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Aus dem dunklen Sklavenschlaf der Gegenwart
durch opfervollen, blutigen Kampf
erringen wir eine neue, eine goldene Zukunft!

Reichskanzler Treugott Rechtschaffen

Ich habe ihn schon erwähnt, den Reichskanzler, dessen Aufgabe es ist, das neue Reich aufzubauen, das Deutsche Reich, das wir uns alle erhoffen. Wir befinden uns in Phase 9 des Phasenzählers, Hungersnot und Bürgerkrieg, russische Besetzung und vernichtende Naturkatastrophen liegen hinter uns. 25 Millionen Deutsche haben überlebt, die erste Ordnung wurde wiederhergestellt. Die Zeit der Feudalherren, die als lokale Machthaber das Überleben organisiert hatten, ist zu Ende, der Kaiser hat die Macht auf sich vereinigt. Noch funktioniert wenig, erste Kohlezechen werden wieder angefahren, ein paar alte Dampflokomotiven fahren auf den Überresten des Schienennetzes, hauptsächlich links des Rheins, in der Umgebung der kaiserlichen Hauptstadt Köln.

Audienz

Treugott Rechtschaffen fühlt sich unwohl. Er hat mit dem alten Regime genügend Ärger erlebt, um jeder Form von staatlichen Eingriffen zu mißtrauen. Er hatte es begrüßt, daß jetzt ein Kaiser das neue Reich regiert, so, wie er es erhofft hatte. Doch das Schicksal hatte ihm noch nie das gegeben, was es scheinbar versprochen und er sich erhofft hatte, folglich geht er auch jetzt davon aus, daß ein anderes Reich entstehen wird, als er so lange beschrieben hatte.

Geh zu deinem Fürsten nicht, wenn du nicht gerufen wirst. Treugott hätte diese Weisheit bereitwillig beachtet, doch der Fürst hatte ihn gerufen. Ein berittener Bote war in Würzburg erschienen und hatte eine Vorladung überbracht, für einen kleinen Beamten des Grafen. Mit einer Pferdekutsche waren sie auf der alten Reichsstraße 8 nach Frankfurt gefahren, hatten mehrmals auf Fähren den Main überquert, denn fast alle Brücken sind immer noch zerstört. In Frankfurt hatte der kaiserliche Herold dafür gesorgt, daß sie von einem Versorgungs-Lkw mit Holzvergaser mitgenommen wurden bis Wiesbaden. Wieder mußten sie eine Fähre benutzen, von Mainz verkehrte täglich ein Güterzug nach Köln, der einen einzelnen Wagen mit Dienstabteil mitführte. Was früher mit dem eigenen Auto drei, bestenfalls vier Stunden gedauert hatte, ist heute eine Reise von einer Woche.

Treugott weiß, daß er im kaiserlichen Palast sitzt. Die Räume sind kahl, zweckmäßig eingerichtet. Kein Vergleich zu den Schlössern, die Treugott früher besichtigt hatte. Auf seiner Vorladung hat ein Dr. Menges unterschrieben, kaiserlicher Ministerialrat. Herr Treugott Rechtschaffen, Würzburg, habe sich unverzüglich nach Köln zu begeben und im Regierungsgebäude vorzusprechen. Treugott fühlt sich zu alt, um noch eine Regierung zu bekämpfen, er ist bereit, sich mit dieser Regierung abzufinden. Er hat genug gesehen und erlebt, junge Leute mit Tatkraft und Idealismus sollten an seiner Stelle die Welt verbessern. Ein alter Mann muß sich irgendwann zurücknehmen, den Jungen die Welt überlassen, damit sie diese so gestalten, wie sie selbst leben wollen.

"Herr Rechtschaffen?"

Treugott hatte sich ablenken lassen und seiner Umgebung keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Er erhebt sich und antwortet: "Ja?"

"Majestät lassen bitten!"

Majestät??? Treugott taumelt, schreitet, schwebt auf die geöffnete Tür zu. Der Raum dahinter ist kleiner als das Arbeitszimmer des Grafen von Würzburg, steht diesem doch die Festung der einstigen Fürstbischöfe zur Verfügung. Und es sieht viel mehr nach Arbeit aus, denn überall lagern Akten auf Büroschränken an den Wänden. Hinter dem wuchtigen Schreibtisch steht ein stattlicher Mann mittleren Alters, bekleidet mit einem preußisch-blauen Uniformrock ohne Rangabzeichen. Treugott erfaßt die Szene mit einem Blick, ihm fällt das Buch auf, das zentral auf dem Schreibtisch liegt.

"Sie sind der Treugott Rechtschaffen, der dieses Buch geschrieben hat?"

Treugott spielt mehrere Verhaltensweisen durch, von der Grundstellung über der tiefen Verbeugung bis hin zum Kniefall. Er verwirft alles und antwortet möglichst unbefangen: "Ja, Majestät."

"Sehr gut." Der Kaiser hält ihm die Hand hin. Einen kurzen Augenblick wirkt der Händedruck schraubstockartig, dann nimmt sich der Kaiser zurück, immer noch hart und fest, doch nicht mehr schmerzhaft. "Ein wenig anders sehen Sie schon aus, verglichen mit ihrem früheren Bild. Aber die Jahre haben uns alle verändert. Bitte, setzen Sie sich!"

Der Kaiser nimmt selbst Platz und betrachtet Treugott lange schweigend. Schließlich nickt er und deutet auf das Buch. "Stehen Sie zu dem, was Sie da geschrieben haben?"

"Jawohl, Majestät."

Der Kaiser nickt und lächelt das erste Mal. "Dann setzen Sie es um!"

Treugott zuckt zusammen. "Majestät?"

"Ich brauche einen Reichskanzler, und wenn Sie das hier immer noch ernst meinen, dann habe ich ihn gefunden."

"Majestät, ich bin ein alter Mann", widerspricht Treugott. "Diese Aufgabe erfordert einen jungen, tatkräftigen Mann. Ganz davon abgesehen, ich würde in Dinge eingreifen, die noch über Menschen bestimmen, wenn ich schon nicht mehr lebe."

"Das, Herr Rechtschaffen, tun wir doch alle", erwidert der Kaiser. "Mit 61 sind Sie noch nicht zu alt, um dieses Amt auszufüllen. Allerdings, und das gebe ich zu, habe ich einen Hintergedanken."

"Majestät?"

Der Kaiser lächelt breiter. "Ich gebe Ihnen drei, vielleicht auch fünf Jahre, um sich unbeliebt zu machen. Dazu ist es gut, schon ein wenig älter zu sein. Nehmen Sie Ihr Buch und reformieren Sie. Ich ernenne Sie zum Reichskanzler, nicht in Anerkennung Ihres Lebenswerks, sondern um die Pfeile auf sich zu ziehen, die auf die neue Regierung unweigerlich abgeschossen werden. Sie sind ständig angefeindet worden, Sie sind das gewohnt. Eines ist jedoch anders: Ab jetzt haben Sie es in der Hand, Herr Reichskanzler! Das heißt, eine Frage müssen Sie noch beantworten: Haben Sie den Mut dazu, der Sündenbock der neuen Regierung zu werden?"

