesicht der neuen Erde. Stattdessen übertrug ich von den Inseln der Seligen das Gebäude der Bibliothek von Alexandria, mit allen Schriftrollen, die dort, im Jenseits aufbewahrt wurden. Die Gebäude waren größer als das Original, und sie waren noch prächtiger ausgestattet. Die Bibliothek verband den Hofgarten der fürstbischöflichen Residenz mit dem Ringpark, die Gartenanlagen der Bibliothek ergänzten die beiden Parks harmonisch.

Und dann gab ich doch noch meiner Eitelkeit nach: Meine Schriften waren längst verloren gegangen, sie hatten nie Eingang in die Bibliothek von Alexandria gefunden. In dieser Bibliothek gab es sie nun, die Schriftrollen des Papyrus Imhotep. Darin stand das Wissen des alten Ägyptens, meine Taten als Wesir und Baumeister, und vor allem mein Wissen um die Heilkunde.

Ich konstruierte mit meinen Gedanken, doch auch das kostete Zeit und Kraft. Die Welten trennten sich, und die neue Welt wurde immer stofflicher. Zu stofflich für eine nicht inkarniere Seele. Ich betrachtete mein Werk. Würzburg hatte mir wenig gegeben, gerade soviel, daß ich bereit gewesen war, etwas zurückzugeben. Meine Schuld war damit beglichen, mehr als beglichen. Ich konnte zurück ins Jenseits, ins Grüne Land, um mich dort auszuruhen, für lange, lange Zeit.

Ich widerstand einer letzten Versuchung. Sollte ich jenen Namen hinterlassen, den ich bei dieser letzten Inkarnation auf der Erde getragen habe? Vielleicht auf dem kleinen Platz zwischen der alten Universität und dem Justizgebäude, das jetzt die großartige Bibliothek geworden war? Womöglich mit einer Glocke, mit der Glocke von Asgard? Ein Michael hätte das bestimmt getan, aber ich war Imhotep. Ich hatte mir mein Denkmal längst gesetzt. Die Erde brauchte nicht zu wissen, was ich in meiner letzten Inkarnation getan habe. Sie brauchte sich nicht an mich zu erinnern.

© Michael Winkler

Dieser Text ist der 622. Pranger. Seine Kollegen stehen im geschützten Archiv nur einige sind frei zugänglich. Was Ihnen entgeht, sehen Sie in dieser Liste und in jener. Falls Sie das überzeugt - hier lesen Sie, was Sie ein Paßwort kostet. Aber vielleicht kann ich Sie ja auch für meine Bücher begeistern:

Was wirklich im Grundgesetz steht

Vergriffen

Neuauflage fraglich

Erschienen 2005
100 Seiten
5,95 Euro

Neuaflage 2014
112 Seiten
8,90 Euro

Erschienen 2007
108 Seiten
8,90 Euro

Neuauflage 2017
192 Seiten
13,80 Euro

Erschienen 2009
320 Seiten
9,90 Euro

2016er Version
300 Seiten
18,00 Euro

Dritte Auflage!

Erschienen 2009
220 Seiten
14,95 Euro

Erschienen 2009
236 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2010
208 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2010
232 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2012
228 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2012
244 Seiten
14,95 Euro
Erschienen 2013
144 Seiten
9,90 Euro
Erschienen 2013
144 Seiten
9,90 Euro
Erschienen 2014
148 Seiten
9,90 Euro