Treugott überlegt einige Minuten, ohne daß ihn der Kaiser stört. "Sie vertrauen mir also dieses Land an, damit ich es in Ihrem Sinne aufbaue?"

"Nein, genau das tue ich nicht." Der Kaiser blickt Treugott tief in die Augen. "Ich vertraue darauf, daß Sie das Land im Sinne des Landes aufbauen werden."

Treugott weicht dem Blick nicht aus und nickt langsam. "Ich bin einverstanden, Majestät."

Im MITA, Abteilung für Wirtschaftsplanung

"Meine Damen und Herren, ich heiße sie hiermit alle in Ihrer neuen Dienststelle willkommen." Treugott Rechtschaffen hatte ein ehemaliges Kloster für sein Ministerium für Industrie, Technologie und Außenhandel requiriert. Die Einfriedungsmauern stehen noch vollständig, von den sechs Gebäuden ist eines intakt und eines zum Teil benutzbar. An einem dritten Gebäude wird gearbeitet, doch prunkvolle Ministerialgebäude genießen keine Priorität beim neuen Reichskanzler. Das ehemalige Refektorium war zur Kantine umfunktioniert worden.

Das hochtrabende MITA besteht nur aus zwei Abteilungen, dem großen Stab für Wirtschaftsplanung und der kleinen Gruppe für den Außenhandel, die in dem teilweise nutzbaren Gebäude untergebracht ist. Es gibt nicht einmal ein Ministerbüro, da Treugott Rechtschaffen dieses Ministerium mitführt und sein Büro im Kaiserpalast hat. Als Chef des Ministeriums hält Treugott seine Antrittsrede vor dem Personal der Planungsabteilung.

"Genau genommen, könnte ich auch Genossinnen und Genossen sagen, denn Sie, meine Damen und Herren, sind rein dienstlich ab sofort planwirtschaftliche Kommunisten. Sie arbeiten in der wichtigsten Behörde des entstehenden Reiches. An Ihnen, meine Damen und Herren, wird es liegen, ob dieser Staat eine erfolgreiche Wirtschaft aufbaut. Sie werden dafür sorgen, daß wir in Köln keine 200 Klempner haben, während in der Eifel weit und breit keiner zu finden ist. Sie werden dafür sorgen, daß die heimische Glasproduktion wieder aufgenommen wird. Um es griffig auszudrücken: Wir brauchen Toilettenschüsseln und Eisenbahnen, Kochlöffel und Kraftwerke. Dies zu planen, wenn immer möglich mit privaten Unternehmern, wenn nötig durch staatliche Programme, wird Ihre Aufgabe sein.

Sie sind hier in einem ehemaligen Kloster; hier haben Menschen für ihren Glauben gelebt und gearbeitet, nehmen Sie sich diese Menschen zum Vorbild. Sie sind hier, um dem neuen Deutschen Reich mit Ihren besten Kräften zu dienen. Und genau wie die ehemaligen Klosterbrüder wird die Belohnung dafür nicht im Diesseits erfolgen! Meine Damen und Herren, Sie sind auf einem mächtigen, aber zugleich verlorenen Posten gelandet! Kein Einziger von Ihnen, im gehobenen oder höheren Dienst, wird jemals befördert werden, solange Sie dieser Abteilung angehören. Sie werden keine neuen Untergebenen und keine neuen Dienstwagen bekommen, solange Sie hier sind.

Warum? Meine Damen und Herren, Sie sind überflüssig! Nicht jetzt, aber sobald das Reich aufblüht. Vor Ihren Fenstern, und jeden Morgen und jeden Abend, wenn Sie über den Hof gehen, werden Sie die neuen Gebäude des Ministeriums heranwachsen sehen. Moderne Gebäude, mit großzügigen gut ausgestatteten Büros, nicht solchen Provisorien, in denen Sie arbeiten müssen. Es sind IHRE neuen Büros, IHRE neuen Dienstposten, die dort entstehen. Posten, auf denen Sie Ihre Karriere fortsetzen können. Allerdings erst dann, wenn Sie Ihren bisherigen Posten überflüssig gemacht haben. Erledigen Sie Ihre Arbeit schnell und effektiv, dann geht es nicht nur aufwärts mit dem Land, sondern auch aufwärts mit Ihnen!

Ich möchte mit einem persönlichen, aber auch öffentlichem Wort an Ihren Chef schließen. Sehr geehrter Herr Staatssekretär Angermeier, lieber Claus, da drüben wird ein Ministerbüro für dich gebaut. Du kannst es beziehen, sobald wir die Abteilung für Wirtschaftsplanung nicht mehr benötigen. Das ist mein Versprechen. Allerdings - trödele nicht, denn dieses Versprechen kann ich nur halten, solange ich Reichskanzler bin. Deshalb, nutze du, nutzen Sie alle die Zeit, dann werden Sie mich beim Wort nehmen können."

Der Beifall der Zuhörer fällt verhalten aus, der Pflicht, nicht der Begeisterung geschuldet. Natürlich, die Leute sind es nicht gewohnt, in dieser Form gefordert zu werden. BRD-Personal, herangewachsen im Dienst nach Vorschrift, Beförderung nach Parteibuch und Vorgesetzten, die Initiative abblocken. Der Reichskanzler würde sie ermutigen müssen, er würde ihnen zeigen, daß jeder, der Besonderes leistet, dafür auch die Lorbeeren ernten würde. Das Reich kann sich keine große Verwaltung leisten, deshalb muß es alles tun, um eine großartige Verwaltung zu bekommen.

Die Expertenrunde

Der Reichskanzler läßt seinen Blick über die versammelte Herrenrunde schweifen. Bankdirektoren, Wirtschaftsprofessoren, das Beste, was im Einzugsbereich von Köln an Fachleuten aufzutreiben ist. Wobei die neue Reichshauptstadt die Spitzen von Konzernen angezogen hatte, eine hochkarätigere Runde hätte die unzerstörte BRD nur mit Mühe zusammenbekommen.

"Meine Herren, ich begrüße Sie in der Arbeitsgruppe zur Reformation des Bankwesens. Ihnen allen ist das Kreditbanksystem bekannt, das wesentlich zum Zusammenbruch des früheren Regimes beigetragen hat. Mir schwebt ein Geldsystem vor, das in staatlicher Hand ist, ohne Privatbanken und ohne das alte Fiat Money. Wir benötigen Geld als Tauschmittel, nicht als Zinsjoch. Haben Sie das alle verstanden oder gibt es zum Zweck dieser Klausur noch Fragen?"

Der Reichskanzler steht am Rednerpult. Hinter ihm, neben der Tür, haben sich zwei große Männer in der Kleidung der Hoflakaien postiert. Große, kräftige Männer, die stattlichsten, die das kaiserliche Wachregiment zu bieten hat. Die Experten im Raum nicken nur beifällig. Treugott weiß, daß sie auf die Verlesung der Tagesordnung warten.

"Fühlt sich einer von Ihnen mangels Ausbildung oder Lebenserfahrung nicht in der Lage, einen Beitrag zu dieser Klausur zu leisten? Es ist keine Schande, wenn Sie sich durch das Thema überfordert fühlen. Also, sind Sie alle willens, nach besten Kräften an dieser Sitzung teilzunehmen?"

Wieder meldet sich keiner. Treugott hat sie richtig eingeschätzt, ihre Eitelkeit hält sie davon ab, jetzt den Saal zu verlassen. "Das ist gut. Ich möchte noch ein paar technische Einzelheiten bekannt geben. Die beiden Türen dort führen zu Toiletten, falls Sie also ein Bedürfnis danach haben, bitte sehr. An der Seite finden Sie Eisschränke. Dort haben wir Ihnen belegte Brote und Getränke bereitgestellt. Schreibmaterial sehen Sie vor sich. Meine Herren, ich werde jetzt diesen Raum verlassen und hinter mir wird die Tür verriegelt. Dieser Raum ist ausbruchssicher, Sie werden solange hier bleiben, bis Sie die Aufgabe gelöst haben oder Ihr Scheitern eingestehen. In diesem Fall werden wir Sie nicht mehr als Experten für Fragen der Volkswirtschaft betrachten. Sie sind erwachsen, deshalb überlasse ich es Ihnen, diese Arbeitsgruppe zu organisieren. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!"

"Das ist Freiheitsberaubung!", ruft einer aus der Runde.

"Nein", antwortet Treugott. "Wenn Sie sich für unfähig erklären, können Sie jederzeit gehen. Also, sind Sie unfähig? Sind Sie eine Fehlbesetzung auf Ihrem Posten? Nein? Dann tun Sie Ihre Pflicht!"

Treugott ignoriert weitere Zurufe und entschwindet durch die Tür. Einer der Leibwächter muß einen Experten zurückstoßen, dann wird die Tür geschlossen und verriegelt. Treugott nickt zufrieden. "Danke, meine Herren. Ich fürchte, ich werde Sie noch einige Male um diesen Dienst bitten müssen."

"Das sind wirklich harte Methoden, Herr Reichskanzler", befindet einer der Soldaten.

"Ich weiß, wir leben ja auch in harten Zeiten." Treugott beschließt, den beiden mehr zu erklären als diese eine Propaganda-Phrase. "Wissen Sie, wie solche Sitzungen früher abgelaufen sind, unter Kanzlerin Merkel? Da hätte jeder von denen ein 'Statement' abgegeben, ein paar wohlklingende Sätze über das Problem, nur keine Lösung dargelegt, um die lieben Kollegen nicht vor den Kopf zu stoßen. Nach ein paar Stunden hat man dann ausgiebig über das Problem geredet, die Kanzlerin tritt vor die Kamera und sagt ebenfalls nichts. Das können wir uns leider nicht mehr leisten. Die Burschen da drinnen sollen ruhig die erste Stunde lamentieren, wie böse ich doch bin, dann widerwillig ihre sinnlosen Reden ablassen, und dann, wenn sie endlich begriffen haben, daß ihre Egoismen nicht weiterhelfen und die Regeln gegen sie sind, endlich anfangen, sinnvoll zu arbeiten."

"Ich verstehe", antwortet der Soldat. "Und am Ende wird das Ihr Erfolg, Herr Reichskanzler."

Treugott lacht auf. "Nein. Ich sage höchstens, daß diese Runde ein großartiges Ergebnis erarbeitet hat und sorge dafür, daß deren Namen auf dem fertigen Konzept auftauchen. Ich habe sie nur zusammengesperrt, mehr nicht. Als Gefängniswärter habe ich nichts zur Lösung beigetragen, also ist das nicht mein Erfolg, sondern deren Erfolg." Er atmet tief durch. "Ich hoffe es jedenfalls. Wenn das Konzept nichts taugt, benötige ich neue Experten und dann haben wir wirklich ein Problem."

Der andere Soldat meint spöttisch: "Ich glaube, Sie würden auch dann eine Lösung finden."

Der Reichskanzler zuckt mit den Schultern. "Vielleicht Schüler und Studenten, denen kein Expertenwissen den Blick verstellt. Wenn ein Zwölfjähriger die richtige Lösung findet, nehme ich sie genauso gerne. Es geht um das Ziel, nicht um Status und Traditionen."

Der BRD-Richter

"Herr Dr. Behle, Sie haben ein Gnadengesuch an Seine Majestät gerichtet. Da das viele Ihrer Kollegen getan haben, hat Seine Majestät mich beauftragt, einen ehemaligen BRD-Richter anzuhören, um das Gesetz zur Aufarbeitung des BRD-Unrechts noch einmal zu überdenken."

Diesen Termin hätte Treugott Rechtschaffen gerne vermieden. Er ist schließlich befangen, er hat das BRD-Unrecht selbst erlebt. Immerhin, der Kaiser hat einen Kandidaten ausgesucht, den Treugott nicht kennt. Der Anzug sitzt sehr locker an dem hageren Mann, den zwei Polizisten in sein Büro gebracht hatten. Er ist schlecht rasiert und seinen Händen sieht Treugott das Arbeitslager an. Die übliche Strafe, körperliche Arbeit. Das Reich liegt in Trümmern, da wird jede Hand gebraucht, deshalb gibt es keine Gefängnisstrafen, sondern die Arbeitslager. Die Sträflinge arbeiten nicht anders und nicht mehr als normale Bauarbeiter, zehn Stunden am Tag und sechs Tage die Woche. Nur tun sie es nicht freiwillig und die Wärter fluchen anders als die zivilen Poliere.

Dr. Behle hat Glück gehabt. Als das Volk sich erhoben hat, wurde vielen seiner Kollegen noch nicht einmal die Wahl gelassen, ob sie aufgehängt oder erschossen werden wollten. Wer damals als Vertreter der Staatsmacht erkannt wurde, wurde oft genug totgeschlagen oder im fünften Stock aus dem Fenster geworfen. Treugott hatte damals sein Haus nicht verlassen, sich von allem fern gehalten. Später hatten Leute mit ihren Gewalttaten geprahlt...

"Sie entscheiden demnach über mein Gnadengesuch?", folgert der Jurist.

"Nein", erwidert der Reichskanzler. "Das ist eine erzieherische Maßnahme des Kaisers gegen mich, ich soll mit den Folgen meines Tuns konfrontiert werden. Es geht um die Qualität eines Reichsgesetzes."

"Trotzdem, wenn Sie ein gutes Wort für mich einlegen, wird Seine Majestät mich begnadigen."

"Das mag durchaus sein", gibt Treugott zu. "Aber das liegt jenseits meiner Kompetenzen. Ich habe mich darauf festgelegt, keine solche Empfehlung auszusprechen. Es geht um das Gesetz, das einen Fehler haben könnte, nicht um Sie als Person und nicht um mich als Person."

Nach dem ersten Bestechungsversuch hatte Treugott das Stummer-Zeuge-Prinzip eingeführt. Seither trifft er sich nicht mehr allein mit Besuchern, er hat immer einen Zeugen bei sich, der das Gespräch verfolgt. Dieser stumme Zeuge hat bisher weitere Avancen verhindert.

"Da höre ich den Dissidenten heraus..."

"Als den haben mich Ihre Kollegen nicht bezeichnet", unterbricht Treugott. "Da war ich immer nur ein Volksverhetzer oder Holocaustleugner."

"Leute wie Sie haben jedenfalls dafür gesorgt, daß der entfesselte Mob auf meine Kollegen losgegangen ist", hält ihm der frühere Richter vor.

"Das war nicht nötig." Soll Treugott dem Mann von den Schauungen erzählen? Eine kleine Andeutung vielleicht, um auszuloten, ob er sich damit befaßt hatte. "Die ganze Lumperei kam eben auf... Ich bin nicht stolz auf meine Vorgänger, die BRD-Kanzler. Diese konnten sich auf die Justiz stets verlassen, Sie haben willig die gewünschten Urteile gefällt."

"Haben Sie dafür einen Beweis? Haben Sie ein einziges von mir ausgefertigtes und unterschriebenes Urteil?"

"Nein." Treugott hätte ihm antworten können, daß BRD-Richter nie Urteile unterschrieben haben, um genau diese Beweise nicht zu liefern. Im Reichsgesetz wird das als Heimtücke ausgelegt, und diese Heimtücke hat Dr. Behle jetzt gerade bestätigt. "Sie hätten jedoch die Verfahren abweisen, die Angeklagten freisprechen oder wenigstens ganz milde Strafen verhängen können."

"Das ging nicht, da wäre ich selbst dran gewesen."

"Wieso? Als unkündbarer Beamter waren Sie abgesichert, und Gefahren für Leib und Leben haben zu keiner Zeit bestanden."

"Ja, sicher, aber ich wäre versetzt worden, mich hätten sie bei Beförderungen konsequent übergangen." Dr. Behle lacht auf. "Es gab eine ganze Reihe von Repressalien, von denen Außenstehende nichts wissen. Wir hatten keine Wahl, wir mußten mitmachen. Und deshalb haben wir auch mitgemacht, wir alle!"

Der Reichskanzler nickt. Der Mann wollte ein angenehmes Leben führen, gut bezahlt werden - also niedere Beweggründe, wegen denen er andere Menschen unter die BRD-Gesetzeswillkür gebeugt hatte. "Aber Sie haben gewußt, daß es Unrecht war?"

"Hm."

"Oder waren Sie unfähig im Amt? Ich kenne den Ablauf eines juristischen Studiums nicht, ich bilde mir jedoch ein, daß dafür eine gewisse Grundintelligenz von Nöten ist. Also, haben Sie gewußt, daß Sie Unrecht sprechen?"

Dr. Behle zuckt mit den Schultern. "Summum ius, summa iniuria, Sie verstehen?"

"Ja, so weit reicht mein Latein noch." Die alte Formel, wonach die Anwendung der Gesetze durchaus zu Unrecht führt, wertet Treugott als Geständnis. Böse Absicht, niedere Beweggründe und Heimtücke bei der Ausführung - kein Zweifel, das Gesetz ist berechtigt. "Danke, Sie haben mir sehr geholfen."

Dr. Behle will sich nicht so einfach wegschicken lassen. "Und Sie? Werden Sie mir helfen?"

Treugott überlegt einen Augenblick. "Wären Sie bereit, sich als Kronzeuge zur Verfügung zu stellen, um die Machenschaften der BRD-Justiz aufzuklären?"

Ohne zu zögern antwortet der ehemalige Richter: "Ja!"

"Danke. Ich denke, damit ist alles geklärt." Treugott gibt dem Zeugen ein Zeichen, damit dieser die Polizisten holt. Danach wendet sich der Reichskanzler dem Zeugen zu: "Sie sehen unzufrieden aus."

"Haben Sie das mit dem Kronzeugen ernst gemeint?"

"Sehr ernst", erwidert der Reichskanzler. "Das war ein allerletzter Test. Er wollte, ohne zu zögern, seine Kollegen, seine Kameraden verraten. Jetzt wissen wir, wie viel Ehre dieser Mann im Leib hat."

"Gar keine", folgert der Zeuge. "Die BRD-Justiz hat vor allem ehrloses Gesindel angezogen."

"Ja", bestätigt der Reichskanzler und seine Stimme klingt traurig. "Aber ich glaube nicht, daß alle so sind. Summum ius, summa iniuria - wenn wir das Gesetz über alles stellen, begehen wir ebenfalls Unrecht. Das Gesetz ist berechtigt, das hat dieses Gespräch deutlich gezeigt. Um der Gerechtigkeit willen müssen wir jedoch den Weg zur Gnade öffnen." Er seufzt und blickt dem Zeugen in die Augen. "Es wird verdammt schwer, die Unschuldigen herauszufinden und die Bekehrten, denn diese Leute sind es gewohnt zu schauspielern. Aber wir müssen es tun, sonst sind wir nicht besser als sie."

Synagogenbauer

Obwohl Treugott Rechtschaffen im ehemaligen BRD-Fernsehen Juden in moderner Kleidung gesehen hatte, hatte er bärtige Gestalten im Kaftan, mit Lockenfrisur, Kippa oder zumindest schwarzem Hut erwartet. Er weiß jedoch, daß er mit solchen Erwartungen nie richtig liegt und die beiden älteren Herren wären auf keiner Straße aufgefallen. Nach der Begrüßung fordert er die Herren auf, ihr Anliegen vorzutragen.

"Die jüdische Gemeinde in Köln benötigt ein Zentrum, um den Herrn angemessen zu preisen. Wir wollen der Gemeinde eine Synagoge bauen, damit sich jüdisches Leben wieder entfalten kann."

Der Reichskanzler zuckt mit den Schultern. "Das Reich gewährt Religionsfreiheit, Sie benötigen dazu keine Erlaubnis. Bitte, bauen Sie."

"Danke, aber wir benötigen dafür Unterstützung. Das Projekt ist zu groß für die Juden von Köln."

"Was hindert Sie daran, jüdische Gemeinden in anderen Städten um Hilfe zu ersuchen?" Treugott überlegt einen Moment. "Sicher, Israel ist verloren und New York zerstört, Ihre internationale Basis also deutlich geringer als früher, doch bei dem Zusammenhalt Ihrer Gemeinschaft müßte eine solche Hilfe doch zu organisieren sein?"

"Wir haben auf Ihre Hilfe gehofft. Dem Deutschen Reich sollte daran gelegen sein, daß sich jüdisches Leben wieder entfaltet."

Treugott atmet tief ein. "Nach dem, was Ihr Volk dem Deutschen Reich allein im letzten Jahrhundert angetan hat, dürfen Sie von uns nicht mehr als Toleranz erwarten. Toleranz ist Duldung, keine Förderung. Wenn die Mittel Ihrer Gemeinde nicht ausreichen, wenn Ihre Gemeinde nicht bereit ist, die erforderlichen Arbeiten in Eigenleistung zu erbringen, dann ist Ihre Gemeinde nicht lebensfähig."

"Wenn erst die Synagoge steht, werden Juden aus dem ganzen Reich nach Köln kommen, dann wird das eine lebendige Gemeinde werden", wenden die Herren ein. "Das Deutsche Reich würde das Zentrum der Juden der ganzen Welt werden."

"Ich fürchte, darauf legen wir keinen Wert", entschied der Reichskanzler. "Das christliche Abendland wird kein christlich-jüdisches Abendland werden. Was Sie aus eigener Kraft auf die Beine stellen, bleibt Ihnen unbenommen. Toleranz bedeutet keine Unterstützung, Sie werden keine Hilfe bekommen."

"Aber die Gemeinde besteht nur aus alten Leuten, wie sollen die eine solche Aufgabe bewältigen?"

Treugott schüttelt den Kopf. "Wenn die Gemeinde bereits stirbt, wäre es Verschwendung, sie künstlich am Leben zu erhalten. Es steht Ihnen frei, sich im Reich zu assimilieren. Es wird Sie auch niemand daran hindern, das Reich zu verlassen. Wenn Sie Ihre Besonderheiten ausleben wollen, dürfen Sie das gerne tun, allerdings wird niemand, ich wiederhole: NIEMAND Sie dabei unterstützen."

"Aber das ist..."

"Das Gespräch ist beendet. Ich danke für Ihren Besuch, ich werde diese Entscheidung als verbindliche Vorgabe an alle Gebietskörperschaften des Reiches weiterleiten."

Die neue Kirche

"Meine Herren, ich habe Sie als die Vertreter aller christlichen Konfessionen zusammengerufen, um die künftige Form des Gottesdienstes mit Ihnen zu besprechen." Treugott bemerkt ein neues Gefühl in sich, den Gefallen an der Macht. Die Kirchenvertreter würden sich gleich aufregen, und Treugott fiebert diesem Ausbruch mit Genuß entgegen. Eine menschliche Schwäche, ja, und er muß dagegen angehen. Doch dazu ist jetzt der falsche Augenblick, er kann sich nur genau beobachten und dieses Gefühl ausleben.

"Ich möchte, daß Sie künftig in Ihren Gottesdiensten ein Gebet für Kaiser und Reich sprechen, die Reichshymne singen, und mit Ihrer Gemeinde das Gelöbnis an das Reich aufsagen."

Der Reichskanzler läßt die Herren Kirchenvertreter eine Viertelstunde reden. Zwei von ihnen wollen akzeptieren, drei ein paar Auflagen durchsetzen und sieben wehren sich vehement gegen dieses Ansinnen. Treugott hat das erwartet. "Meine Herren, darf ich Ihre Worte so auffassen, daß Sie sich eine Einmischung des Reiches in Ihre Angelegenheiten verbitten?"

"JA!", brüllt der Kardinal aus Köln, der Erzbischof von Mainz nickt gravitätisch und sogar die gerade noch kompromißbereiten evangelischen Bischöfe schließen sich an.

"Das ist durchaus möglich, meine Herren. Sie kennen sicher die Stelle im Evangelium, wo Jesus sagt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers ist?"

"Ja", erwidert der Kardinal. "Aber er fordert auch, Gott zu geben, was Gottes ist!"

"Wenn Sie dem alle zustimmen, sind wir uns bereits einig", folgert Treugott.

"Sie stehen in dem Ruf, Ihre Gesprächspartner zu überfahren", sagt der Kardinal anerkennend. "Das kann ich jetzt bestätigen. Was also ist Ihrer Meinung nach des Kaisers und was Gottes?"

Der Reichskanzler zuckt mit den Schultern. "Ich weiß, daß es nicht einfach ist, denn jeder Staatsbürger ist zugleich Christ und jeder Christ zugleich Staatsbürger."

"Das wäre schön", wendet der evangelische Bischof der neuen Kirchenprovinz Preußen ein. "Auch wenn viele Juden und die meisten Muslime das Land verlassen haben, auch wenn nach den Katastrophen viele Gläubige zur Kirche zurückgekehrt sind, so leben noch immer Millionen Atheisten unter uns."

"Ja, da haben wir es: deren Bekehrung ist Ihre Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, sie zu guten Staatsbürgern zu formen. Und wir haben eine gemeinsame Aufgabe: diese Menschen zu guten Deutschen zu erziehen." Der Reichskanzler hebt die Hand, um die Einwände zu unterbinden. "Sie kennen sicher den Spruch: Halt du sie dumm, ich halt sie arm? Dieses Programm darf nicht mehr ablaufen! Ich möchte das erste Mal in der Weltgeschichte ein Land voller gebildeter und wohlhabender Bürger schaffen. Dazu reichen Schulen nicht aus, dazu müssen die Kirchen ihren Beitrag leisten.

Können Sie mit dem Begriff Staatsreligion etwas anfangen? Denken Sie an die anglikanische Kirche! Nicht katholisch, nicht evangelisch, sondern christlich - und ohne die Fehler, die ein brünstiger König darin eingebaut hat. Die Katholiken haben sich dem römischen Papst längst entfremdet und bei den Protestanten hatte ich in der Endzeit der BRD das Gefühl, daß es denen mehr um Schwule und Lesben ging als um Jesus Christus.

Meine Herren, soll ich Sie in einen Raum sperren und Sie solange festhalten, bis Sie ein neues, vereinigtes Christentum für das Deutsche Reich ausgearbeitet haben? Oder genügt es Ihnen, wenn ich Ihnen sage, wie ich mir eine Staatsreligion vorstelle? Sind Sie bereit, sich untereinander zu einigen? Das Reich übt religiöse Toleranz, diese Toleranz ist die Duldung aller Religionen. Duldung heißt Besteuerung, die Staatsreligion hingegen wird gefördert."

Einer der Freikirchler, die Treugotts ursprünglichen Vorschlag akzeptiert hatten, meldet sich. "Sie haben bestimmt schon einige Ideen entwickelt. Dürfen wir die schon jetzt erfahren?"

"Ja, gerne." Treugott holt eine Liste hervor. "Werfen Sie das Alte Testament über Bord. Wir brauchen im Christentum keine hebräischen Legenden, wozu diese führen, haben Sie an den Kreuzzügen und am Aufstieg und Untergang des zionistischen Israels gesehen. Nehmen Sie die Lehre von der Wiedergeburt in die offizielle Bibel auf, die vor 1.500 Jahren entfernt wurde. Hölle, Fegefeuer und Paradies überlassen Sie dem Mittelalter. Der deutsche Kaiser wird das weltliche Oberhaupt und der Schutzherr der Kirche, mit repräsentativen Aufgaben, aber ohne theologischen Einfluß. Er wird nicht in die Verwaltung oder die Personalstruktur der Kirche eingreifen.

Der Ritus der Kirche wird die tridentinische Messe, in lateinischer Sprache. Der Glaube soll ein Mysterium sein, Deutsch würde ihn profanisieren. Die katholische Beichte wird von allen Kirchen praktiziert, als seelsorgerischer Akt, aber bitte nicht mit dem Zwang, daß Schulkinder alle vier Wochen in den Beichtstuhl getrieben werden. Die Kirchen kümmern sich um das Seelenheil, der Staat um das weltliche Wohlergehen der Menschen. Wir würden gerne ohne kirchliche Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Altersheime auskommen, aber überall für den geistlichen Beistand sorgen.

Die Kirche beschickt ein Beratergremium, das einmal im Jahr mit Seiner Majestät konferiert. Die Kirche entsendet ebenfalls in jedes Kabinett auf Reichs-, Bundesland- und Gauebene einen Vertreter im Ministerrang. Der Kirchenvertreter hat jederzeit Zugang zum jeweiligen Vorsitzenden, also zum Reichskanzler, zu jedem Ministerpräsidenten und zu jedem Gaupräsidenten. Das, meine Herren, ist die Diskussionsgrundlage. Ich denke, Sie haben jetzt genug Gesprächsstoff für die nächsten vier Stunden. Ich werde Sie jetzt verlassen - und ich versichere Ihnen, der Raum wird nicht abgeschlossen."

Elsaß-Lothringen

Der Reichskanzler wundert sich, was die Franzosen von ihm wollen. Er kennt die Versorgungslage in den linksrheinischen Gebieten jenseits der Reichsgrenze. Politisch sollte es dort stabil sein, die Departement-Regierung hat sich zwar den neuen Zeiten angepaßt, sie war jedoch nicht zerfallen. Trotzdem waren vor zwei Tagen Franzosen in Freiburg aufgetaucht und hatten darum gebeten, nach Köln gebracht zu werden. Den Zeitpunkt haben sie gut gewählt, denn seit zwei Wochen gibt es eine Eisenbahnlinie, durchgängig von Freiburg über Karlsruhe, Mannheim, Wiesbaden, Mainz bis nach Köln.

"Meine Herren, seien Sie mir willkommen." Die Kampfemanzen der BRD-Vergangenheit waren Geschichte, wichtige Delegationen bestehen heute nur noch aus Männern. Und sie sind klein, denn für einen großen Troß gibt es keine Transportmöglichkeiten.

"Herr Reichskanzler, wir haben eine Bitte." Die Herren sprechen mit Akzent, doch das kann genauso gut ihr Dialekt sein. Der Delegationsleiter zögert einen Moment, atmet tief ein, als müsse er Kraft in seine Lungen saugen. "Wir wollen heim ins Reich!"

Treugott glaubt, nicht richtig gehört zu haben. "Sie wollen...? Sprechen Sie etwa für das ganze Elsaß? Wir haben in den letzten 150 Jahren drei Kriege gegen Frankreich gefochten, wir wollen garantiert keinen vierten führen."

"Es nicht nur geht um Elsaß, es auch geht um Lothringen", fügt ein anderes Mitglied der vierköpfigen Delegation hinzu.

"Kennen Sie die Lage im Elsaß und in Lothringen?", fragt der Delegationsleiter.

"Besser als bei uns", erwidert der Reichskanzler. "Krieg und Katastrophen haben Sie weitgehend verschont. Sie können sich selbst versorgen und sogar Ihre Regierungsstruktur ist intakt. Dagegen hat das Reich vor einem Jahr noch aus über 50 - nennen wir sie Fürstentümer - bestanden."

"Bevor der Kaiser daraus ein neues Reich geschaffen hat, und bevor Sie diesem Reich eine neue Zukunft gegeben haben", sagt der Delegationsleiter. "Im Osten haben Sie nicht gezögert, Österreich ins Reich aufzunehmen, das Sudetenland und Schlesien."

"Das war aus humanitären Gründen unumgänglich, die Chemiewaffenzone quer durch Polen hat diese Gebiete abgeschnitten. Allein wären sie nicht lebensfähig gewesen."

"Richtig, und wir sind allein ebenfalls nicht lebensfähig", erwidert der Delegationsleiter. "Sie haben die Überreste der Niederlande, Flandern und Luxemburg in den Reichsverband aufgenommen, und wir, Elsaß und Lothringen, haben als alte deutsche Provinzen das gleiche Recht, uns dem Reich anzuschließen. Unsere alte Infrastruktur war komplett auf Paris ausgerichtet, zur neuen Hauptstadt Avignon haben wir keinerlei Verbindung. Lassen Sie den Rhein wieder zu Deutschlands Strom werden, nicht länger Deutschlands Grenze sein!"

"Diese Parole ist nicht neu", sagt Treugott. "Damit wurden Kriege begründet."

"Es wird keinen Krieg geben", versichert der Lothringer. "Frankreich war Paris, und Paris ist untergegangen. Hundert Jahre - bestenfalls, wenn sich dieses Land überhaupt jemals wieder erholt. Bezeichnen Sie uns ruhig als Opportunisten, doch wenn es um Wiederaufbau geht, wollen wir lieber mit den Besten zusammengehen."

Herr Rechtschaffen nickt langsam. "Eines sind Sie auf jeden Fall: ehrlich. Wir müssen die Aufnahme ins Reich abwägen. Wir dürfen Frankreich nicht vor den Kopf stoßen, wir müssen uns überlegen, wie wir die Franzosen für Ihren Abfall entschädigen. Womöglich werden wir Sie zuerst nur in den Deutschen Bund aufnehmen und erst, wenn wir uns mit Frankreich geeinigt haben, in den Reichsverband. Die Regierung wird zusammentreten und die Angelegenheit besprechen. Die Entscheidung werde am Ende nicht ich treffen, sondern Seine Majestät. Haben Sie Einwände gegen dieses Vorgehen?"

Der Elsässer lächelt. "Nein, Herr Rechtschaffen. Wir wissen schließlich, daß Ihre Regierung sehr schnell entscheidet."

Damit hat er recht, denn die Probleme dieser Zeit lassen es nicht zu, sie lange zu zerreden. Die Regierung besitzt nicht einmal eine eigene Fraktion im Reichstag, doch dort sitzen keine Parteifunktionäre mehr, sondern deutsche Patrioten. In seinem Buch hat Treugott Rechtschaffen das Reich größer und größer werden lassen, Italien und Teile Afrikas ins Reich eingegliedert. Und da soll er jetzt, wo das erste neue Gebiet um Aufnahme ersucht, noch zögern?

Als Autor war es leichter, denn der ist Herr aller Geschehnisse. Ein Reichskanzler ist nicht so mächtig, er muß viel mehr beachten, muß Rücksicht auf die Nachbarn nehmen. Trotz allem, es ist richtig, Elsaß-Lothringen heim ins Reich zu holen. Schon alleine, um die vielen Fehler des 20. Jahrhunderts zu überwinden. Ja, die Reichsregierung entscheidet schnell. Der Reichskanzler muß deshalb noch schneller entscheiden, er muß der Regierung sagen, was gut ist für das Reich.

"Ja, meine Herren, wir werden schnell entscheiden. Und dann wird das Gold-Rot-Schwarz des Reiches über Elsaß-Lothringen wehen."

Amerikanische Investoren

"Herr Reichskanzler, wir vertreten ein internationales Konsortium, das die Interessen amerikanischer Investoren in Ihrem Land bündelt."

Der internationale Handel ist noch immer sehr gering. Kohle und Öl sind zu teuer, um sie unter Schiffskesseln oder in Schiffsdieseln zu verbrennen. Die großen Schiffe, die von den Tsunamis aufs Land geworfen worden waren, dienen weltweit als Rohstoffquellen. Kleinere Schiffe hatte man ins Wasser gezogen und zu Seglern umgerüstet. Wo einst Tag für Tag Millionen Tonnen bewegt wurden, sind es jetzt nur ein paar tausend im Jahr. Es würde nicht so bleiben, die Abteilung für Wirtschaftsplanung hat bereits den Bau einer Werft begonnen.

Nachrichten reisen schon wieder um die Erde. Nicht per Satellit, sondern über Kurzwellentelegraphie. So war die Kunde von dem Gesetz zur Enteignung ausländischen Besitzes im Deutschen Reich über den Atlantik gelangt. Diese Herren hatten den nächsten Segler genommen, um hier vorzusprechen. Immerhin, registriert Treugott zufrieden, die Mitglieder der Delegation beherrschen alle Deutsch. Das zeigt, daß die Amerikaner Respekt vor dem Land im Zentrum Europas haben.

Staatssekretär Angermeier, den der Reichskanzler zusammen mit Finanzminister Dr. Endres zu dem Treffen hinzugezogen hat, will die Besucher festlegen: "Heißt das, daß wir bezüglich ehemaligem US-Besitz im Reich nur mit Ihnen zu reden brauchen?"

"Ja, das heißt es", bestätigt Mr. Silverstine, der Führer der Delegation. "Es geht um 76.000 Wohnungen, 163 kommunale Anlagen, 84 größere Firmenbeteiligungen und 221 Millionen Aktienanteile."

"Unser Gesetz ist eindeutig", erklärt Kanzler Rechtschaffen. "Der Wiederaufbau unseres geschundenen Landes läßt ausländisches Eigentum nicht zu. Wir haben deshalb alle Eigentümer zu Gunsten des Reiches enteignet. Gerade Sie als Amerikaner sollten das Verfahren kennen, in den USA wurden Deutsche schon mehrmals enteignet."

"Das waren kriegsbedingte Beschlagnahmungen", antwortete Silverstine. "Sie hätten diese Kriege nicht anfangen sollen."

Treugott haut mit der Faust auf den Tisch. "Behalten Sie Ihre Propagandalügen für sich! Die Weltkriege wurden dem Reich aufgezwungen, das ist historisch nachgewiesen! Und weil Sie das Thema Krieg angesprochen haben: Der zweite Weltkrieg wurde nie beendet, es gibt bis heute keinen Friedensvertrag, nur einen Waffenstillstand durch die Kapitulation der Wehrmacht. Das Reich darf somit amerikanisches Eigentum auf seinem Gebiet mit dem gleichen Recht beschlagnahmen, das Sie sich angemaßt haben. Wir sind bereit, mit Regierungsvertretern einen Friedensvertrag abzuschließen und betrachten das beschlagnahmte Eigentum als erste Rate auf die amerikanischen Reparationen an das Deutsche Reich."

"Was bilden Sie sich ein, Sie anmaßender..."

Treugott tut es selten, aber er kann laut schreien, wenn es nötig ist. "Ich bilde mir ein, daß die fünf Nachfolgestaaten der USA zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um sich allzusehr mit europäischen Angelegenheiten zu beschäftigen. Ich bilde mir weiterhin ein, daß die großmächtige US-Armee nicht mehr existiert. Und ich bilde mir ein, daß die Zeit der amerikanisch-jüdischen Weltherrschaft für alle Zeiten vorüber ist."

In der Stille nach diesem Ausbruch sagt Dr. Endres im sanften Ton: "Von Ihren 76.000 Wohnungen sind mindestens 70.000 zerstört. Wir haben drei Viertel unserer Bevölkerung verloren, deshalb sind die Grundstücke ebenfalls ziemlich wertlos. Ihre Firmenbeteiligungen? Schauen Sie sich die Ford-Werke hier in Köln an! Oder General Motors bzw. Opel in Rüsselsheim. Bevor diese Werke wieder produzieren, müssen Milliarden investiert werden, um die nötige Infrastruktur bereitzustellen. Wir werden das garantiert nicht tun, um anschließend steuerfreie Profite nach Amerika zu überweisen."

Dr. Ehrlichman, der Finanzexperte der Delegation, widerspricht: "Selbst wenn unsere Investitionen derzeit in schlechtem Zustand sind, sind sie nicht wertlos. Die Aktienbeteiligungen an deutschen Firmen müssen ebenso berücksichtigt werden wie die amerikanischen Patente, die nach der Wiederinbetriebnahme dieser Firmen weiterhin genutzt werden."

"Vergessen Sie die Patente", rät Treugott. "Zum einen dürften die bei der 'Wiederinbetriebnahme', die eher ein kompletter Neubau werden wird, längst veraltet sein, zum anderen sollten wir die deutschen Patente der 'Operation Paperclip' gegenrechnen und dafür Nutzungsentgelt verlangen."

"Lassen Sie doch diese alten Geschichten", bittet Mr. Silverstine.

"Das würden wir liebend gerne", gibt Herr Angermeier zurück. "Aber da diese Angelegenheiten niemals rechtlich abgeschlossen wurden, sind sie weiterhin relevant."

"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", fügt Dr. Endres an. "Dies hier ist eine Aufstellung Ihrer Investitionen zum 1. August, also zum Inkrafttreten des Repatriierungsgesetzes. Wir haben die Wohnungen mit durchschnittlich einer Viertelunze Gold bewertet, die teilzerstörten kommunalen Anlagen mit jeweils 50 Unzen, jede US-Tochterfirma mit 2.500 Unzen und jede Aktie mit einer Tausendstel Unze. Wir kommen damit auf 458.150 Unzen Gold. Wir runden um knappe fünf Prozent auf und bieten Ihnen 480.000 Unzen entsprechend 15 Tonnen Gold als einmalige und endgültige Entschädigung an. Im Gegensatz zu den früheren USA beabsichtigen wir friedliche Lösungen solcher Probleme."

"480.000 Unzen Gold?" Dr. Ehrlichman weiß, daß dies ein gutes Angebot ist, eine wichtige Kapitalinjektion in die Wirtschaft der neuen amerikanischen Staaten. Er hält dies für den Ausgangspunkt der Verhandlungen, er beabsichtig, den Betrag zumindest zu verdoppeln. Die Konföderierten Staaten von Amerika und die Republik Texas hatten auf eine Goldumlaufwährung gesetzt, die Freien Staaten von Amerika, die ehemalige Ostküste, aus der diese Delegation stammte, das Zentralbanksystem beibehalten. Mit dem Gold würde die Zentralbank sehr viele Liberty-Dollar erzeugen und so einen Vorteil erlangen. Die beiden anderen Staaten, die Indianische Republik und das chinesische Westküstenterritorium, würden nichts abbekommen. "Das erachte ich für sehr wenig."

Treugott lächelt böse. "Halten die Herren den Gegenwert von zehn Millionen Unzen für angemessener?"

"Zehn Millionen?", staunt Mr. Silverstine. "Aber natürlich!"

"Können Sie haben. Am 11. September 2008..." - über dieses Datum grinst Treugott besonders - "...betrug der Preis für eine Unze Gold knapp 740 Dollar. Wenn wir Ihnen also zehn Milliarden Dollar in Lehman-Zertifikaten übergeben, die damals unseren Rentnern angedreht worden sind, dann deckt das Ihre Forderung sehr großzügig ab. Sie können auch amerikanische Staatsanleihen haben. Wir sind da flexibel."

"Aber diese Zertifikate und Anleihen sind völlig wertlos", widerspricht Mr. Silverstine.

"Es ist Ihre Entscheidung", meint Dr. Endres. "480.000 Unzen Gold oder ein paar Milliarden Finanzschrott, was immer Sie wünschen."

"480.000 Unzen sind trotzdem erschreckend wenig", wendet Dr. Ehrlichman ein.

Herr Angermeier lacht auf. "Dann legen wir ein paar Lehman-Zertifikate drauf."

"Das ist...", setzt Dr. Ehrlichman an.

"...unser bestes Angebot", vollendet Treugott. "480.000 Unzen und kein Gramm mehr. Nehmen Sie Bedenkzeit, soviel Sie wollen. Lehman-Zertifikate geben wir Ihnen gerne tonnenweise dazu."

"Wir würden uns gerne zur Beratung zurückziehen", bittet Mr. Silverstine.

"Wie sie wünschen." Treugott bringt die Herren persönlich in ein freies Besprechungszimmer.

Dr. Ehrlichman schaut sich gründlich um. "Ist das der berüchtigte Raum, in den Sie Ihre Expertenrunden einsperren?"

"Nein." Treugott lacht auf. "Der ist da drüben - und es ist nicht mehr nötig, solche Runden einzusperren. Ich habe es nur zweimal tun müssen, seither verlaufen solche Treffen erstaunlich diszipliniert und effektiv."

In seinem Büro erwarten ihn die Einschätzungen seiner Berater. "Ich denke, sie haben verstanden, daß sie nicht mehr bekommen werden", vermutet der Finanzminister.

Der Staatssekretär für Wirtschaftsplanung nickt eifrig. "Ja - und sie werden Feuer spucken, wenn sie erfahren, daß wir Ihnen einen Scheck auf den Goldbestand der Federal Reserve Bank mitgeben werden."

"Das ist deren Problem", sagt der Reichskanzler. "Rein formal lagern bei der FED noch über 3.000 Tonnen BRD-Gold. Mehr als genug, um jegliche Schulden in den Ex-USA zu bezahlen." Er seufzt leise. "Das wird für böses Blut sorgen, weil Texas und die Konföderierten annehmen, daß die Ostküste sich den Schatz unter den Nagel gerissen hat."

"Das Problem dürfte geringer sein als Sie annehmen", vermutet Dr. Endres. "Ob das Gold real vorliegt oder nur als Scheck, ist völlig egal. Die verbuchen den Eingang des Goldes und drucken daraufhin massenweise Geld. In Fort Knox hatten die alten USA auch kein Gold mehr. Papiergeld bekommt seinen Wert durch den Glauben daran - und den Glauben werden diese Herrschaften zu wecken wissen."

Herr Angermeier blickt ihn spöttisch an. "Lassen Sie mich raten: Sie hätten das früher so getan?"

Dr. Endres zieht es vor, darauf nicht zu antworten.

Audienz

"Sie bitten selten um eine Audienz, Herr Rechtschaffen, und diesmal haben Sie sogar auf die Dringlichkeit bestanden. Also, was ist so wichtig, daß Sie den Kaiser benötigen?"

Treugott Rechtschaffen lächelt verlegen. "Ich habe den Satz verinnerlicht, nicht zu meinem Fürsten zu gehen, wenn ich nicht gerufen werde. Und den Kaiser brauche ich, um gegen die Regierung vorzugehen."

Der Kaiser lehnte sich zurück. "Um gegen SIE vorzugehen, Herr Rechtschaffen? Mit Ihren Ministern sind Sie bislang bestens zurecht gekommen."

"Ja, richtig, Majestät, gegen mich sollen Sie vorgehen. In den letzten sechs Monaten wurde der Wiederaufbau vorangetrieben, unser Eisenbahnnetz umfaßt 10.000 Kilometer. Wir können absehen, daß wir in einem Jahr das ganze Reich angebunden haben. Die rostenden Überbleibsel der BRD-Gesellschaft versorgen uns mit Schrotteisen, bis unsere Erzbergwerke in Lothringen angefahren werden - wir haben Kohle und Stahl, wir sind jetzt wieder in der Lage, mit dem Überfluß des einen Gaus die Not eines anderen zu decken. Die Planungsabteilung des MITA hat bereits ein Zehntel ihrer Mitarbeiter an die Abteilung Außenhandel abgegeben. Die Dinge laufen prächtig."

"Ja, ich weiß, Sie leisten gute Arbeit, Herr Rechtschaffen. Allerdings sind Sie nicht besonders beliebt."

"Ja, Majestät, mein Führungsstil ist zu unkonventionell. Ich möchte, daß Sie die Menschen im Land mit der 55-Stunden-Woche belohnen. Der freie Samstag Nachmittag soll den Deutschen zeigen, daß sie auf dem richtigen Weg sind."

Der Kaiser nickt. "Das tue ich sehr gerne - bloß, warum soll ich es tun und nicht Sie?"

Treugott lächelt. "Als Kanzler ist es meine Aufgabe, meinen Kaiser gut aussehen zu lassen. Sie, Majestät, sind für die Wohltaten zuständig, und ich..." - er lächelt breiter - "...ich bin dagegen. Es ist noch sehr viel aufzubauen, deshalb will ich die 60-Stunden-Woche beibehalten. Durch dieses kleine Manöver zeigen wir der Öffentlichkeit, wer der Chef und wer der Angestellte ist. Etwa zehn Prozent der Arbeiter müssen noch 60 Stunden ableisten, da werden wir Überstunden bezahlen. Wir können uns das mittlerweile leisten, die Finanzreform zeitigt schon gute Erfolge."

"Haben Sie weitere Arbeitszeitreduzierungen geplant?"

"In einem Jahr können wir den Samstag arbeitsfrei machen, in zwei Jahren die 45-Stunden-Woche und in drei die 40-Stunden-Woche einführen", berichtet Treugott. "Wobei ich hoffe, daß wir eine ganz andere Arbeitswelt bekommen, in der nicht die Stunden der Fron gezählt werden, sondern der Stolz auf die geleistete Arbeit die Schaffenden erfüllt. Ich fürchte jedoch, daß dies eine unerfüllbare Utopie bleiben wird."

"Sie sind weit über Ihr Buch hinausgegangen", stellt der Kaiser fest. "Und ich habe den Eindruck, daß Sie zehn Jahre jünger geworden sind, seit unserem ersten Zusammentreffen. Mir scheint, ich habe den Richtigen für diese Aufgaben ausgewählt."

Treugott lacht auf. "Ein guter Satz, Majestät. Ich hoffe, daß Sie sich den merken, falls Sie in zwanzig Jahren eine Büste von mir aufstellen lassen."

© Michael Winkler